Glanzstück

7. Mai 2019 - 14:09 | Patrick Bellgardt

Das Museum im Wittelsbacher Schloss in Friedberg feiert am 12. Mai seine Wiedereröffnung. Besucher*innen sind eine Woche lang eingeladen, die Ausstellung bei freiem Eintritt neu zu entdecken.

Vor rund einem halben Jahr öffnete das Wittelsbacher Schloss seine Pforten als Kultur- und Veranstaltungszentrum. Die prominent über dem Lechrain thronende ehemalige Grenzfeste wurde in über dreijähriger Bauzeit von der Stadt Friedberg saniert und modernisiert. Im Mai folgt nun zeitversetzt ein weiterer wichtiger Baustein im Gesamtkonzept des 1257 errichteten Wahrzeichens: das runderneuerte Museum, das mit seiner über 130-jährigen Geschichte zu den frühen Gründungen in Bayern zählt. Vom Nordwest- in den Südflügel des Schlosses verlagert, können Besucher*innen künftig in sieben Abteilungen der Friedberger Vergangenheit nachspüren.

»Allein schon räumlich gesehen wird der Rundgang ein ganz neues Erlebnis sein«, freut sich Dr. Alice Arnold-Becker. Die Museumsleiterin hat knapp vier Wochen vor dem Eröffnungstermin arbeitsintensive Wochen hinter – und noch vor – sich. Bei unserem Besuch werden gerade die letzten Schreiner- und Vitrinenarbeiten durchgeführt. Parallel dazu läuft die Objektmontage und das Einleuchten der Exponate. Während die Ausstellung zuvor in wenigen großen Räumen gezeigt wurde, sind es nun viele kleinere Raumeinheiten. »Mit diesem Umstand sind die Gestalter sehr gut umgegangen, indem sie beispielsweise die Schaukästen direkt vor die Wände und nicht in den Raum gesetzt haben. Zusätzlich wurde mit Durch- und Ausblicken gearbeitet, um eine gewisse Großzügigkeit entstehen zu lassen«, erklärt Arnold-Becker.

Das inhaltliche Konzept der Präsentation stammt aus der Feder der Historikerin, für die Inszenierung zeichnet das vielseitig tätige Atelier Hammerl & Dannenberg aus München verantwortlich. Ein Hauptaugenmerk liegt auf Mitmachstationen, die es in dieser Form im alten Museum nicht gegeben hat. »Wir sind der Meinung, dass man über Greifen ›Begreifen‹, über Fassen ›Erfassen‹ kann. In den verschiedenen Abteilungen wird es deshalb Bereiche geben, in denen Kinder, aber auch Erwachsene etwas ausprobieren und entdecken können«, erzählt die Museumschefin. Junge Besucher*innen werden künftig von Philipp, einem Uhrmacherlehrling aus dem 18. Jahrhundert, begleitet. Die von der Friedberger Grafikdesignerin Michèle Greiner entworfene Figur dient ihnen als Orientierungshilfe.

Startpunkt des in sieben Abteilungen gegliederten Museumsrundgangs ist in einem kleinen, lichtdurchfluteten Raum in der Tordurchfahrt des Schlosses. Unter dem Blick von Herzog Ludwig dem Strengen, dem einstigen Erbauer der Grenzfeste, lässt sich die Schlosshistorie erkunden. Geschichten der früheren Burgherr*innen gibt es hier ebenso zu entdecken wie Fundstücke aus Grabungen. Eintritt in diesen kleinen Saal wird nicht erhoben – er soll Bürger*innen und Tourist*innen zu einem Museumsbesuch einladen.

Die eigentliche Besichtigung beginnt im ersten Obergeschoss mit der Stadtgeschichte. Die über Jahrhunderte andauernde Grenzlage bedeutete für Friedberg regen Handel und Einnahmen, andererseits waren die Bewohner*innen feindlichen Angriffen ausgesetzt. Das Thema »Grenzstadt« wird erstmals in der Dauerausstellung thematisiert. Neu ist unter anderem auch ein Modell, mit dem sich Friedbergs Charakter als geplante – und nicht gewachsene – Stadt mit den geraden und parallel verlaufenden Straßen anschaulich nachvollziehen lässt.

Weiter geht es mit dem international beachteten Herzstück der Sammlung: den Uhren. Fünf Säle sind ihnen gewidmet. Über Jahrhunderte war Friedberg eine bedeutende Uhrmacherstadt. Im 18. Jahrhundert waren hier zeitweise rund 80 Meister gleichzeitig tätig. Sie vertrieben ihre Schätze im gesamten Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation – wohl bis ins Osmanische Reich hinein. Im Filmraum wird in die technisch spannende Thematik eingeführt. Neben originalen Meisterwerken werden Uhrmacherwerkzeug und ein auf 30 Zentimeter vergrößertes Taschenuhrmodell präsentiert. Fingerfertigkeit ist an der Mitmachstation gefragt. Hier können Besucher*innen selbst versuchen, eine Uhr zusammenzubauen.

