Guayla, my sweet Eritrea

9. August 2020 - 7:50 | Martin Schmidt

Musik ist das Kraftfeld der Community: Die Sweet Band ist Pionier in Sachen Tigrinya-Pop und Guayla-Dance in Augsburg. Über Hotspots, Vernetzung und temsaẗ eritreischer Musik- und Clubkultur.

Temsaẗ und ḧagWas, Leidenschaft und Freude, das bedeutet Musik für Filmon Luel (23) und Robel Fitwi (22). Und: den wichtigen Austausch innerhalb ihrer verstreuten Community. Filmon und sein Cousin sind Mitglieder der wohl einzigen eritreischen Band Augsburgs, der Sweet Band. Das mehrköpfige Kollektiv hat einen kleinen Proberaum in der Nähe des MAN-Werks, hier trifft man sich ein- bis zweimal im Monat zum Üben. Vor etwa fünf Jahren, kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland im viel beschriebenen Jahr 2015, begannen die Mitglieder Musik zu machen. Robel stieß knapp ein Jahr später hinzu, seitdem sind sie eine Band. Filmon ist Frontmann und Sänger, wie Robel spielt er die krar und ein Freund steht am Keyboard. Außerdem gibt es abrufbar einen Bassisten in Nürnberg und auch einen Ersatzsänger.

Die krar ist ein zentrales Instrument in der traditionellen Musik Eritreas (und Äthiopiens), ein Crossover aus Gitarre und umhängbarer Leier. Robel baute sich seine fünfsaitige krar selbst. Thema Instrumente: Wo ein Augsburger oder eben ein Europäer »Keyboard« oder »Synthesizer« sagen würde und Elektrik meint, sagen die jungen Eritreer »Piano«. Was im Vorfeld der Gespräche mit Filmon und Robel die spannende Erwartung weckte, dass bei der Sweet Band ein akustisches Klavier zum Einsatz kommt. Aber: eigene Musikkultur, eigene Keywords. Und hier: Keyboards. Der Begriff Piano verweist letztendlich auf die eritreische Kultur der Piano Bars, die seit rund 15 Jahren in der Hauptstadt Asmara üblich ist: kleine Live-Spielorte für eritreische Musiker, wo sich Blues und Jazz die Hand geben, aber eben auch Platz ist für Guayla, ein spritziges Genre lokaler Tanzmusik. Welche auch Filmons und Robels Band spielt.

Habesha unite

Treffpunkt und Info-Drehscheibe für die eritreische Community in Augsburg ist zum einen ein Habesha-Shop in der Pilgerhausstraße 19. Dort gibt es heimische Gewürze und Zutaten, auch wird dort aber ganz traditionell Billardo gespielt: wie Billard, nur mit der Hand. Der Laden wird gerade zu einem Restaurant umgebaut. Ein zweiter Hotspot ist das eritreisch-äthiopische Restaurant »Habesha« in der Donauwörther Straße Nähe Wertachbrücke. Es besteht erst seit dem Frühjahr und entwickelt sich zu einem neuen Treffpunkt. Zwei Mal der Begriff Habesha: Das ist eine Bezeichnung, die sowohl Eritreer wie Äthiopier meint und welche die beiden semitischsprachigen Gruppen für sich selbst im Gesamten benutzen. Als Zeichen des Friedens: Die Staaten Eritrea und Äthiopien standen Jahrzehnte miteinander im Krieg. Groß übrigens hier die Rolle der Musik: Im Unabhängigkeitskampf Eritreas war sie ein zentrales Mittel des Protestes, der Mobilmachung und der Identität.

