In guten Händen

12. Dezember 2018 - 12:16 | Jürgen Kannler

Mit Tilo Grabach gewinnt das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg einen hervorragenden Wissenschaftler und erfolgreichen Ausstellungsmacher. Und Augsburg hat das Nachsehen. Ein Porträt

Tilo Grabach gehört nicht zu den Menschen, die sich gern in den Vordergrund spielen. Aufgewachsen ist er in Nordhessen. Seine Familie kommt aus Kassel, der Dokumenta-Stadt. Seinen Humor kann man getrost als trocken beschreiben.

Auf der Homepage der Kunstsammlungen und Museen Augsburg ist er auf dem Teamfoto am unteren Rand der Aufnahme zu erkennen. Aus dem online einsehbaren Personenregister der Einrichtung wurde er bereits gestrichen, obwohl er ja, genau genommen, noch bis zum Jahresende zum Haus gehört. Ein für Tilo Grabach typischer Kommentar darauf könnte sein: Da können Sie mal sehen. Bei der Stadt Augsburg kann man auch ganz schnell, wenn man will.    

Sein Sprachrhythmus ist ruhig, sein Idiom reinstes Hochdeutsch, könnte man sagen. Und obwohl sich sein bisheriges berufliches Schaffen weitgehend in Museen abgespielt hat, spricht er so gut wie kein Kuratorendeutsch. Das ehrt ihn. Dafür ist etwas im besten Sinne Preußisches an seiner Art. Dieser Wesenszug lässt natürlich jeden Anflug von hochpoliertem Zack-zack-Militarismus vermissen, der einem dazu vielleicht einfallen mag, wenn man es nicht besser weiß. Viel eher erinnert er mit seiner Arbeitshaltung an den großen Alexander von Humboldt, ohne jedoch dessen Leidenschaft für das ganz große Abenteuer zu teilen. Neugierig, aber sachlich, offen und realitätsbezogen, bestrebt, die Ergebnisse wissenschaftlich fundiert und anschaulich zu präsentieren, auch wenn sie das bestehende Bild ins Wanken bringen könnten, und hernach das gesammelte und neu erworbene Wissen mit allen zu teilen. Netzwerke werden geknüpft, jedoch eher im Hintergrund und bitte nicht ausschließlich als Selbstzweck. 

Seine Doktorarbeit schrieb er über Piet Mondrian. Das verwundert nicht. Der niederländische Meister setzte bei seiner Arbeit auf klare Strukturen und schuf damit am Ende etwas aufregend Neues. Ein Arbeitsansatz, den man auch Tilo Grabach getrost unterstellen darf. Man muss sich nur an die Öffnung des Schaezlerpalais für zeitgenössische Kunst erinnern. Eine Idee, die er maßgeblich mit vorantrieb. 

In seinem Studium der Kunstgeschichte hat er auch gelernt, wie wichtig es ist, das Echte vom Falschen zu unterscheiden, Tand von Qualität zu trennen, das Auge auch abseits der großen Namen zu schulen und letztendlich auf seine so erworbene Expertise zu vertrauen. Zumindest einen Monet hat er mit diesen Qualitäten schon als Volontär im Saarlandmuseum bei einer »Kunst-und-Krempel-Veranstaltung« als sochen identifiziert und das Meisterwerk so vom Speicher ins Museum geholt. Ähnliches, wenn auch nicht ganz so Spektakuläres, gelang ihm mit einem Atelierbild aus der Hand von Albert Weisgerber, das bis vor kurzem wieder einmal im Kaffeehaus des Schaezlerpalais zu sehen war (Foto, im Hintergrund). Doch Effekthascherei ist keine Kategorie, in der Tilo Grabach denkt. Keine alltägliche Tugend, die man dem aus Augsburg scheidenden Museumsmann attestieren kann.