Zwischen 1754 bis 1768 produzierte eine Fayence-Manufaktur feinste Tonwaren im Wittelsbacher Schloss. So kurz dieser Betrieb Bestand hatte, so groß ist der Seltenheitswert seiner Produkte. Einige davon sind im neu gestalteten Museum zu sehen. Der Clou: Die feinen kunsthandwerklichen Erzeugnisse stehen nun fast genau an dem Ort, an dem sie einst hergestellt wurden.

Die fünfte Abteilung – die letzte im Obergeschoss – führt viele Millionen Jahre zurück. Die umfassende archäologische Sammlung umfasst Stoßzähne von Urelefanten, Funde wie Keramik und Steingeräte, aber auch die Grabinschrift des ersten namentlich bekannten Friedbergers: Flavius Vettius. Zur Illustration der Exponate hat das Museum große Grafiken und Zeichnungen anfertigen lassen, die die Menschen jener Zeiten anschaulich zum Leben erwecken.

In den Gewölberäumen im Erdgeschoss stehen sakrale und zeitgenössische Kunst im Mittelpunkt. Erstere wird in zwei Sälen mit einem Schwerpunkt auf dem Thema Wallfahrt präsentiert. Letztere fokussiert sich auf drei sehr unterschiedliche Friedberger Künstler: Karl Müller-Liedeck (1915–2009) stellt in seinen teils großformatigen, opulent gestalteten Gemälden Bezüge zur Philosophie und zur klassischen Literatur her. Fritz Schwimbeck (1889–1977) wurde von dem düsteren Wittelsbacher Schloss seiner Kindheit stark geprägt, wuchs er doch in dessen Gemäuern auf. Reinhart Heinsdorff (1923–2002) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Münzmedailleure. Von ihm stammt unter anderem der Entwurf der deutschen Seite des Eurocents mit dem Brandenburger Tor.

Nach dem Rundgang lädt das kleine Museumscafé zum Verweilen ein – bei schönem Wetter mit Zugang zur Schlossterrasse. Die Gastronomie wird vom Museumsteam betrieben und kann während der regulären Öffnungszeiten auch unabhängig von einem Ausstellungsbesuch genutzt werden. »Mein Wunsch ist es, dass gerade Familien das Wittelsbacher Schloss als Gesamtpaket für sich entdecken. Unsere Gäste können sich über Friedbergs Geschichte informieren und unterhalten lassen, im Café entspannen, durch den Park spazieren oder den dortigen Spielplatz besuchen«, blickt Alice Arnold-Becker voraus.

Im nächsten Jahr steht das Friedberger Schloss in einem besonderen Rampenlicht: Die Bayerische Landesausstellung zum Thema »Stadt befreit. Wittelsbacher Gründerstädte« wird von Mai bis  November 2020 hier und im ehemaligen Feuerwehrhaus in Aichach zu sehen sein. Für die vom Haus der Bayerischen Geschichte veranstaltete Schau werden der Große Saal, der Rittersaal und die Fürstengalerie genutzt. Das Museum bleibt räumlich unangetastet und bildet – auch thematisch – die logische Ergänzung des geplanten Rundgangs. Erwartet wird eine sechsstellige Besucherzahl.


Hereinspaziert! Die ersten Wochen im neuen Museum

Das Museum im Wittelsbacher Schloss feiert am Sonntag, 12. Mai, von 10 bis 17 Uhr seine Wiedereröffnung. Neben einem musikalischen und kulinarischen Rahmenprogramm werden Cicerone in den einzelnen Abteilungen für Fragen der Besucher*innen zur Verfügung stehen. Der Eintritt ist frei.  Da der Zugang in die Museumsräume eine begrenzte Kapazität bietet, ist der Eintritt auch in der ersten Woche nach der Wiedereröffnung bis einschließlich Sonntag, 19. Mai, dem Internationalen Museumstag, frei. Am Montag, 13. Mai, ist das Museum geschlossen.

Die Öffnungszeiten des Museums: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, montags geschlossen. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 4 Euro, ermäßigt 3 Euro. Familien (zwei Erwachsene und minderjährige Kinder) zahlen 6 Euro. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre sind frei.

Von prachtvollen Uhren, seltenen Funden und feinen Herrschaften erzählt die Überblicksührung »Friedberg in Objekten«. Sie wird jeden ersten Sonntag im Monat, im Juni jeden Sonntag, von 14 bis 15 Uhr angeboten.

Das museumspädagogische »Entdeckerprogramm für Kinder« startet in den Pfingstferien mit der Veranstaltung »Es blüht so bunt!« am Freitag, 14. Juni, von 10 bis 12 Uhr. Überall im Museum haben sich bunte Blumen und Insekten versteckt. Kinder ab acht Jahren erleben eine spannende Reise durch das Schloss und gestalten anschließend duftende Blumengrüße für Zuhause.

Weitere Informationen finden Sie unter:
www.museum-friedberg.de


Abbildung: Detail einer höfischen Prunkuhr, um 1725 (Foto: Andreas Brücklmair)

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