Gleich gleich #3

8. März 2019 - 9:04 | a3redaktion

a3kultur sprach mit sieben Menschen aus unserer Region über ihre Erfahrungen und Positionen zum Thema Gleichheit. Teil 3: Tülay Ates-Brunner, Geschäftsführerin der Tür an Tür – Integrationsprojekte gGmbH

»Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.« Über 70 Jahre nach der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bleibt dieses große gemeinsame Ideal der Menschheit noch immer Utopie. Global betrachtet könnten die Lebensbedingungen und Verwirklichungschancen nicht ungleicher sein. Denken wir in einem kleineren Rahmen und blicken auf unseren Alltag, begegnet uns der Wert der Gleichheit in den unterschiedlichsten Ausprägungen und Themenfeldern. a3kultur sprach mit sieben Menschen aus unserer Region über ihre Erfahrungen und Positionen. Sie zeigen: Gleichheit ist eine Maxime, die wir nicht aufgeben sollten. Protokoll: Patrick Bellgardt


Tülay Ates-Brunner, Geschäftsführerin der Tür an Tür – Integrationsprojekte gGmbH:

Mit drei Jahren bin ich als Gastarbeiterkind nach Deutschland gekommen. Das Thema Gleichheit ist mir sehr früh begegnet. Wir haben damals im Stadtteil Oberhausen gewohnt –  in einem Haus, in dem in der Außenwahrnehmung nur Türken gelebt haben. In der Innenperspektive war es multiethnisch. Es wurde fast auf jedem Stockwerk eine andere Sprache gesprochen. Alle wussten: Wir sind nicht gleich. Von außen wurden wir jedoch so wahrgenommen.

Meine Kindheit war geprägt vom »Wir« und vom »Ihr«. Es gab eine spürbare Trennung. Ich weiß, dass viele unter diesem Eindruck leiden und gelitten haben – für mich war das nicht so. Es war mit inneren und äußeren Kämpfen verbunden, aber letztlich konnte ich daraus sehr viel Freiheit schöpfen. Spätestens als ich angefangen habe zu studieren, habe ich gemerkt: Ich muss in keine Schublade passen, weder den einen noch den anderen Konventionen entsprechen.

In meinem VWL-Studium haben Fragen der Gleichheit, der sozialen Gerechtigkeit so gut wie keine Rolle gespielt. In der Volkswirtschaftslehre geht es um das ökonomische Gleichgewicht, in der Betriebswirtschaft um Gewinnmaximierung. Wir sehen, dass diese Konzepte nicht aufgehen, doch der Mainstream sagt: Weitermachen wie bisher! Das finde ich schon erschreckend.

»Wir arbeiten mit dem Konzept der ›Diversity‹, was begrifflich erst einmal das Gegenteil von Gleichheit ist. Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch: Gleichheit ist die Voraussetzung dafür, dass Vielfalt funktioniert.«

Eine der Hauptaufgaben von Tür an Tür ist die Integration von Migrant*innen und Geflüchteten in den Arbeitsmarkt. Wir versuchen den Fokus der Arbeitgeber*innen von der jahrzehntelang vorherrschenden Defizit- hin zu einer Kompetenzorientierung zu lenken. Leider macht der Name in einer Bewerbung immer noch den Unterschied – dazu gibt es vielfältige Studien. Wir befinden uns in einem Umbruch: Deutschland ist auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Der Blick wird sich öffnen müssen. Nichtsdestotrotz war der Diskurs vor dem so betitelten »Flüchtlingsjahr« 2015 weiter, als er heute ist. Jetzt sind wir wieder an einem Punkt, an dem wir darüber diskutieren müssen, ob Migration ein Problem ist oder nicht. In meiner Wahrnehmung hatten wir dies bereits abgehakt: Deutschland ist ein Einwanderungsland.

All die Projekte von Tür an Tür zielen auf die Schaffung von gleichberechtigten Teilhabechancen für neu zugewanderte Menschen ab – den Abbau von Hürden und diskriminierenden Strukturen in unserer Gesellschaft. Wir arbeiten im Alltag mit dem Konzept der »Diversity«, was begrifflich erst einmal das Gegenteil von Gleichheit ist. Auf den zweiten Blick erkennt man jedoch: Gleichheit ist die Voraussetzung dafür, dass Vielfalt funktioniert.

Mehr zum Thema in der a3kultur-Printausgabe März 2019:
https://a3kultur.de/ausgabenarchiv

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