Stichwort Heimat: Filmon und Robel vermissen vor allem die eigene Familie. Zwei Geschwister Filmons leben mit der Mutter in Eritrea, zwei jüngere Brüder in Äthiopien in einem Lager, der Vater ist 2009 verstorben. Zwei Geschwister Robels sind in Eritrea, eine ältere Schwester in Schweden. 2015, als sie in Deutschland ankamen, war eine schwierige Zeit für Filmon und seinen Cousin. Die Community war unvernetzt, es gab keine Anlaufstellen, Filmon war 18, Robel 17 Jahre alt. Musik, Popmusik, Tanzmusik: für alle Jugendlichen dabei ein Ort der Heimat, der Verbundenheit, der Ort von Zukunftsentwürfen und Leidenschaft. Heute treffen sich die Mitglieder der Sweet Band außer an den zwei Habesha-Hotspots regelmäßig bei ihrem Keyboarder zu Hause. Manchmal auch in der Stadt. Im Sommer spielen sie regelmäßig Fußball auf einer Wiese bei Gersthofen. Dabei ist auch schon eine eritreische Fußballmannschaft entstanden. Das Leben in Augsburg ist okay, sagen sie. Verlader bei der Post, Paketzusteller, Lagerist oder Versandmitarbeiter bei Amazon oder Zeitungsausfahrer – das sind die Jobs, mit denen sich Filmon und Robel durchschlagen, Filmon träumt von einer Ausbildung zum Lkw-Fahrer.

Groove, Roots, Loops

Filmon hat eigens den Führerschein gemacht, um seine Band zu Gigs in Stuttgart, Nürnberg oder München zu fahren. Denn dort treten sie auf: bei den verstreuten Community-Partys oder eritreischen Hochzeitsfesten. Und dort spielen sie jene Guyala; Filmon und Robel nennen es traditionelle Musik, aber auch Disco: Tanzmusik, tief verwurzelt in der glühenden Matrix ostafrikanischer Musik.

Guayla, aber auch New Eritrean Music, fußt musikalisch auf Polyrhythmik, einem Groove aus Offbeat und perkussiven Loops. Das Spiel der krar, wie die Gitarre gleichzeitig ein Harmonie- und Rhythmusinstrument, versetzt das Beat-Gerüst in 4:6-Schläge, manchmal in eine Art ständig überlappten Sechs-Achtel-Takt. Die Krar und die Tigringyia-Vocals Ostafrikas vermählen sich mit dem Rhythmuserbe der Saharagebiete, es entstehen Songs – oder manchmal besser: Tracks – aus treibenden, repetitiven Patterns. Tanzbar, leidenschaftlich, reizvoll gepaart mit oftmals wehmütigem Gesang. Ihre  Blütezeit erlebte die äthiopische Popularmusik zwischen 1969 und 1974. Eine Art Ethiopop und Ethiojazz (vgl. Mulatu Astatke) entstand. Soul, Funk, Blues, Reggae und Jazz wurden in die Musik aufgenommen – vor allem aber auch ein westliches Instrumentarium wie Gitarre, Bass oder Synthesizer. Ein Widerhall, der in der eritreischen Popularmusik erhalten blieb.

In Eritrea hörten Filmon und Robel ihre Musik auf Kassette und via Radio. Nur etwa drei Prozent der Bewohner Eritreas haben Internetzugang – mangels Infrastruktur, aber auch weil die autoritäre Staatsführung die Medien kontrolliert und kein großes Interesse an einem freien Internet hat. Standard-Tonträger ist die Kompaktkassette, der mp3-Austausch via Smartphone kann nur langsam einsickern. Die eritreische Community in Europa konsumiert und hört Musik über Youtube, für Filmon und Robel sind WhatsApp und Facebook-Messenger feste Musikquellen.

Etwas auf einem Tonträger oder als Download haben Sweet Band noch nicht, aber bereits Video-Fame: Frontmann Filmon wurde in einem Videoclip von Teklab Meles gefeatured, wo er als zweiter Sänger beim Song »Bayney Reaya« fungierte. Ein Clip, selbst gedreht in und um Augsburg, und ganz im Zeichen modernen Tigrinya-Pops aka New Eritrean Music oder eben: Guayla. Tigrinya: Das ist die Bezeichnung für die Sprache der größten (über 50 Prozent) unter den offiziell neun ethnischen Gruppen in Eritrea. Gesprochen wird die semitische Sprache sowohl in Eritrea als auch in Äthiopien und ist so eine geeignete popkulturelle Brücke.

