Die Hexe in der Mikrowelle

18. November 2014 - 10:19 | Bettina Kohlen

Das Theater Augsburg bringt Engelbert Humperdincks romantische Oper »Hänsel und Gretel« in die prekäre Gegenwart.

Das Leben der Geschwister mit ihren Eltern in einem runtergekommenen Wohnwagen ist von Armut und Mangel geprägt. Was dann passiert, kennen wir alle aus den Hausmärchen der Brüder Grimm: Hänsel und Gretel stoßen im Wald nach einer langen Nacht auf einen bonbonbunten Kiosk, der alles bietet, was ihr Herz begehrt: Süßes ohne Ende! Und sie treffen auf eine nette Omi. Doch diese lässt bald die Maske fallen und erweist sich als Mann (Tenor Christopher Busietta) mit pädophiler Konnotation. Die Kinder sitzen in der Falle. Die gewitzte Gretel jedoch befreit ihren Bruder aus der Gewalt der kannibalistisch veranlagten Hexe. Gemeinsam schubsen die Geschwister ihren Peiniger in die Mikrowelle: Tür zu, Schalter umlegen. Ungerührt betrachten sie, wie das Böse in sich zusammenschrumpft.

Cathrin Lange (Gretel) und Stefanie Hampl (Hänsel) verkörpern das Geschwisterpaar als symbiotisches Duo. Lange - mit dem Bayerischen Kunstförderpreis 2014 ausgezeichnet - beweist wieder ihre Gabe, glockenreinen Gesang mit sprühendem Spieltalent zu verbinden. Hampl korrespondiert mit zurückhaltend warmem Klang, der Zuneigung vermittelt.
Die Charaktere agieren in einem märchenhaft wunderlichen Setting (Simon Holdsworth), das wie ein riesiges Papiertheater erscheint: Hänsel und Gretel schlafen zwischen grotesken Bäumen, Sandmännchen und Taumännchen schweben durch die Luft, die Hexe schießt auf ihrem Besen quer über den Bühnenhimmel.

Nein, »Hänsel und Gretel« ist kein vorweihnachtliches Spiel für Kinder. Die Oper vereint spätromantische Musik mit einer Handlung, die bei Lichte betrachtet nichts für Zartbesaitete ist, Märchenhaftigkeit und Horror stehen nebeneinander. In der Augsburger Inszenierung von Aron Stiehl wird das ziemlich deutlich, dennoch wird das Werk nie seines Zaubers beraubt. Konsequenterweise wird die Oper im Abendprogramm gespielt.

www.theater-augsburg.de

Weitere Positionen

17. September 2019 - 14:26 | Renate Baumiller-Guggenberger

Auch in die dritte Spielzeit startet Augsburgs Ballettdirektor Ricardo Fernando voller Tatendrang und Optimismus, mit sieben neuen Tänzern und einem bewegten Spielplan

15. September 2019 - 14:34 | Iacov Grinberg

In seiner Kunsthalle im abraxas zeigt der Berufsverband Bildender Künstler die Ausstellung »besSITZen – Objekt Stuhl«.

12. September 2019 - 14:34 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ursula Anna Neuner feiert im Kulturhaus abraxas das 25-jährige Jubiläum ihrer »tanzwerkstatt«

11. September 2019 - 13:30 | lab binaer

Am Wochenende ging die Ars Electronica unter dem diesjährigen Motto »Out of the Box – The Midlife-Crisis of the Digital Revolution« zu Ende. Benjamin Stechele vom Augsburger Labor für Medienkunst LAB BINÆR berichtet für a3kultur vom Linzer Festival.

Freie Plätze
9. September 2019 - 10:25 | Gast

In einem Gastbeitrag fordert der Leiter des Augsburger Sensemble Theaters, Sebastian Seidel, einen großen kulturpolitischen Wurf für die freien darstellenden Künste.

9. September 2019 - 9:57 | Thomas Ferstl

Projektor – die a3kultur-Filmkolumne im September

23. August 2019 - 10:35 | Bettina Kohlen

Die Vergänglichkeit ist ein grundsätzlicher Bestandteil des Lebens, das einem permanenten Wandel unterliegt. Doch können wir nicht nur daneben stehen und unbeteiligt tun – Menschen gehören zu diesen Veränderungen, sind Teil, aber beeinflussen auch massiv. Was das mit Kunst zu tun hat? Viel. Diesmal in Augsburg und Bregenz.

22. August 2019 - 23:23 | Iacov Grinberg

Während der allgemeinen Ferienruhe hat die Galerie Krüggling uns Zuschauern eine neue Ausstellung beschert: Metamorphosis Floralis, welche die Arbeiten der Künstlerin Valeria Koxunov zeigt.

18. August 2019 - 18:13 | Martin Schmidt

Schneidemaschine, Jazz, Neues aus Noise – hochqualifizierte Verstöße gegen die allgemeine Pop-Verordnung. Das Augsburger Duo Schnitt legt das Album des Jahres vor. Eine Rezension von Martin Schmidt.

14. August 2019 - 9:08 | Patrick Bellgardt

Am 24. August gastiert Purple Schulz im Wittelsbacher Schloss in Friedberg. Die 80er-Jahre-Ikone präsentiert ihr neues Album »Nach wie vor« open air im Innenhof. Ein Interview