Politik & Gesellschaft

Ein großer Liedermacher

Iacov Grinberg
9. Dezember 2015

Laut Programm sollte Wolf Biermann nach einigen Reden mit Liedern und Gedichte auftreten und ich wollte diese Möglichkeit, ihn „live“ zu hören und zu sehen, nicht verpassen.

Mir war Wolf Biermann schon seit Beginn der 70er-Jahre bekannt. Damals waren in den sozialistischen Ländern schon Tonbandgeräte verbreitet und einige Studenten aus der DDR, die in meiner Uni in Moskau als Austauschstudenten waren, hatten ein Band mit seinen Liedern mitgebracht. Natürlich konnten wir mit unserem damaligen Deutsch das Gesungene nur ganz grob verstehen, aber der Klang und die Stimmung der Lieder ließen keinen Zweifel: es waren Lieder von feiner Lyrik und Zivilprotest.

Solche Lieder waren uns damals nicht unbekannt. Es gab auch in der UdSSR einige Liedermacher und Sänger, deren Lieder auf Tonbändern verbreitet wurden und die eine enorme Wirkung auf die Gesellschaft hatten. Diejenigen, die damals nicht in den sozialistischen Ländern lebten, können kaum die Bedeutung solcher Protestlieder einschätzen. Die staatliche sozialistische Propaganda war sehr wirksam, Sendungen von „feindlichen Stimmen“ (so nannte damals der Volksmund „Voice of America“, BBC und Deutsche Welle) wurden heimlich gehört, aber das waren Stimmen von draußen, man hatte einen inneren Vorbehalt vor solchen Stimmen. Die Protestlieder stammten dagegen von Personen, die drin, in der Mitte dieser Gesellschaft waren. Man vertraute diesen Liedern viel mehr, sie waren sozusagen authentisch und konnten keine feindliche Propaganda sein. Ausgerechnet solche Lieder und Gedichte erschütterten die Tragsäulen der sozialistischen Mythen wirksam.

Manchmal gelang es auch, den einen oder anderen solcher Liedermacher „live“ in kleinen Sälen zu hören, es war besonders interessant. Das waren in der Regel große Persönlichkeiten. Einen solchen, auch mit einer großen Verspätung, mochte ich also unbedingt „live“ sehen und hören. Und ich habe im Goldenen Saal einen großen Künstler erlebt, der nach den sehr emotionalen Dankesworten sein leidenschaftliches Schaffen mit großen Expression darstellte.

Am Ende der Veranstaltung erzählte mir Wolf Biermann, woher seine Leidenschaft stammt. Er wuchs in einer kommunistisch geprägten Familie auf, seine Mutter mochte aus ihm einen Kämpfer erziehen, der den Hitler rächen sollte. Mit dieser Stimmung übersiedelte er 1953, als die Menschen scharenweise nach Westen drängten, in die DDR. Dort, sagte er, hat er eine schreckliche Lektüre bekommen, realer Sozialismus à la DDR. Seine Leidenschaft war ein Ausdruck der Rechtfertigung für die niedergetretenen Ideale seiner Jugend. Er, der aus einer Familie stammte, die Opfer des Nazi-Regimes war, hat daraufhin seine Stimme gegen das neue Regime erhoben.

Mich wunderte es, dass in dem Saal meistens Menschen von 55+ waren. Freilich, es gab vier Schulklassen, aber sonst fast keine Jugend. Ich fragte in einer Kanzlei eine junge Dame, Rechtsanwaltsangestellte, ob der Name Wolf Biermann ihr etwas sagt – nichts. Selbst der Rechtsanwalt, Jahrgang 1971, erinnerte sich, dass es einen Sänger mit dieser Name gibt, sagte aber, dass aus seiner Generation nur wenige diesen Sänger kennen würden. Doch noch vor 25 Jahren, vor dem Mauerfall, war sein Lied Ermutigung „fast zum Volkslied“ oder sogar zur „heimlichen Nationalhymne der DDR“ geworden!

Später sagte mir ein Bekannter, dass das mangelnde Interesse wohl an der Art der feierlichen Veranstaltung im Goldenen Saal liege. Falls es wirklich so ist, kann ich nur hoffen, dass man ein Konzert von Wolf Biermann in Augsburg organisiert, um die Jugend seine Gedichte und Lieder in seiner Interpretation hören und erleben zu lassen. Es lohnt sich, unbedingt.
(Iacov Grinberg)

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