Tigrinya-Pop in Pfersee

Filmons und Robels Sweet Band spielte bisher nicht in klassischen Live-Clubs. In Augsburg kommen sie auf den jährlich stattfindenden Partys zum Zuge. In wechselnden, angemieteten Locations trifft sich eine eritreisch-äthiopische Community. Pfersee, Oberhausen, Kriegshaber – you name it. Anfang dieses Jahres holte man sogar den bekannten Sänger Kiflom Ykalo nach Augsburg. Die Lautsprecheranlage ausgeliehen im Fachhandel, alles selbst organisiert. Kommuniziert werden die Partytermine innerhalb der Community übers Internet und Social Media: Facebook, Viber, WhatsApp. Und schließlich Mundpropaganda.

Die Partys starten zwischen 20 und 21 Uhr, der Eintritt kostet 10 Euro. The Sweet Band spielt dann die ganze Nacht bis 4 Uhr, 5 Uhr morgens, unterbrochen von kleinen Sets eines am Laptop arbeitenden DJs (Filmon und Robel sagen dazu Mixer). Das nächste, überaus große Epizentrum der eritre­ischen Community ist Nürnberg, dann folgen Frankfurt und München. Filmon und Robel wünschen sich, monatlich eine Party veranstalten zu können, und träumen von einer festen Location. Auch gesucht: ein guter Kameramann oder gute Kamerafrau – für ein eigenes Musikvideo. Filmon und Robel haben die Zukunft, wie eine Krar, spielbereit in der eigenen Hand.

Info: Menschen aus Eritrea leben noch nicht lange in der Friedensstadt. Ende 2014 lebten 16 Menschen aus Eritrea in Augsburg. Ende 2017 sind es 234. Sie kamen in erster Linie als Geflüchtete. (Quelle: Statistisches Jahrbuch, Stadt Augsburg, 2015 und 2018.) Das Vereinsleben beginnt sich zu etablieren. Im Kulturhaus Kresslesmühle trifft sich regelmäßig der »Eritreische Verein in Augsburg und Umgebung«. Er war am musikalischen Vorankommen der Sweet Band beteiligt. Der Verein kümmerte sich um einen Proberaum, organisierte auch Konzerte. Auch den ersten öffentlichen Auftritt in Pfersee am Afrikatag 2017 organisierte der Verein, des Weiteren einen Live-Gig auf dem Helmut-Haller-Platz in Oberhausen.

Über die Autor*innen:

Feven Selemon
führte die Interviews für diesen Artikel. Die geborene Äthiopierin ist bei a3kultur im Projektmanagement und als Assistentin der Geschäftsführung tätig. Als Sozialpädagogin arbeitet sie in der Flüchtlings- und Integrationsberatung. Selemon wuchs ab ihrem vierten Lebensjahr zweisprachig in Frankfurt am Main auf, eingebettet in einen regen Austausch eritreischer und äthiopischer Kultur. Als Habesha hat eri­treische Musik einen wichtigen Platz in ihrem Leben.

Martin Schmidt ist a3kultur-Redakteur. Als Musikexperte verfasst er für a3kultur die monatliche Kolumne für Club- und Livemusik »Mischpult«. Seine monatliche Playlist »Editor's Cut« ergänzt als Sidekick die reguläre a3kultur-Spotify-Playlist. Schmidt war mehrere Jahre Redakteur beim Musikmagazin »Intro«. Er betreibt als Podcast auf Mixcloud das Klangfeuilleton »the ear in earth« und leitet das Sprachkunstlabel »atemwerft«.

Bild: Treffpunkt und Info-Drehscheibe für die eritreische Community in Augsburg ist unter anderem ein das eritreisch-äthiopische Restaurant »Snit Habesha« in der Donauwörther Straße. (Foto: Tür an Tür – b³)

 

 

 

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