Literatur

Ein Gerechter unter den Völkern

Dieter Ferdinand
9. Mai 2018

In Krakau südlich der Weichsel liegt der Stadtteil Podgórce, in dem das NS-Regime 1941 ein Ghetto errichtete, das bis Ende 1943 bestand. Mitten im Ghetto am »Friedensplatz« arbeitete und wohnte der polnische Pharmakologe Tadeusz Pankiewicz. Als einziger Nicht-Jude erhielt er von den Nazis eine Sondergenehmigung, seine Apotheke weiter zu betreiben und dort auch zu wohnen.

Krakauer Juden wurden gezwungen, die Mauer um das Ghetto im Stil jüdischer Grabdenkmäler zu bauen. Auch der in Krakau geborene Augsburger Ehrenbürger Mietek Pemper (1920 – 2011) lebte im Ghetto und berichtete darüber in einem Kapitel seines Buches »Wie es zu Schindlers Liste kam« – früherer Titel: »Der rettende Weg«.

Zunächst entwickelte sich im Ghetto ein vielfältiges Leben mit einer Jüdischen Zeitung, einem Kinderheim, Kliniken, Altersheimen, einem rituellen Badehaus und einem Tanzcafé. Die Apotheke war Anlaufstelle für alle und Ausgangspunkt für viele Rettungstaten. Sie wurde zum Ort eines geheimen Judaistik-Unterrichts, zum Treffpunkt des Untergrunds und zum Versteck für wertvolle Tora-Rollen.

Als das gezielte Morden im Ghetto beginnt, sieht Pankiewicz, wie die SS mit zunehmender Brutalität vorgeht. Alle Kinder werden von den Eltern getrennt. »Die Angst um das Schicksal der Kinder raubt den Menschen den Verstand.« (S. 206) Alte und kranke Menschen werden verspottet, misshandelt und ermordet. Die Jüdinnen und Juden, die zur Ermordung geführt werden, gehen mit Würde und schweigend in den Tod. »Das Schweigen der Opfer versetzte sie (die Deutschen) in Raserei«. (S. 158) 1943 werden die wenigen noch Lebenden in die KZs Auschwitz, Treblinka oder Plaszów gebracht.

Tadeusz Pankiewicz schrieb 1946/47 auf, was er erlebt hat. 1960 erschien sein Buch in Polen. Er gab darin vielen Ermordeten ihre Namen zurück und benannte zahlreiche polnische Helfer*innen. Er veröffentlichte die Namen der Täter und sagte bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen aus. 1995 erschien die erste deutsche Ausgabe seines Buches. Eine zweite Auflage wurde nicht mehr gedruckt. Anfang 2018 hat Jupp Schluttenhofer aus Friedberg bei Augsburg einen Reprint herausgegeben.

In einer Zeit, in der Leugnung des Holocaust, Antisemitismus und Angriffe auf jüdische Menschen und Einrichtungen zunehmen, ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur Wachsamkeit, gegen das Vergessen und für eine friedvolle Zukunft.

In der Apotheke am heutigen Plac Bohaterów (Heldenplatz) wurde in den 80er-Jahren ein Museum eingerichtet. Es dokumentiert das Martyrium der Ghettobewohner*innen und das helfende Wirken des Apothekers. Für seinen Einsatz zur Rettung vieler jüdischer Menschen wurde Tadeusz Pankiewicz 1983 mit dem israelischen Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern« ausgezeichnet. Er starb 1993 85-jährig in Krakau.

Das Buch »Die Apotheke im Krakauer Ghetto«, 288 Seiten, mit einem Vorwort von Ignatz Bubis und einem Geleitwort von Teddy Kollek ist zu einem Preis von 25 Euro in folgenden Buchhandlungen erhältlich: Buchhandlung am Obstmarkt, Bücher Pustet, Probuch, Rieger+Kranzfelder und Taschenbuchladen Krüger in Augsburg sowie Bücher-Max in Neusäß und lesenswert! in Friedberg. Darüber hinaus bietet die Neue Stadtbücherei Augsburg ein Exemplar zur Ausleihe an.


Abbildung oben: Tadeusz Pankiewicz mit seinen Mitarbeiterinnen (v. l.) Helena Krywaniuk, Aurelia Danek und Irena Droździkowska. (Foto: Historical Museum of the City of Kraków)

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