Klassik

Halleluja!

Renate Baumille...
16. Dezember 2019

Wer hätte gedacht, dass sich Carl Philipp Emanuel Bachs erstes und großdimensioniertes Vokalwerk, das 9-sätzige und gerade in den Partien der Vokalsolisten höchst anspruchsvolle „Magnificat“ aus dem Jahr 1749, als musikalischer Höhepunkt eines in Gänze sensationellen Weihnachtskonzerts herausstellte? Nahtlos verzahnt mit dem weltberühmten Händelschen „Hallelujah!“-Chorsatz wurde im Grande Finale die Allmacht Gottes zum überirdischen, zum himmlischen, die Hörerschaft lange noch berauschenden Ehrgesang. Oder war es doch die viel geliebte Mozart-Motette, bei der die Mitglieder der Akademie für Alte Musik Berlin „führungsfrei“ und damit passend zum Text „erhebt Euch voll Freude, die ihr euch bis jetzt gefürchtet habt“ die Sopranistin Sophie Klussmann begleiteten. Betörend schön überbrachte sie die Botschaft des Friedens, setzte ihren filigranen, mit Noblesse geführten, gleichzeitig seufzenden wie in den Koloraturen souverän strahlenden Sopran ein, um mit Mozart und seinem „Alleluja“ die Hörerseelen zu berühren.

In Konzerten zur Adventszeit bietet es sich an, sich auf die Verheißung und Geburt Jesu (1.Teil) zu konzentrieren und - wie hier geschehen - die hymnische Verherrlichung des „Hallelujah“ noch dreinzugeben. Wie kaum ein anderes Werk der Musikgeschichte repräsentiert der "Messiah" von Georg Friedrich Händel die vollendete musikalische Einheit aus empfindsamer Frömmigkeit und barocker Prachtentfaltung. Das Oratorium glänzt mit eleganten Instrumentalpassagen und melodischen, dezent dramatischen, meist sanftmütigen Arien. Die facettenreich kommentierenden Chöre und damit die 80-köpfige Audi-Jugendchorakademie, die das Potential der Vierstimmigkeit ausschöpfte, setzten triumphale Akzente: Mit der Verve eines hörbar frischen, direkten, fülligen und immer fein ausbalancierten Klangs interpretierten sie die Chorsätze, zeigten sich bestens liiert mit der englischen Sprache, reagierten pfeilschnell auf die dynamische Energie, die das Orchester spiegelte und offenbarten eindrucksvoll die Herrlichkeit des Herrn. Und wer hätte zum trostreichen Auftakt die tenorale Einladung „in der Wüste den Pfad für unseren Gott“ zu ebnen, ausschlagen können? Erstaunlich, wie pathosfrei und sinnlich Patrick Grahl seinen Partien eine Art Weichzeichner-Effekt verlieh und zum Hörerlebnis machte. Auch die Mezzosopranistin Sophie Harmsen „verschwesterte“ sich mit dem Orchester, schlich sich mit minutiös kalkuliertem Klangfarbenreichtum in ihre Arien hinein, um dann mit Substanz in der Höhe zu brillieren. Mit betörendem Timbre perfektionierte Sophie Klussmann dieses Spitzen-Solistenensemble, in dem auch Bassbariton Matthias Winckler die Schattierungen seiner markanten, wo nötig lyrischen Stimme ausspielte, um etwa die Erlösung aus dem Finsteren (10.-Arie) plastisch auszugestalten.

Der vokal generierten spirituellen Tiefe gab das bereits vielfach bewährte Orchestra in Residence der Deutschen Mozartstadt Augsburg, die „Akademie für Alte Musik Berlin“, diesmal unter der Leitung von Prof. Martin Steidler (seit 2008 Künstlerischer Leiter der AUDI-Jugendchorakademie) ein überaus tragfähiges instrumentales Fundament und machte seinem Ruf als einem der führenden Originalklangorchester alle Ehre. Den Dank, auch für die besinnliche A-Cappella-Zugabe des Chors mit dem tradionellen Weihnachstlied "Ich steh' an Deiner Krippe hier" drückte das Publikum in Standing Ovations aus! Hallelujah!

P.S. (weil Vorweihnachten …):
Derzeit sind rund 40 Aufnahmen von Händels Meisterwerk auf dem Markt. Hier ein kleiner Tipp für alle, die noch ein musikalisches Geschenk suchen und Lust auf Händel bekommen haben – und den für das Konzert engagierten Sänger Matthias Winckler genießen wollen: Im Oktober 2019 erschien beim Label AliaVox eine Gesamteinspielung des „Messiah“ unter der Leitung von Jordi Savall. Die Aufnahme entstand im Rahmen zweier Konzerte in der Chapelle Royale in Versailles im Dezember 2017. Neben Matthias Winckhler sind Rachel Redmond (Sopran), Damien Guillon (Alt) und Nicolas Mulroy (Tenor) zusammen mit „La Capella Reial de Catalunya“ und „Le Concert des Nations“ zu hören.

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