Die Ernsthaftigkeit, mit der er seine Arbeit erledigt, sollte man jedoch nicht mit fehlender Leidenschaft für die Sache verwechseln, eher im Gegenteil. Nur so lässt sich erklären, wie es den Kunstsammlungen unter seiner wesentlichen Mitwirkung gelungen ist, immer wieder international hervorragende Sammlungen aus privatem Besitz mit großem Erfolg im Schaezlerpalais zu präsentieren. Höhepunkte seiner Tätigkeit als Ausstellungsmacher in Augsburg wurden so die »Irdischen Paradiese« mit Meisterwerken der klassischen Moderne aus dem Bestand der Kasser Art Foundation, die Schau »Ein Kaufmann als Kunstfreund« mit Arbeiten aus der Sammlung von Hermann Hugo Neithold und zuletzt die Ausstellung »Im Schatten der Medici – Barocke Kunst aus Florenz«, in der erstmals Glanzstücke aus der Haukohl Family Collection in Europa zu sehen sind.

Als Basis für das Zustandekommen solcher Kooperationen ist wohl an erster Stelle Vertrauen zu nennen. Tilo Grabach vermittelt den Sammlerfamilien die Sicherheit, die es braucht, um ihn unbesorgt mit ihren Schätzen arbeiten zu lassen. Wie tief und persönlich die Bindung dieser Menschen zu ihren Kunstwerken ist, konnte in all den Jahren jeder bei persönlichen Begegnungen mit ihnen in Augsburg selbst erleben. Es war zu spüren, dass sie sich im Schaezlerpalais bei Tilo Grabach in guten Händen wussten. Diese Position neu zu besetzen, wird für die Stadt nicht einfach werden.

Im Jahr 2005 holte Christof Trepesch, als Leiter der Kunstsammlungen und Museen selbst erst seit Kurzem am Start, Tilo Grabach als seine rechte Hand nach Augsburg. Als Verantwortlicher für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hauses – eine Tätigkeit, für die er in all den Jahren parallel zu seiner Arbeit als Kunstwissenschaftler verantwortlich war – begleitetet er die Starts bzw. Widereröffnungen von H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast, Mozarthaus, Schaezlerpalais und Maximilianmuseum mit großer Wirksamkeit. Es war eine Zeit des Umbruchs in der städtischen Museumslandschaft. Damals stritten sich die Politiker, wer zur Eröffnung spricht. Heute kann es passieren, dass kein Vertreter der Politik zur Vernissage erscheint. Auf die Aufbruchsstimmung folgte Frust.

Den Spagat zwischen wissenschaftlicher und Pressearbeit meisterte Grabach, aber er liebte ihn nicht wirklich. Zumal die Herausforderungen und Ansprüche, nicht zuletzt vonseiten der Stadt, an eine zeitgemäße Öffentlichkeitsarbeit im Lauf der Jahre wuchsen. Wo aber vergleichbare Häuser auf ein mehrköpfiges Team bauen können, war Tilo Grabach mit diesem Aufgabengebiet in Augsburg weitgehend auf sich allein gestellt. Es ist kein Geheimnis, dass in der mangelhaften Ausstattung der Kunstsammlungen mit Personal und Budget auch in seiner Abteilung der Grund für die Trennung Grabachs von seinem Arbeitgeber zu suchen ist. Wie zerrüttet das Verhältnis der Kunstsammlungen zum verantwortlichen Referat insgesamt jedoch ist, wurde erst während des letzten Jahres wirklich deutlich, als das Zerwürfnis im Rahmen des städtischen Bürgerbeteiligungsprozesses zur Museumslandschaft in Teilen auch in der Öffentlichkeit stattfand. Der persönlich ausgetragene Konflikt wegen einer komplizierten Mietsache zwischen der Stadt und dem Leiter der Kunstsammlungen Christof Trepesch setzte einen niederschmetternden Schlussakkord in diesem Trauerspiel. 

Mit Tilo Grabach verliert die Stadt einen international ausgewiesenen Experten für die Kunst der klassischen Moderne. Ab dem kommenden Jahr übernimmt er als Sammlungsleiter beim Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg die Neuausrichtung der Sammlung Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, im größten kulturgeschichtlichen Museum im deutschsprachigen Raum.

Foto: Frauke Wichmann

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