Hier stimmt die Chemie nicht ganz

1. April 2019 - 8:11 | Severin Werner

»Escape – Codename Clown«: Das Staatstheater inszeniert seinen fünften »Tatort Augsburg« in einer ehemaligen JVA.

Neuer »Tatort«, neuer Tat-ORT. Diesmal wird das Publikum hinter die sonst verschlossenen Tore der ehemaligen JVA Augsburg in der Hochfeldstraße geführt. Der Hauptgrund für die im Vorfeld relativ hohen Erwartungen an diese Inszenierung mag wohl auch an diesem für durchschnittliche Theatergänger sonst unzugänglichen Ort liegen. Ein Gebäude, das in seiner Historie allein zum Zweck der strukturellen Bewältigung von Kriminalität erbaut wurde, erschafft allein durch körperliche Anwesenheit eine Atmosphäre der Spannung.

Einen Schritt in den Vorhof der JVA gesetzt, werden wir nach dem Willen des Plots zu Teilnehmern eines Escape-Room-Games und erhalten von dem chaotisch-lustigen Mitarbeiter Dirk eine Einweisung in die uns bevorstehenden Strapazen der nächsten eineinhalb Stunden. Zusammen mit dem ehemaligen Polizeipräsidenten Moser sowie den Kommissaren Einfalt und Bruch brechen wir in den Innenhof ein, um gleich darauf wie eine Hundertschaft auszustreuen und nach Puzzlestücken für das erste Rätsel zu suchen. Ein bisschen wie die Suche nach Ostereiern, bloß mit weiteren 30 fremden Menschen, im Innenhof eines Gefängnisses, umgeben von Mauern mit Stacheldraht. Nachdem dann alle Puzzlestücke beisammen sind, wird auf einmal einer unserer Kommissare von zwei Mitarbeitern des Escape-Room-Games als Geisel genommen: »Wenn wir ihn zurückhaben wollen, müssen wir alle Rätsel lösen!«

Die Dreiteilung des Stückes in Escape-Room-Game, JVA-Rundführung und »Tatort Augsburg« mag für den stereotypischen Schwaben zwar nach einem Schnäppchen klingen, doch von einer harmonischen Zusammensetzung dieser drei Elemente in einer Inszenierung kann leider nicht die Rede sein. Im ersten Moment will man beim Escape-Room-Game aktiv miträtseln, dann wird man wieder vom Plot unterbrochen, während man gleichzeitig in die einzelnen Gefängniszellen starrt und sich dabei fragt, wie lange man es wohl darin aushalten würde. Durch die Bildschirme in den verschiedenen Abschnitten des Stückes nehmen wir immer wieder Kontakt zu den Geiselnehmern auf, wobei der Eindruck vermittelt werden soll, dass man jetzt nicht genau wüsste, ob es sich noch um einen Teil des Escape-Room-Games handele oder eine »echte« Geiselnahme stattfindet.

Dass die Grenzen zwischen Spiel und Ernst hier verschwimmen sollen, liegt wohl in der Absicht des Stückes, es sorgt jedoch eher für eine verwirrende Geschichtserzählung. Der Zuschauer wird nie ganz in die Handlung eingesogen, trotz der authentischen Atmosphäre.

Der finale Akt findet in der großen Halle der JVA statt und kann von der Kulisse her in einer Liga mit dem Fernseh-»Tatort« spielen. Eine dunkle, komplett leerstehende Halle, darin ein mittig platzierter Stuhl, an welchen die Geisel gefesselt wurde. Über den Köpfen des Publikums findet ein Schusswechsel statt. Danach ebnet sich das Geschehen wieder und die ganze Geschichte wird so aufgedröselt, dass man endlich versteht, um was es die ganze Zeit eigentlich ging. Man hat letztlich den Eindruck, dass man sich beim »Tatort Augsburg« schwer getan hat, einen Plot zu finden, der mit der Kulisse harmoniert. Dies ist nach Ansicht dieser – natürlich subjektiven – Einschätzung nicht gelungen.

Weitere Termine unter:
https://staatstheater-augsburg.de/tatort_augsburg

Foto: Jan-Pieter Fuhr

Weitere Positionen

26. Juni 2019 - 13:00 | Thomas Ferstl

Der Juli ist da, die Temperaturen steigen und die Kinoleinwände zieht es hinaus an die frische Luft. Projektor – die a3kultur-Filmkolumne

21. Juni 2019 - 10:23 | Bettina Kohlen

Ein Kaiser und ein Dichter spielen in diesem Sommer große Rollen im Augsburger Ausstellungsgeschehen.

Fotomontage: Susanne Thoma, Foto Haller: Fred Schöllhorn
19. Juni 2019 - 16:29 | Susanne Thoma

Pareaz e.V. hat zusammen mit dem Quartiersmanagement Oberhausen ein Projekt der kulturellen Kinder- und Jugendarbeit mit dem Titel »Bring' den Haller auf den Platz!« gestartet.

17. Juni 2019 - 8:40 | Jürgen Kannler

»Positive und kreative Utopien zu entwickeln, bedeutet nicht Naivität, sondern praktische Vernunft« – tim-Direktor Karl B. Murr im Interview mit a3kultur

14. Juni 2019 - 14:04 | Patrick Bellgardt

Vom 14. bis 16. Juni steigt das Internationale Django Reinhardt Festival im Parktheater des Kurhauses Göggingen. Der Augsburger Vibraphon-Virtuose Wolfgang Lackerschmid gestaltet den Abschluss des Gipsy-Jazz-Events. Ein Interview

11. Juni 2019 - 10:48 | Renate Baumiller-Guggenberger

Auf einer Pressekonferenz im martini-Park präsentierte das Produktionsteam das Konzept und die Protagonisten ihr Stimmvermögen: Man darf sich freuen auf die Premiere von Andrew Lloyd Webbers Rockoper »Jesus Christ Superstar« am 29. Juni auf der Freilichtbühne.

don_pasquale_staatstheater augsburg_2019_foto_jan-pieter_fuhr_8265.jpg
11. Juni 2019 - 10:47 | Bettina Kohlen

Gaetano Donzettis Komische Oper »Don Pasquale« setzt auf konsequentes Liebesgewirr. Die Inszenierung am Staatstheater Augsburg ist in dieser Spielzeit nur noch kurz zu sehen, kommt aber in der nächsten Saison wieder auf die Bühne im martini-Park.

11. Juni 2019 - 10:27 | Renate Baumiller-Guggenberger

Der »Newcomer«-Tanzabend zeigt im Gaswerk neun Uraufführungen von und mit dem Ballett Augsburg.

11. Juni 2019 - 10:19 | Renate Baumiller-Guggenberger

Preisträgerkonzert mit Mozart, Tschaikowski und Elzbieta Sikora: Der 10. Internationale Violinwettbewerb Leopold Mozart fand seinen krönenden Abschluss im Kongress am Park und hinterließ ein glückliches und stolzes Leitungsteam.

10. Juni 2019 - 8:45 | Gast

Nach Umbau und Renovierung feiert die Kresslesmühle ihre Wiedereröffnung. Marion Buk-Kluger sprach mit dem zuständigen Referenten Reiner Erben über das, was bleibt, und Neuerungen, die dem ursprünglichen Zweck des Hauses als interkulturelle Begegnungsstätte dienen sollen.