Griechische Eröffnung

20. Februar 2015 - 11:26 | Jürgen Kannler

Wann haben wir die Augsburger Politik so hilflos erlebt wie zuletzt beim Thema Theatersanierung?

* Die neu errechneten Sanierungskosten für das Augsburger Stadttheater gehen ins Bodenlose. Aus 100 Millionen Euro wurden erst 200, dann 230. Sind es bald 300 Millionen oder noch mehr? Nach oben scheint es in diesem Prozess keine Grenzen zu geben. Dieses Vabanquespiel bedroht die Existenz unseres Stadttheaterbetriebs.  

* Noch ist der Bürgerbeteiligungsprozess zum Thema »Sanierung? Das schaffen wir spielend!« in vollem Gange, da werden von städtischer Seite Pläne veröffentlicht, die diesen demokratischen Prozess als Farce entlarven.

* Die Stadtregierung schließt die Reihen und steht zum Millionenprojekt, das keine Finanzierungsbasis hat. Im politischen Tagesgeschäft kennt man diese Taktik als griechische Eröffnung. Und selbst wenn die jetzigen Sanierungspläne in irgendeiner Form bezahlbar sind, haben sie das Potenzial, unsere Kulturlandschaft auf Dauer zu schädigen. Hier steht nur ein Gewinner fest: Es ist die Bauwirtschaft.   

* Vermehrt tauchen aus der Stadtgesellschaft Stimmen auf, die einen Bürgerentscheid zum Thema »Stadttheater um jeden Preis am alten Ort?« diskutieren. Das Alte Stadtbad und die Neue Stadtbücherei verdanken diesem Werkzeug angewandter Demokratie ihre Existenz. Sollten die Befürworter dieses Prozesses zur Tat schreiten, bräuchten sie weniger als 10.000 Unterschriften, um den Bürgerentscheid zu erzwingen. In weniger als zehn Wochen hätten sie das Quorum wohl erreicht. Die Regierungsallianz würde jedoch spätestens bei 5.000 Unterschriften bröckeln und in der Schlussrunde würde sich der OB an die Spitze der Bürgerbewegung stellen.   

Zu den Renovierungsplänen für das Theater Augsburg gibt es Alternativen. Es ist Zeit, diese anzugehen. In diesem Kontext muss vor allem auch die Standortfrage diskutiert werden. Wie sinnvoll ist es, unter allen Umständen am Standort Kennedyplatz festzuhalten? Geeignete Freiflächen in der City gibt es nicht. Politik und Stadtgesellschaft tun sich aber schwer, kulturelle Entwicklungspotenziale außerhalb der Stadtgrenzen von 1700 zu heben. Damit behindern sie den Entwicklungsprozess von Augsburg. Stadt und Region boomen. Heute zählt die Stadt knapp 280.000 Einwohner, vor wenigen Jahren ging man noch von rund 250.000 aus.  

Dass eine sachgerechte Renovierung des Stadttheaters für die aus politischem Kalkül ins Spiel gebrachten 100 Millionen Euro nicht zu haben ist, überrascht nur naive Gemüter. Die Stadt beweist in großer Regelmäßigkeit, dass sie kaum in der Lage ist, Bauprojekte von weit geringerer Dimension termingerecht und etatsicher zum Abschluss zu bringen. Man konnte, ohne Schwarzmaler zu sein, davon ausgehen, dass auch beim Projekt Theatersanierung die Zahlen nicht stimmen. Trotzdem hielten die Verantwortlichen an diesen Fantasiesummen fest und haben damit wertvolle Zeit zur längst fälligen Neuorientierung in der Theaterfrage verstreichen lassen. Ein schwerer Fehler zum Nachteil unserer gesamten Kulturregion. Die Verantwortung dafür trägt die Politik.

Von den Parteien wurde das Thema nahezu komplett aus dem Wahlkampf herausgehalten. Der skizzierte Finanzierungsweg, dass Staat und Stadt die Kosten im Verhältnis 45 : 55 Prozent tragen, war zu verlockend einfach. Dass die Zusage aus München jedoch mit einer Deckelung der Gesamtkosten von maximal 100 Millionen Euro einhergeht, wurde verdrängt. Keiner sprach vom Kostenrisiko, das komplexe Sanierungsarbeiten oft zu überschatten droht. Standortalternativen wurden zu keinem Zeitpunkt diskutiert. Doch gerade in einem Neubau läge eine echte Chance für Stadt und Region und nicht zuletzt auch für das Theater selbst, dem sich an einem neuen Ort auch ungeahnte Chancen für die Zukunft eröffnen würden. Aus diesen Gründen hat a3kultur schon 2013 die Standortfrage ins Spiel gebracht, konkret mit der Idee eines Theaterneubaus am Lech, auf Höhe der alten Schlachthöfe.

Die Vorteile einer solchen Variante liegen auf der Hand. Sie heißen Planungssicherheit und Zukunftsfähigkeit. Am Beispiel des oberösterreichischen Linz kann man sehen, wie andere Städte mit dem Thema umgehen. Die Linzer eröffneten im April 2013 nach vier Jahren Bauzeit ein neues Haus für 1.200 (!) Besucher (Foto). Baukosten: 150 Millionen Euro inklusive Verkehrsanbindung und Tiefgarage. Doch nicht nur das. Durch die Verlegung des Theaterbetriebs in den Volksgarten im ehemaligen Arbeiterbezirk Blumenau wurde die Linzer Innenstadt vergrößert und dieser Korridor für Stadtentwickler hochinteressant. Auch dem stetig wachsenden Augsburg würde es gut zu Gesicht stehen, nicht mehr in den Grenzen von 1700 zu denken, sondern die Chancen einer wachsenden Stadt wahrzunehmen und Stadtteile abseits der alten Fuggerstadt nachhaltig aufzuwerten. 

Vielleicht sollten wir uns auch einmal die Frage stellen, wer an einem Stadttheater, zementiert für immer und ewig am Kennedyplatz, in erster Linie profitiert. Wer das Ausgehverhalten der Augsburger zu lesen weiß, der ahnt bereits, die benachbarte Gastronomie ist es nicht. Der Schlüssel zu dieser Frage liegt wohl vielmehr im vielfältigen Interessengeflecht der Grundstückseigner am sogenannten Fuggerboulevard. Hier käme ein renoviertes Theater als attraktives Kopfende der Straße einer eleganten Investitionssicherung gleich.

Doch wer sagt denn, dass nicht beides geht: ein neues Theater am Lech, das den Fluss endlich in die Stadt zurückbringt, und ein Kulturhaus am Kennedyplatz. Nach dem Umzug des Theaters ließe sich der Großteil des Komplexes kommerziell verwerten. Für die Bürger aus Stadt und Region sollte jedoch das Gesicht des Ensembles als Ort der kulturellen Begegnung erhalten bleiben. Und wer die Stadt kennt, weiß, dass es mehr als nur eine gute Idee für die Nutzung dieser Flächen gibt.    
 

Sanierung? Das schaffen wir spielend! Was bringt uns die Sanierung des Theaters? 15. März ab 11 Uhr Hearing – Themen-Workshops

Das Publikum ist eingeladen, Kernthesen und Quintessenzen der drei vorangegangenen Impulsreferate in Workshops mit den jeweiligen Referenten zu diskutieren. Die Ergebnisse werden anschließend in einem Podiumsgespräch im Foyer des Großen Hauses vorgestellt.

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