Hilal und süße Dattel

16. Juni 2015 - 9:04 | Martin Schmidt

Im Juni beginnt der muslimische Fastenmonat Ramadan. Im Juli folgt dann das dreitägige Fest des letzten Fastenbrechens.

Wir schreiben das Jahr 1436 nach Mohammed: Wenn sich heuer am Donnerstag, 18. Juni, zwischen 20:50 und 21:30 Uhr über Augsburg, Gersthofen oder Friedberg die Mondsichel zeigen wird, beginnt für die Muslime ein neuer Monat: der Fastenmonat Ramadan. Er fängt an, wenn der Hilal – so heißt die Sichel des zunehmenden Mondes auf Arabisch – mit bloßem Auge zu erkennen ist. Das steht im Hadith geschrieben, der den Koran ergänzenden Sammlung von Aussprüchen des Propheten Mohammed. Im Koran selbst ist dies nicht detailliert festgelegt, außer dass Ramadan mit dem Neumond beginnt.

Das islamische Jahr orientiert sich am Mondzyklus – »Der Monat besteht aus 29 Tagen«, heißt es im Hadith. Deshalb ist der muslimische Jahreskreis, auch wenn er ebenfalls zwölf Monate zählt, kürzer als der christliche gregorianische Kalender, der auf das Sonnenjahr ausgerichtet ist. Das hat zur Folge, dass – zumindest aus unserer Sicht – Ramadan jedes Jahr anderthalb Wochen früher beginnt.  

Die Tatsache, dass man den Beginn des Neumonds nicht nur mit bloßem Auge erkennen, sondern seinen Aufgang eben auch astronomisch berechnen kann (was eine abweichende Uhrzeit ergibt), führt in der arabisch-islamischen Welt jährlich zu Kontroversen darüber, wann genau der Ramadan denn beginnt. In Ägypten gibt es übrigens folgende Lösung: Wird in der ägyptischen Stadt Assuan das durch den Hilal gesandte sogenannte Neulicht gesichtet, so wird dies per Telefon nach Kairo gemeldet, von wo aus dann für Ägypten der Ramadan ausgerufen werden kann.

Die in Augsburg lebenden rund 25.000 Muslime (diese Zahl nennt die von der Stadt Augsburg im April 2013 herausgegebene Broschüre »Muslimische Organisationen in Augsburg«) werden die Mondsichel wohl alle zum selben Zeitpunkt erblicken. Zafer Keleş, der Vorsitzende des Dachverbands Türkischer Vereine in Augsburg (DTA), schätzt die Zahl der Muslime in Augsburg sogar auf rund 32.000 (nicht türkische Muslime inbegriffen). Über 20 Moscheen gibt es in Augsburg und Umgebung. Bei deutschlandweit 200 Moscheen sind dies über 10 Prozent des bundesdeutschen Moscheenbestands (die rund 2.600 Gebetsstätten nicht mitgezählt).

Nacht der Offenbarung

Was ist es, das den neunten Monat im islamischen Jahreskreis so wichtig macht? Ramaḍān (»der heiße Monat«) gilt als jener Monat, in dem der Koran selbst offenbart wurde. Unklar ist, am wievielten des Monats die genaue Offenbarungsnacht gewesen ist. In der Regel feiert man deshalb am 27. Tag, aber auch an den letzten zehn ungeraden Tagen des Ramadan. In dieses letzte Drittel des Fastenmonats fällt die fromme Übung des Iʿtikāf (»Absonderung«), ein Rückzug über mehrere Tage oder Nächte in die Moschee zum Gebet, was auch ein nächtliches Schweigegelübde einschließen kann.

Manche Gemeinden errichten im Ramadan ein Zelt, in dem gekocht und nach dem abendlichen Aufscheinen des Hilal zusammen gegessen wird. Dieses abendliche Fastenbrechen steht auch Gästen und Fremden offen, so halten es auch einige Moscheen in Augsburg. Laut Koran beginnt das tägliche Fasten mit der Morgendämmerung (fadschr), die jeweils folgende Nacht bringt das regelmäßige Fastenbrechen: »… und esst und trinkt, bis ihr in der Morgendämmerung einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden könnt!«, heißt es in Sure 2, Vers 187.

»Gott will es euch leicht machen, nicht schwer«

Das Fasten beschränkt sich nicht nur auf den Verzicht auf Nahrung, sondern ist eine allgemeine Tätigkeit der Enthaltung (imsak) – so zum Beispiel auch von Rauchen, Alkohol oder Geschlechtsverkehr. Besonderes Augenmerk legt ein überzeugter Muslim im Ramadan auch auf ethisch-moralisch korrektes Verhalten: Nachrede, Verleumdung, Lügen oder Beleidigungen sind verboten. Zum Fasten verpflichtet ist jeder, der in vollem Besitz seiner Geisteskräfte ('aqil), volljährig (baligh) und körperlich dazu imstande (qadir) ist. Wer krank oder auf einer Reise ist, kann laut Koran die entsprechend versäumten Fastentage nachholen: »Gott will es euch leicht machen, nicht schwer.«

Der Fastenmonat endet, wenn sich einen Mondzyklus später ein neuer Hilal am Himmel zeigt. Es beginnt der nächste Monat Schawwal. Dieses Jahr geht der Ramadan bis einschließlich 16. Juli. Jenes letzte Fastenbrechen, das am Ende des Ramadans stattfindet, ist nach dem Opferfest (dieses Jahr von 23. bis 26. September) der höchste islamische Feiertag. Auf Arabisch heißt er id al-firt, im Türkischen Ramazan Bayramı. Gefeiert wird drei Tage lang.

Wer während des Ramadans in die türkischen und arabischen Shops in Augsburg schaut, wird Datteln in Hülle und Fülle entdecken. Traditionell ist die Dattel das Erste, was ein Muslim mit dem Fastenbrechen zu sich nimmt. Nicht zuletzt heißt das Fest im Türkischen auch Şeker Bayramı, »Zuckerfest«. Andere halten sich beim Fastenbrechen an eine Olive, eine Feige oder einen Schluck Milch. Die Dattel selbst kommt auch im Koran vor, die Frucht soll die Jungfrau Maria (ja genau, die Mutter Jesu!) während ihrer Schwangerschaft gestärkt haben. Ebenso gibt es den islamischen Brauch Tahnik, bei dem die Lippen von Neugeborenen mit Dattelbrei bestrichen werden. (msc)

Foto: Rainer Brückner/pixelio

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