Großes Kino aus Großbritannien

14. September 2020 - 6:32 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im September mit »The King’s Men: The Beginning« und »David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück«

Gesellschaftlich und politisch gebeutelt von Brexit und Covid-19 dämmern unsere Nachbarn von der Insel scheinbar langsam ihrem Untergang entgegen. Noch dazu bricht das Königshaus so langsam auseinander. Erst fliehen Meghan und Harry aus dem goldenen Käfig der Monarchie, dann stellt sich heraus, dass Prinz Andrew eng verbandelt war mit dem verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein und möglicherweise sogar selbst einer ist. Queen Lizzy ist da sicher »not amused« ...

Herzogin Meghan aber, ehemals Schauspielerin, hat vielleicht doch ein bisschen cineastisches Hollywood-Glück hinterlassen. Denn filmisch hat die Nation, die uns einst Meisterwerke wie »Blow up« (1966), »Get Carter« (1971) oder Guy Ritchies Gangsterfilme beschert hat, auch heute noch einiges an Schlagkraft auf der Leinwand zu bieten. Welche Filme das sind und was Sie im September sonst noch im Kino oder an der frischen Luft sehen können, erfahren Sie wie immer hier:

Als Prequel zu »Kingsman: The Secret Service« (2015) und »Kingsman: The Golden Circle« (2017) erzählt »The King’s Men: The Beginning« (17. September; CinemaxX, Cinestar, Cineplex) treffend tituliert die Vorgeschichte der Spionageorganisation Kingsman zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der junge Conrad (Harris Dickinson) wird vom Duke of Oxford (Ralph Fiennes) in die Welt der britischen Spionage eingeführt. Dabei trifft er auf zahlreiche historische Figuren wie die ikonische Tänzerin Mata Hari (Gemma Arterton), den britischen General Herbert Kitchener (Charles Dance) oder den mysteriösen und gefährlichen Russen Rasputin (Rhys Ifans). Hauptsächlich geht es aber natürlich um die Rettung der Welt und Millionen von Leben.

Nachdem die James-Bond-Filme mit Daniel Craig als Hauptdarsteller in düsteren Realismus verfielen, war es erfrischend zu sehen, dass sich Regisseur Matthew Vaughn dem Spionagethema mit der Opulenz und dem Flair alter Zeit widmet. So waren die beiden ersten Filme eine gelungene Kombination aus »Mit Schirm, Charme und Melone« (1961–1969), den Pre-Daniel-Craig-Bond-Filmen, völlig überzogener Handlung und einem Exzess an Gewalt. Ideal, um das Hirn auszuschalten und sich jeweils mehr als zwei Stunden von purer Action grandios unterhalten zu lassen. »The King’s Men: The Beginning« steht dem in nichts nach, wenn auch etwas mehr Intellektualität durch das Setting hinzukommt. Geschichtsinteressierte werden sich über das Auftauchen der zahlreichen berühmten und berüchtigten Figuren freuen. Wer keine Ahnung hat: Auch nicht schlimm, dann einfach wieder Hirn aus und sich von der Action im wahrsten Sinne des Wortes einfach wegballern lassen.

Wesentlich weniger actionlastig, mindestens aber genauso unterhaltsam geht es in Armando Iannuccis »David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück« (24. September, Liliom) zu. David Copperfields (Ranveer Jaiswal, Jairaj Varsani) Vater ist schon vor seiner Geburt gestorben. Dennoch verlebt er im Kreise seiner Mutter Clara (Morfydd Clark), der Haushälterin Peggoty (Daisy May Cooper) und seiner Tante Betsey Trotwood (Tilda Swinton) eine glückliche Kindheit. Mit dem unbeschwerten Leben ist es jedoch vorbei, als seine Mutter den grausamen Industriellen Edward Murdstone (Darren Boyd) heiratet. Nun kann David nicht mehr in die Schule gehen, sondern muss als kleiner Junge im viktorianischen London in einer Fabrik arbeiten und lebt dafür beim chronisch verschuldeten, aber dennoch liebenswürdigen Mr. Micawber (Peter Capaldi). Davids Mutter verstirbt jung, aber als er (nun: Dev Patel) zu seiner wohlhabenden Tante und ihrem kauzigen Mitbewohner Mr. Dick (Hugh Laurie) zieht, scheint sein Leben wieder bergauf zu gehen. Doch das Leben von David Copperfield hält noch weitere Überraschungen bereit.

Wer bei Titel und Beschreibung eine dröge Romanverfilmung von Charles Dickens’ Klassiker befürchtet hat, darf beruhigt aufatmen. Iannucci adaptierte das Werk mit viel britischem Humor und schrulligen Charakteren, die allesamt von einer brillant spielenden Besetzung verkörpert werden. »David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück« weiß alle Emotionen zu bedienen, zaubert aber vor allem ein zufriedenes Schmunzeln auf das Gesicht des Zuschauers. Wholesome – wohltuend – wie der Brite wahrscheinlich sagen würde.

Foto: Gelingt »David Copperfield« die Flucht in ein besseres Leben? (© eOne Germany)

Thema:

Weitere Positionen

24. Februar 2021 - 9:14 | Gast

Martyn Schmidt inszeniert auf seinem Album »kammerton a'a« den demokratischen Neubeginn nach 1945 als großartiges musikalisch-dokumentarisches Hörspiel. Von Gerald Fiebig

22. Februar 2021 - 15:13 | Anna Hahn

Das Staatstheater Augsburg zeigt in seiner Digitalsparte Einar Schleefs »14 Vorhänge« als Uraufführung im imposanten Bühnenbild.

22. Februar 2021 - 11:38 | Martin Schmidt

Der im Hirmer-Verlag erschienene Bildband »Klinger« tröstet über die größtenteils verhinderten 2020er-Jubiläumsschauen zum 100. Todestag des Bildhauers, Malers und Grafikers hinweg. Der Ausstellungskatalog: ein neues Standardwerk und Appetizer auf eine zu erhoffende Ausstellungsfortsetzung.

19. Februar 2021 - 14:04 | Bettina Kohlen

Bei »augsburg contemporary« geht das Projekt »Domestic Space« in die erste von drei Runden.

18. Februar 2021 - 9:30 | a3redaktion

Der Podcast »the ear in earth« präsentiert Audioculture aus Literatur, Poesie und Contemporary Classic

17. Februar 2021 - 6:40 | Gudrun Glock

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder steckt voller Überraschungen. Einige kreative Macher*innen erschließen dieses Potenzial auf vielfältige Weise und lassen dabei ihrem Einfallsreichtum freien Lauf. Ein Interview mit Anja Dördelmann, Eva Liebig und Stephanie Schmid

15. Februar 2021 - 10:29 | Martin Schmidt

Über Theopoesie: das neue Werk »Den Himmel zum Sprechen bringen« (Suhrkamp) von Peter Sloterdijk

12. Februar 2021 - 13:49 | Bettina Kohlen

Der Campus der Universität Augsburg bietet Bildhauerarbeiten in Hülle und Fülle – der ideale Ort für Spaziergänge zur Kunst.

11. Februar 2021 - 9:35 | Martin Schmidt

Das Tote Kapital und Gerald Fiebig haben sich für ein gemeinsames Album zusammengefunden.

9. Februar 2021 - 14:26 | Patrick Bellgardt

Die Diskussion über die Öffnung der Kultureinrichtungen nimmt Fahrt auf: Die Kulturminister*innen der Länder legen ein Drei-Stufen-Konzept vor. Der Deutsche Kulturrat positioniert sich mit einem eigenen Papier. Ein Kommentar