Grüner Westen

30. März 2020 - 11:47 | Gudrun Glock

Vor 45 Jahren wurde der Naturpark Augsburg Westliche Wälder e.V. gegründet. Das Naherholungsgebiet vor den Stadttoren Augsburgs soll den Bürger*innen die Natur wieder näherbringen. Gudrun Glock hat Eva Liebig, die stellvertretende Geschäftsführerin des Vereins, getroffen.

Sommerfrische hieß das damals

Die Geschichte der Westlichen Wälder begann bereits im 19. Jahrhundert, als die Landlust die Städter im Sommer zur Erholung vor die Stadttore lockte. »Sommerfrische« hieß das damals. Während der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg zog es immer mehr Menschen nach draußen, sodass bald klar wurde: Es braucht neue Ideen und Instanzen, um den Schutz der Natur zu gewährleisten und die Besucherströme zu lenken. So wurde der Verein »Naturpark Westliche Wälder e.V.« ins Leben gerufen und später das Gebiet zwischen Türkheim und Mertingen, Augsburg und Gundremmingen, auch bekannt als Stauden, Reischenau und Holzwinkel, als Naturpark ausgewiesen.

»Zum einen arbeitet der Verein konsequent an der Entwicklung der Region und fördert ansässige Anbieter oder unterstützt Landwirte im Rahmen der Ökomodellregion. Zum anderen wird der ausreichenden Information und Umweltbildung der Bürger große Bedeutung beigemessen«, berichtet Eva Liebig, »weshalb ein erheblicher Teil der Arbeit der naturbetonten Erholungsinfrastruktur und der Landschaftspflege gewidmet ist.« Durch Veranstaltungen und Lehrpfade rückt der Verein den erholsamen Aspekt des Waldes in den Mittelpunkt. Auch im Naturpark-Haus, das 1992 in einem Nebengebäude der Zisterzienserinnenabtei Oberschönenfeld als Informations- und Erlebnisstätte eingerichtet wurde, wird an jeder Stelle auf sehr lebendige Weise darauf hingewiesen. Die Dauerausstellung erzählt sehr spannend von der Entstehung der Landschaft und dem Verhältnis von Mensch und Natur in dieser waldreichen Region. »Wir möchten die Bürger durch die Angebote und Projekte des Vereins an die einfachste Erholungsmöglichkeit nahe der Stadt heranführen – den Wald«, betont Liebig. Keine Frage, wer wünscht sich nicht Rückzugsmöglichkeiten, Erholung und Familienzeit als Ausgleich zur Arbeit, zu den Medien, dem Lärm und den Lichtern der Stadt.

Die Erholungsfunktion des Waldes

Dass man seinen Abfall nicht dort entsorgt, wo andere wohnen, sollte hinlänglich bekannt sein. Der Wald ist sozusagen die Stadt der Tiere und jeder sollte achtsam und rücksichtsvoll sein, wenn er ihn betritt. Ob der Mäusebussard brütet oder die Rehe ihre Kitze aufziehen – ob Füchse oder Ameisen, Würmer, Eichhörnchen oder Hasen, alle Waldbewohner haben ein Recht darauf, beachtet und respektiert zu werden. »Manche Besucher haben keine Ahnung, wie man sich im Wald angemessen verhält«, weiß Eva Liebig zu berichten und fügt an: »In meinen eigenen Räumen oder in meinem Garten schmeiße ich den Müll doch auch nicht in die Ecke und mache Radau.« All das lernt man am besten, wenn man noch jung ist, weswegen sich der Naturpark Westliche Wälder e.V. verstärkt um die jungen Mitbürger bemüht.

Viele wüssten auch nicht mehr, wie man sich im Wald erholt. Waldbaden ist der neue Trend, der auch im Westen Augsburgs gut angenommen wird. Dabei leitet eine Entspannungspädagogin im Naturführerteam Kinder und Erwachsene an, mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu spüren. »Die Menschen kennen die Natur nicht mehr«, sagt Liebig etwas schmunzelnd, »da kann es schon mal passieren, dass ein Kind im Angesicht von Krabbeltieren die Nerven verliert. Oder dass die verschmutzten Hände, die vorher im Waldboden nach etwas gesucht haben, als Hindernis bei der Brotzeit empfunden werden. Dabei ist doch der Schmutz aus der Stadt gar nicht mit Erde, Lehm und Sand zu vergleichen.«

