Hier und heute

3. August 2020 - 7:00 | a3redaktion

Der Entscheidung der a3kultur-Redaktion, sich einem Diversity-Prozess zu öffnen, ging ein intensiver Diskurs nach dem »Wie« voraus. Unsere aktuelle Sonderveröffentlichung ist eine Zwischenbilanz dieses Prozesses. Von Jürgen Kannler

Millionen Mitmenschen sind zur Sprachlosigkeit verdammt. Ihnen fehlt der Zugang zu unserer Medienlandschaft. Die Gründe dafür sind unterschiedlicher Natur. Es ist oft eine selbst gewählte, doch nur selten eine selbstbestimmte Entscheidung. In der Echokammer verliert sich der Umgang mit Meinungsvielfalt. Oftmals spielt fehlende oder vorenthaltene Bildung bei der Ausgrenzung aus unseren Informationssystemen eine Rolle. Diese Ungerechtigkeit ist häufig, aber nicht zwangsläufig milieubedingt.

Ungerechte Teilhabemöglichkeit an Wirtschaftskraft spielt medialer Sprachlosigkeit in die Hand. Und wer an diesen Medienwelten nicht partizipiert, der wird von ihren Redaktionen kaum gehört, gesehen, befragt oder zitiert. Diesen Menschen wird mit der Verweigerung ihrer Stimme eine gerechte Teilhabe an unserer Gesellschaft vorenthalten. Sie verblassen im Bewusstsein der Mehrheiten.

Die große Schnittmenge der Stimmlosen und der Menschen mit Migrationshintergrund überrascht kaum. Sie bestätigt eher die Ausgrenzungsmechanismen unserer Gesellschaft.

Im Ergebnis bedeutet diese Ungerechtigkeit einen Verlust für alle. Als könnten wir einen Teil unserer Lebenswirklichkeit ausblenden, ignorieren wir die Positionen, Erfahrungen, Fähigkeiten und Talente eines großen und wachsenden Teils unserer Gesellschafft.

Der Zorn mancher Menschen aus Familien mit Migrationsgeschichte, die oft in zweiter oder dritter Generation hier leben, ohne in der Mehrheitsgesellschaft »ange/n/k/ommen« zu sein, ist verständlich und wohl auch nötig, um einen sich träge regenden Prozess der Veränderung zu beschleunigen. Ihre Erfahrungen mit Rassismus im Alltag lassen sich, wenn überhaupt, nur schwer für Dritte erfahrbar machen. Hier können gut erzählte Geschichten und gewissenhaft recherchierte Beiträge helfen, aufeinander zuzugehen.

Medien, unserer vielfältigen Gesellschaft – gerecht?!?

Ein Schlüssel, diesen Mechanismus zu durchbrechen, liegt in der Hand der Medienmacher*innen. Die Zusammensetzung der Redaktionen spiegelt sich in der medialen Sichtbarmachung unserer Gesellschaft wider. Je diverser ein Redaktionsteam aufgestellt ist, umso bestimmter kann es die Realitäten der Milieus und Szenen wiedergeben.

Voraussetzung dafür ist eine Bewusstwerdung der Problematiken, sowohl in den Redaktionen als auch in den Chef*innenetagen dieser Medienunternehmen. Das Handwerk guter Medien­macher*innen ist gefragt.

Medien unserer vielfältigen Gesellschaft gerecht zu machen, ist nicht nur eine unserer demokratischen Grundordnung geschuldete Verantwortung. In diesem Prozess stecken außer­dem enorme, auch wirtschaftliche Chancen für Medien. Wo sich auf der einen Seite Leser*innen von Formaten verabschieden, siedeln sich auf der anderen Seite potenzielle neue Mediennutzer*innen an. Sie werden jedoch von Redaktion und Geschäftsführung nicht als das wahrgenommen, was sie sind und werden können: nämlich Teil unserer Gesellschaft, wertvolle Stimmen im Diskurs unserer Zeit und nicht zuletzt mögliche Rezipient*innen.

Um sich diesen Wirklichkeiten zu stellen und in ihnen zu arbeiten, hat sich die a3kultur-Redaktion vor etwa einem Jahr dazu entschlossen, einen Diversitätsprozess zu starten. Im ers­ten Schritt intern. Nicht alle Kolleg*innen waren und sind von der Aussicht auf ergebnisoffene Diskussionsrunden und Veränderungsprozesse im Kontext mit Diversität und unseren redaktionellen Aufgaben begeistert.

Die Gründe dafür liegen auch in der von Expert*innen und Aktivist*innen oft sehr verbissen geführten Diskussion um Deutungshoheit beim Thema Diversity.

Insbesondere eine mögliche Einschränkung der Freiheit, Themen journalistisch zu bearbeiten, ohne auf mögliche Zwänge durch nicht immer in ihrer Provenienz klare Diversitätskriterien und Strömungen in den Debatten eingehen zu müssen, bewegte und bewegt die Gemüter.

Auch die Frage, ob und, wenn ja, wie wir die Sprache in unseren Medien für neue Leser*innen öffnen sollten, und ein damit einhergehender möglicher Verlust an individueller Ausdruckskraft, Poesie und gedanklicher Virtuosität wird weiter diskutiert werden.

Im zweiten Schritt luden wir uns über die Fachleute von Tür an Tür Expert*innenwissen in die a3kultur-Redaktion. Ein Prozess mit Workshops und Diskussionen, der in gleichem Maß mühevoll, animierend und befreiend sein kann.

Parallel dazu gingen wir gezielt in diverse Lebenswelten, zu denen unsere Redaktion bisher nur sporadisch oder kaum Zugang hatte. Das selbst gesetzte Ziel vor Augen, unsere Kulturterminredaktion in diesen Bereichen zu sensibilisieren und damit stärker zu professionalisieren, geht Hand in Hand mit dem Gedanken, daraus einen redaktionellen Kompetenzgewinn zu extrahieren, zu pflegen und in die öffentlichen Debatten einzubringen.

Gegenwärtig arbeiten wir an Strategien, die Zugangskriterien für unsere Medien zu verbessern. Das Ziel ist, mittelfristig einer diverseren Leser*innenschaft attraktive Angebote machen zu können. Die Milieukompetenzen unserer Mitarbeiter*innen spielen dabei eine wichtige Rolle. Diese Interaktion birgt auch die Chance, aus diversen Milieus neue Autor*innen und Partner*innen für die a3kultur-Medien zu gewinnen oder die Kolleg*innen bei eigenen Projekten zu unterstützen.

Es ist zielführend und spannend, sich mit der Frage und der Forderung »Medien, unserer vielfältigen Gesellschaft gerecht?!?« zu beschäftigen. Das Thema führt uns ins Hier, es führt uns ins Heute und begleitet uns sicher ins Morgen.

Unsere aktuelle Sonderveröffentlichung ist eine Zwischenbilanz dieses Prozesses.

Bei einer Diskussionsrunde des Presseclubs Augsburg am 29.07.2020 im Café »Tür an Tür « (zu sehen auf Youtube) wurde eine Umfrage zur Mediennutzung von Augsburger*innen mit Migrationshintergrund vorgestellt. Hier wurde auch die a3kultur-Sonderveröffentlichung vorgestellt und diskutiert.

a3kultur Herausgeber Jürgen Kannler spricht im Podcast mit der Geschäftsführerin der Neuen Deutschen Medienmacher*innen Konstantina Vassiliou-Enz über das Thema Diversity in den Medien.

 

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