Klassik

Handfest

Jürgen Kannler
27. Dezember 2015

Vor 25 Jahren gründeten eine Handvoll ebenso junger wie enthusiastischer Musiker in Augsburg die »Junge Bayerische Kammerphilharmonie«. Mit Susanne Weis (Viola), Arvo Lang (Violoncello), Peter Schlier (Kontrabass) und Wolfgang Fritzen (Fagott) sind heute immerhin noch vier Gründungsmitglieder im Ensemble aktiv. Man war damals angetreten, um eigene Konzert- und Programmkonzepte auf höchstem Niveau zu verwirklichen. Ein Ansinnen, dem seither, immer wieder auch international ausgezeichnet, erfolgreich Rechnung getragen wurde. Das Label »jung« verlor sich im Laufe der letzten Jahre lediglich aus dem Namen des Orchesters. Die anhaltende Präsenz und Frische von dessen Musik wusste auch der Augsburger Kulturreferent Thomas Weitzel in seiner Laudatio zum Jubiläum zu würdigen. Er begleitet und unterstützt die Arbeit der Musiker seit nunmehr elf Jahren. Damals zog das Orchester nach einem Zwischenspiel in München wieder zurück nach Augsburg und fand in Weitzel, damals noch Leiter des städtischen Kulturbüros, einen verlässlichen Partner und Fan vor Ort.

Der in Klassikfragen versierte Politiker Weitzel ist quasi im Nebenberuf Präsident der Deutschen Mozartgesellschaft. Er lobt den Klang der bkp als »kompakt, vollmundig und flexibel« und schätzt ihre »authentischen Programme aus einem Guss«. Auch seinem Urteil, die bkp verfüge über das unschätzbare Talent, zu Unrecht in Vergessenheit geratene Meisterwerke aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken, kann sicher beigepflichtet werden. So gelingt dem Orchester zuweilen eine spektakuläre Ausgrabung und eben nicht nur eine weitere musikalische Wiederbelebung.

Im Programmheft der Geburtstagsspielzeit 2015/16 wurde das Konzert Ende November im Parktheater im Kurhaus Göggingen als das Jubiläumskonzert der Saison ausgewiesen. Folgerichtig fanden sich im ersten Teil des Abends dann auch Werke von zwei musikalischen Weggefährten, die schon immer eine ganz besondere Bedeutung für das Orchester hatten: Benjamin Britten und Edvard Grieg. So wurde kein Stück der Musikliteratur von der bkp häufiger ins Programm aufgenommen als die Suite »Aus Holbergs Zeit« op. 40 des norwegischen Romantikers, die auch an diesem Abend zur Aufführung kam.

Davor konnte das Programmintro mit Brittens »Prelude and Fugue for 18 part strings« als Bekenntnis der Musiker zu ihrem selbst gestellten Anspruch an die Qualität des eigenen Spiels verstanden werden. Die bkp zelebrierte das Werk perfekt in seiner zunächst so verhaltenen Schönheit, bevor sie es dann zu seinem eruptiven Höhepunkt führte. Die Einheit und das große Einverständnis unter den Musikern sowie ihre spürbare Freude am freien Zusammenspiel – das Orchester verzichtete an diesem Abend sehr bewusst auf einen Dirigenten – sind eine solide künstlerische Basis für den Erfolg, den sich die bkp in den letzten Jahren erspielt hat.

Als »Artists in Residence« kann das Orchester in Augsburg auf ein sachkundiges und offenes Publikum bauen, das seine Interaktionsplattform in der »un-er-hört«-Konzertreihe gefunden hat und sich im Förderverein »unschaetzbar« auch sehr praktisch manifestiert. Auch diesen Konstellationen ist es zu verdanken, dass in der Jubiläumsspielzeit gleich drei Uraufführungen sehr unterschiedlicher Prägung angekündigt sind.

Malin Bång konnte gewonnen werden, für das Jubiläumskonzert im Parktheater ein Werk beizusteuern. In Schweden geboren und derzeit als Stipendiatin des DAAD in Berlin lebend, gilt die Komponistin als eine der ganz großen Hoffnungen zeitgenössischer Klangschöpfung in Europa. In Augsburg wurde sie diesem Status mit einer komplexen Arbeit gerecht, die, mit dem im Japanischen verwurzelten Wortspiel »Shin-Shinai« gut betitelt, nach der Pause präsentiert wurde.

Hierzu wurde das Orchester von zwei mächtigen Schlagwerken eingerahmt. Sabrina Ma und ihr Kollege Shinichi Minami bedienten dahinter jedoch nicht nur Trommeln, sondern auch Shinais. Dabei handelt es sich um Übungsschwerter aus Bambus, wie sie beim Training für den Kampfsport Kendo Verwendung finden. Die beiden Gastmusiker zeigten, welche akustische Vielfalt in diesen ungewöhnlichen Instrumenten steckt, indem sie die Shinais als Reibehölzer gebrauchten oder ganz profan als Schlagstöcke mit starker Wirkung. Eine weitere Dimension erreichte ihr Spiel durch den Einsatz von zwei gewöhnlichen Kassettenrekordern mit Aufzeichnungen von Klavierspielfragmenten und Applaussequenzen, angeschlossen an einen Satz recht einfacher Lautsprecher, deren Steuerung Shinichi Minami unterlag.

Bång beschreibt ihre Musik als eine »Erforschung von Bewegung und Energie« und definiert ihr musikalisches Material »anhand seines Reibungsgehalts«. In Augsburg waren die Musiker der bkp Teil dieses funktionierenden Konzepts, sowohl was die intellektuelle als auch die spielerische Herangehensweise betrifft. Die Streicher agierten wie hinter einem dichten Vorhang aus Zeit verborgen. Sie kratzten, tickerten, summten auf ihren Instrumenten. Ihre Musik klang wie Erinnerungen an die letzten Sommertage und die dunklen Phasen der Kindheit. Immer wieder einmal blitzte eine Ahnung der Sarabande aus Griegs Holberg-Suite durch. Das war der Hintergrund, vor dem sich das Schlagwerk in Szene setzen konnte, sich jedoch auch immer wieder zurücknahm und in einen fast säuselnden Dialog verfiel. Nach knapp 15 Minuten ging »Shin-Shinai« zu Ende. Der Applaus war höflich und anhaltend. Das Publikum spürte wohl auch, dass diese Uraufführung in einem Raum, der größere Intimität zugelassen hätte, mehr Wirkung hätte erzielen können.

Den Abschluss dieses besonderen Konzertabends bildete die »Sonata for String Orchestra« von William Turner Walton. Das zumindest hierzulande weniger bekannte Werk des Engländers (1902–1983) erfüllt die Kriterien, die ein Stück braucht, um von den Musikern der bkp wiederentdeckt zu werden. Es ist von großer Qualität und weist in seiner Relevanz weit über seine Entstehungszeit hinaus. Und für das Selbstverständnis des Orchesters wohl auch nicht ganz unwichtig, es ist nicht wirklich einfach zu spielen.

Das nächste Konzert der bkp in Augsburg ist am 22. Januar der Familie Mozart gewidmet. Weitere Informationen zur bkp finden Sie auf:
www.kammerphilharmonie.de

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