Heimat, Anarchie, Verfassung

2. November 2018 - 7:04 | Jürgen Kannler

Das Büro von Bezirksheimatpfleger Peter Fassl ist eine der ersten Adressen in Schwaben, wenn es um historische Kontexte und ihre Bezüge zur Gegenwart geht. Ein Interview

Ein Schwerpunkt von Fassls Arbeit ist in diesem Jahr die Beschäftigung mit dem 200. Geburtstag der ersten bayerischen Verfassung. Wir trafen den Wissenschaftler und Publizisten an seinem Arbeitsplatz, an dem sich Akten und Bücher bis unter die Decke stapeln, und sprachen mit ihm unter anderem über: Heimat, Anarchie, Verfassung.


a3kultur: Herr Fassl, nicht nur in Wahlkampfzeiten, wie wir sie eben erlebt haben, wird der Begriff »Heimat« sehr strapaziert. Sie sind mit dem Thema beruflich stark verbunden. Wie lautet Ihr Heimatbegriff?


Peter Fassl: Heimat hat vier unterschiedliche Dimensionen, man kann auch sagen: Perspektiven. Die erste ist eine persönlich-soziale: Sie zeigt die Beziehungen, die ein Mensch hat. Diese verändern sich im Laufe seines Lebens, vom Kind zum Erwachsenen, zu verschiedenen Kreisen. Die zweite Perspektive ist eine räumliche: Man wächst in einer bestimmten Situation auf, in vertrauten Räumen. Diese Dimension kann sich ebenso verändern – durch die Schule, die Eltern, einen Berufswechsel oder auch Zwangssituationen wie Flucht,  Vertreibung und Krieg. Die dritte Dimension ist eine historisch-kulturelle: Der Raum, in dem man lebt, in dem man aufwächst, die sozialen Beziehungen eines Menschen sind kulturell geformt und werden durch Geschichte geprägt. Eben diese Prägung wirkt auf den Menschen ein. Die vierte und letzte Dimension ist eine geistig-ideelle: Ich kann in der Musik beheimatet sein, dann ist das meine Welt. Ich kann in einer bestimmten Ideenwelt zu Hause sein, die mich prägt und die mir Halt gibt. All diese Dimensionen entwickeln sich flexibel dynamisch, sie prägen den Menschen und werden von ihm geprägt.

Hat die vor 200 Jahren verabschiedete Verfassung Bayerns das Verständnis von Heimat, wie wir es heute erleben können, mit geprägt?

Die damalige Verfassung und die Gesetze, die zu ihr gehört haben, hatten einen ganz konkreten Heimatbegriff. Das hat mit der Armengesetzgebung in Bayern zu tun und mit dem Heimatrecht, das 1816 formuliert wurde. Dort, wo man geboren wurde, dort hatte man das Heimatrecht. Mit diesem war verbunden, dass man im Falle der Not eben dort versorgt wurde. Die Armenfürsorge war verpflichtend für die Gemeinden. Deswegen haben die Gemeinden, die im Rahmen der Verfassung definiert wurden, in der Regel auch ein Armenhaus errichtet. Weil sie jetzt verpflichtet waren, für ihre Armen selbst zu sorgen. Also hatte dieses Heimatrecht eine ganz konkrete rechtliche Bedeutung.

Es hat 1860/61 eine Umfrage bei Ärzten gegeben, die ihren Amtsbezirk dokumentieren sollten. Da wurde auch danach gefragt, ob die Bevölkerung vor Ort heimatverbunden sei. Am stärksten heimatverbunden, so geht aus den Berichten hervor, sind die Oberbayern, die Altbayern. Bei den Schwaben wird darauf hingewiesen, dass sie dort beheimatet sind und dort hingehen, wo es ihnen gut geht. »Ubi bene, ibi patria«, »Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland«, dieser Satz wird explizit zitiert. Bei den Franken ist es ähnlich. Pfarrer Schelbert, Reichstagsabgeordneter und prominenter katholischer Sprecher im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, hat einmal das Allgäuer Landvolk beschrieben. Nicht das würden sie für wert und würdig halten, was die Tradition vorgegeben hat. Es sei vielmehr ihr Ziel, alles besser zu machen als der Vater und der Großvater, als die Tradition.

Sie waren vor Kurzem Gastgeber für ein Symposium zum Thema Verfassung im Kloster Irsee. Was interessiert die Forschung an 200 Jahren Verfassung in Bayern?

Da gibt es unterschiedliche Ansätze. Mein Interesse war folgendes: 2017 ist die bayerische Staatsregierung mit der Bitte an die Bezirke herangetreten, zu überlegen, was sie für einen Beitrag zu diesem Thema leisten könnten. In allen bayerischen Regierungsbezirken wurden Verfassungsfeiern durchgeführt. Ich habe mir gedacht, es wäre doch interessant, zu überprüfen, welche politischen Entwicklungen die Verfassung in Schwaben nach 1818 hervorgebracht hat. Das heißt, danach zu fragen, ob die Verfassungstheorie, was also im Text steht, mit der politischen Praxis, mit der Verfassungswirklichkeit übereinstimmt. Es gibt seit dem 19. Jahrhundert einen breiten Diskurs, der sagt: Wir werden gegenüber München und Oberbayern benachteiligt.

War diese Gefühlslage berechtigt?

