Glück oder Vorhaben

16. November 2017 - 6:55 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Teil 17: Glück oder Vorhaben.

Man riskierte kaum etwas, wenn man eine große Wette abschließen würde, dass in irgendeiner Abhandlung über Auswanderung oder Einwanderung früher oder später das magische Wort Glück, Fortunes, Fortuna, Faire Fortune, Buena Suerte vorkommt. Das Wort wird vom Betrachter und vom Betroffenen mit derselben festen Überzeugung, dass sie das richtige Wort gewählt haben, eingesetzt. Sie bezweifeln, dass an ihm etwas Falsches, Pathetisches, Demagogisches, Selbsttäuschendes sein könnte. Und so ergibt es sich, dass nach den deutschen Grenzen Fortuna zum Glück wird, und Glück zu Fortunes auf Ellis Island. Fortune bleibt Fortune von Dublin nach New York oder nach Neuseeland, aber jenseits der Pyrenäen wird aus Buena Suerte Faire Fortune, und mit weiteren Glücksvarianten könnte man heute noch von Norden nach Süden, von Ost nach Westen reisen. Das Wort muss sich so fest in der Wahrnehmung der Aus-/Einwanderung eingegraben haben, dass selbst hochkompetente Wissenschaftler wie der Geograf Jared Diamond sich der Macht kodifizierter Sprachbilder nicht entziehen können, wenn es darum geht, das Vorhaben der Auswanderer knapp und fast beiläufig auf den Punkt zu bringen, wie er dies im Kontext der Einwanderung nach Australien tut, indem er im Jahr 2005 anmerkt:

»The unique exception was Australia, whose immigrants for many decades arrived not to seek their fortunes but because they were compelled to go there.« (Collapse, S. 388)
»Hier [Australien] wanderten Menschen über viele Jahrzehnte hinweg nicht ein, um ihr Glück zu versuchen, sondern weil sie dazu gezwungen wurden.« (Kollaps, S. 479)

Durch die Veröffentlichung des Aufsatzes von Everett S. Lee A Theory of Migration, 1966, ist allerdings das Wort »Glück« ab Mitte der Sechzigerjahre durch die Push-Pull-Faktoren als Deutungsmuster der Aus- bzw. Einwanderung nur zum Teil verdrängt worden. Everett S. Lees Push-Pull-Faktoren besagen, dass Menschen durch Arbeitslosigkeit bedrängt werden, dahin zu gehen, wo sie durch Arbeitsangebote angezogen werden. In der Tat kostet es keine große Mühe, Everetts Theory of Migration Glauben zu schenken. Ihre Evidenz würde keinen Zweifel aufkommen lassen, gäbe es nicht Menschen, die keine Theoriebücher lesen und dennoch dazu fähig sind, eine Entscheidung zu treffen, wie ihr Leben zu verlaufen hat. Diese Entscheidung wird sehr früh durch die bekannte Frage eingeübt: »Was willst du werden, wenn du mal groß bist?« Ich zum Beispiel habe darauf geantwortet, dass ich Rechtsanwalt werden wolle, und hatte dazu noch die Erklärung parat. Ich wollte Rechtsanwalt werden, weil ich meiner kindlichen Vorstellung nach als Rechtsanwalt täglich Nudeln mit Tomatensoße hätte essen können, was es bei uns selten gab. Im übertragenen Sinn bin ich meinem kindlichen Lebensprojekt treu geblieben. Ich bin nicht so verblendet, als dass ich nicht erkennen könnte, wie bestimmend wirtschaftliche Zusammenhänge in das Leben der Menschen angreifen können. Aber ich erkenne auch, dass die Betroffenen unter denselben wirtschaftlichen Bedingungen unterschiedlich agieren. Einige entscheiden sich, auszuwandern – andere, zu bleiben. Anders gesagt: Einige sehen die Möglichkeit, ihr Lebensprojekt am Geburtsort zu verwirklichen, andere sind der Meinung, sie sollten sich den Ort aussuchen, wo es ihnen gelingen wird, ihr Lebensprojekt zu realisieren. Um eine überdeutliche Zahl zu nennen: Zwischen 1955 bis heute haben vier Millionen Italiener in Deutschland gelebt. Derzeit leben ca. 700.000 Italiener in Deutschland und es darf angenommen werden, dass mehr als die Hälfte von ihnen hier geboren worden ist. Die Zahlen besagen einfach, dass Menschen keine Pakete sind, die in einem Push-Pull-Verfahren zur Disposition gebracht werden können. Dies kann kurzzeitig gelingen, letztendlich gilt aber das eigene Lebensprojekt. Unter welchen günstigen oder ungünstigen Voraussetzungen Lebensprojekte entworfen und umgesetzt werden, gehört zu den Hauptthemen der interkulturellen Literatur Europas, die von Anfang an die Aus- und Einwanderung innerhalb von Europa sehr kritisch begleitet hat.

Wie gesagt, für Exilierte, Einwanderer und Flüchtlinge ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und bereit sind, sich nicht durch unglückliche Theorien ablenken zu lassen.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.
www.chiellino.eu

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