Junior Ranger

Ein großartiges Projekt für Kinder der 3. und 4. Jahrgangsstufe ist die Ausbildung zum Junior Ranger. Während mehrerer Treffen über ein halbes Jahr lernen die Kinder unter Anleitung und in relativ kleinen Gruppen den Wald kennen. »Feuer machen ohne Feuerzeug, Orientierung im Wald, Karten und Bäume lesen, die Schätze des Waldes nutzen, richtiges Verhalten, leise und aufmerksam beobachten und alle Sinne spitzen«, schildert die stellvertretende Geschäftsführerin begeistert, »so lernen die Kinder spielend Natur- und Sozialkompetenz. Und natürlich dürfen Toben und Spielen nicht fehlen«, ergänzt sie auch gleich. »Den Wald darf jeder nutzen, aber man sollte ihn schonend behandeln und nicht ausbeuten.« Wälder sind jederzeit begehbar, aber sie gehören einem nicht. Man darf auch etwas mitnehmen, aber nur für den eigenen privaten Bedarf, nicht gewerblich. Mit dem Einverständnis des Besitzers dürfe man sogar ein Tipi aufstellen, erklärt sie noch, die Kinder blieben aber nicht über die Nacht im Wald. Beliebter Treffpunkt für alle Teilnehmenden ist das »Waldsofa«, ein durch Laub und Hölzer markierter Kreis, der an diesen Tagen immer wieder angesteuert wird, um sich zu erzählen und zu besprechen. Am Ende bekommen die Kinder eine Urkunde und dürfen als Junior Ranger dann auch den Naturpark Westliche Wälder repräsentieren – so zum Beispiel auf der »afa«.

Der Erlebnistag als erweitertes Angebot des Vereins gilt 5. und 6. Schulklassen. Auch hier liegen Spaß und Information nahe beieinander und neben dem Teambuilding lernen die Teenager Respekt vor Wald und Natur. »Alle Veranstaltungen finden statt, egal bei welchem Wetter. Einzige Ausnahme ist, wenn es zu gefährlich wird, wie beispielsweise bei einem Sturm«, erklärt Eva Liebig.

Waldlehrpfad, Naturlehrpfad

Die Wald- und Naturlehrpfade sind ganz besondere Glanzpunkte im Naturpark. Entdecken und Erleben, wem würde das nicht Spaß machen? Auf dem LandArt-Kunstlehrpfad in Bonstetten kann man sich die Kunst erlaufen. Der Erlebnispfad im Schluchtwald Hansenhohl in Thannhausen hingegen lockt mit Spiel- und Infostationen und einer spannenden Krimitour. Der Waldlehrpfad Kloster Holzen ist ganz neu und sogar mit EU-Mitteln unterstützt, da bei der Entwicklung die Mitarbeit der Bevölkerung einen Schwerpunkt darstellte und gefördert werden soll. Das sind nur einige Beispiele, und eines wird auf jeden Fall klar: Bei so viel Abwechslung hat die Langeweile absolut keine Chance und der Spaziergang wird selbst für Couch-Potatos zur abenteuerlichen Entdeckungsreise. Der Verein möchte die Bevölkerung hin zur Natur führen, und dabei hat der klassische Trimm-dich-Pfad ausgedient. In Zusammenarbeit mit den Sportvereinen vor Ort und dem Landkreis Augsburg wurden neue Nordic-Walking-Routen entwickelt, beschildert und mit Flyern beworben. Jährlich organisierte Kleeblattläufe führen die Menschen nicht nur in die Natur, sondern stärken außerdem die Gemeinschaft. Auch Rad- und Wanderwege werden durch den Verein beschildert.

Die twitternden Bäume

Und wer denkt, das wäre es jetzt gewesen, der irrt. Wirklich außergewöhnlich ist das internationale Forschungsprojekt »Treewatch«, bei dem die Bäume sozusagen selbst zu Wort kommen. Seit Herbst 2019 sind unter der Trägerschaft des Naturparks Augsburg Westliche Wälder e.V. eine Buche und eine Fichte mit Messsonden ausgestattet und senden so wertvolle Informationen über das Stammwachstum, die Baumtemperatur und den Saftfluss der Bäume direkt ins Museum. Dort kann man in Echtzeit auf einem großen Bildschirm mitverfolgen, wie die Bäume auf wechselnde Witterungsverhältnisse reagieren, welche Faktoren ihnen Stress verursachen und wie sie damit umgehen. Und Liebig stellt in Aussicht: »In zukünftigen Projekten mit Schulen sollen dann die Kinder in und um Augsburg Nachrichten im Namen des Baumes twittern.« Das könnte dann so aussehen: »Hallo Welt! Ich bin eine hundertjährige Buche in den Westlichen Wäldern Augsburgs: einer der ältesten lebenden Organismen im Internet! Folgen Sie mir, um mehr über mein Leben in einem sich verändernden Umfeld zu erfahren.« Durch die Verknüpfung von Messwerten unterschiedlicher Baumarten, die über ganz Europa verteilt sind, kann man so auf längere Sicht sehr eindrucksvoll Klimaveränderungen nachvollziehen, um dann aktiv den Lebensstil und die Wirtschaftsweise der Menschen anzupassen.


Dieser Beitrag erschien in der a3regional-Ausgabe Frühjahr 2020 zum Thema HOLZ WILD WALD. Zum Download des Magazins als .pdf hier klicken.

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