Ich habe schon den Eindruck, dass die bayerische Politik auf München konzentriert war. Alles hat sich auf den Ausbau der Residenzstadt hin zentralisiert. Eine wie auch immer geartete Gleichberechtigung der Regionen wurde nicht in den Blick genommen. Wenn ich mir die Bauten König Ludwigs I. und Maximilians II. anschaue, die München zu der Kulturstadt Bayerns, aber auch mit zu der Kulturstadt Deutschlands gemacht haben, und sehe, was in Augsburg in der gleichen Zeit von den Wittelsbachern gebaut worden ist, nämlich gar nichts – dann ist klar, die Mittel sind konzentriert nach München geflossen. Die Region Schwaben hat bis auf Hohenschwangau und später Neuschwanstein nichts bekommen.

Wer profitierte denn in der Hauptsache von der Verfassung?

Sie war zunächst ein Schritt der Modernität. Es hat damals innerhalb des Deutschen Bundes nur drei Staaten gegeben, die eine Verfassung entwickelt haben – das waren außer Bayern noch Württemberg und Baden. Es wurde eine Ständeversammlung errichtet, in der nicht die direkte Wahl, sondern die Wahl nach Ständen durchgeführt wurde, aber immerhin eine Beteiligung. Das zentrale Recht der Stände war das Steuerbewilligungsrecht. Dieses ist auch eingefordert worden, aber unter König Ludwig trat in den 1830er-Jahren eine radikale Wende bezüglich der Verfassung, die er zunächst befördert hatte, ein. Es gab von ihm entsprechende Äußerungen: Für eine Verfassung wie die bayerische ist er nicht. Über seine Politik hat er dazu beigetragen, diese Verfassung auszuhöhlen. 1848 gab es markante Äußerungen aus Schwaben, dass es sich nur um ein Gerippe einer Verfassung handle. Im Zuge der revolutionären Bewegung kam es 1849 sogar so weit, dass die schwäbischen Abgeordneten zur Paulskirche mehrheitlich für einen preußischen Kaiser gestimmt haben. Und es gab Stimmen aus Augsburg und aus Kempten, die darauf hinwiesen, dass man nicht gefragt worden sei, als man 1806 bayerisch geworden ist, und dass der Weg Schwabens hätte weiterführen müssen, in ein großes, gemeinsames deutsches Reich.

Gibt es Ihrer Einschätzung nach Parallelen zwischen den Vorgängen vor 100 und 200 Jahren, sprich Revolution und Verfassung, im Versuch einer Neukonstruktion einer Gesellschaft?

Die Verfassung wurde von oben aufoktroyiert. Es war keine Mitbestimmung da, es war keine Selbstbestimmung, es war letztlich eine Entscheidung der führenden Kreise und des Königshauses. Bayern war hoch verschuldet und die verfassungsrechtliche Stellung im Deutschen Bund, unter der Dominanz von Österreich und Preußen, konnte durch eine eigenständige Verfassung gestärkt werden. Es hat sehr wohl politische und auch finanzpolitische Gründe gegeben. 1918 stellte sich ganz anders dar. In der Forschung hat man sich immer wieder überlegt, was eigentlich zu dieser Bewegung in München geführt hat. Zentral war ganz sicher der Verdruss über die lange Kriegszeit und die uneinsichtige Haltung des Königs, der ja im August 1918 noch von Kriegszielen und Siegfrieden schwadroniert hat, während die Bevölkerung das Leid erlebt hat. Zwischen der Politik des Königshauses und dem Fühlen und der Stimmung in der Bevölkerung lag ein breiter Graben.

Wie viel steckt von dieser Revolution, von diesen Veränderungen vor 100 Jahren noch in unserem Alltag? Was ist daraus tatsächlich noch erfahrbar?

Was man jetzt neuerdings wiederentdeckt, ist, dass Kurt Eisner eigentlich sehr stark eine bayerische Eigenständigkeit pflegen wollte. Und dass er versucht hat, diese Elemente des Bundesstaates gegenüber einem eher zentralistischen deutschen Reich stärker zu pflegen. Da sehe ich eine Verbindungslinie zur Verfassung von 1948, indem diese Länder und das Länderparlament doch eine starke Stellung bekommen haben.

Taugt der Schwabe zur Anarchie?

Also erst einmal gibt es »den Schwaben« nicht. Und was Anarchie ist, müsste man erst ganz genau bestimmen. Aber wenn ich auf die Proteste in Sachen Stuttgart 21 blicke, dann zeigt sich da schon ein Bürgerwille, der sich nicht ohne Weiteres unterkriegen lassen will. Die Erfahrungen aus Bayerisch-Schwaben zeigen, dass Schwaben politisch zersplittert war, politisch ganz kleinräumig organisiert. Es gab eigentlich nur kleine politische Herrschaften und nie eine große Machtpolitik. Der zentrale große Machtfaktor, gegen den man sich auflehnen konnte, der war eigentlich nie richtig gegeben. Dennoch lehnten sich die Stände immer wieder einmal gegen die Herzöge von Württemberg auf. Es gab den Bauernkrieg. Das waren Versuche, die als gerecht empfundenen eigenen Interessen zu formulieren. In Augsburg kam es 1794 zum Weberaufstand. Bei diesen Konflikten hat es durchaus eine gewisse Hartnäckigkeit gegeben – aber auch die Einsicht, dass man für den großen Krawall vielleicht ein bisschen zu schwach ist.

Wir neigen wahrscheinlich eher zur Starr- und Dickköpfigkeit als zur Anarchie.

Für Anarchie ist man vielleicht ein bisschen zu realistisch, was die Machtverhältnisse angeht.


Das Interview führte Jürgen Kannler, Zusammenfassung und Foto: Severin Werner

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