Hitzefrei für Scharfmacher

24. August 2018 - 12:29 | Jürgen Kannler

Sommerlochskandale demontieren verdiente Kulturmacher*innen. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Die Hitze scheint der Politik in Augsburg nicht allzu gut zu bekommen. Ihre Protagonisten verlieren die Contenance und sie wird zur Spielwiese für Scharfmacher. Bei steigenden Temperaturen laufen vor allem Mitarbeiter*innen städtischer Kulturbetriebe Gefahr, vom eigenen Dienstherrn öffentlich vorgeführt und unter Beihilfe einiger lokaler Medien einem demütigenden Pseudodiskurs ausgesetzt zu werden.     

Nachdem im vergangenen Jahr die Leiterin des Hohen Friedensfestes kurz vor Festivalbeginn einen demokratiefernen Zensurversuch aus dem OB-Referat ausgesetzt war, wurde in diesem Sommer André Bücker angeschossen und ins Referat zitiert.

Sein »Vergehen« war es, vor dem Wechsel vom Stadt- zum Staatstheater Ordnung in ein von alten Seilschaften durchzogenes Sponsorensystem bringen zu lassen. Dabei blieben wohl einige Spezis, die bisher für zu wenig Leistung zu viel Ehre erfahren hatten, auf der Strecke. Statt sich in Sack und Asche zu hüllen, beschwerten sich die Blender bei CSU-OB Kurt Gribl, und der bestellte Intendant Bücker öffentlich zum Rapport. Dies geschah just zu der Zeit, als Parteifreunde des OB in München die Renitenz einiger Theatermacher beklagten, die zur »#ausgehetzt«-Demostation auch gegen die verbalen CSU-Scharfmacher Söder und Seehofer aufriefen.

Bekommt Bücker nach einer ebenso schwierigen wie erfolgreichen ersten Spielzeit in Augsburg für den Geschmack der Politik zu breite Schultern? Steht der neueste bayerische Staatstheaterintendant der um die absolute Mehrheit bangenden CSU zu weit links? Oder lag es doch nur an der Hitze und am medialen Sommerloch, dass dem Theater die Spielzeit zum Schluss doch noch verhagelt wurde?

Wenn es um die Demontage verdienter Kulturmacher*innen geht, funktionieren in Augsburg Koalitionen, an die ansonsten kaum zu denken wäre. Unter der Schlagzeile »Affäre Höhmannhaus« treibt die Heimatzeitung seit Wochen eine Sau durch die Stadt, die dabei mehr besudelt als nur einen wichtigen Kulturort für zeitgenössische Kunst. Im Fadenkreuz der Kampagne von Politik und Medien steht Christof Trepesch, Leiter der Kunstsammlungen und Museen Augsburg, Museumsmann mit besten Bewertungen sowie Vermieter und Mieter im Höhmannhaus.

Die Kunstsammlungen hatten das Objekt an der Maximilianstraße vor Jahren geerbt. Trepesch war zu dieser Zeit schon Mieter und bestrebt, die Verwaltung des Anwesens abzugeben. Seinem Ansinnen wurde vonseiten der Stadt nicht entsprochen. Trepesch blieb wohnen, was ihm nun zum Verhängnis wurde. Der unbelegte Vorwurf lautet, er wohne zu billig.

Es ist Aufgabe der Politik, durch verbindliche Mietstrukturen bei stadteigenen Immobilien Klarheit für alle Seiten zu schaffen. Dass der Mietzins einer Privatperson öffentlich diskutiert wird, ist der wahre Skandal in der »Affäre Höhmannhaus«.

In der Summe taugen die wiederholten Angriffe auf verdiente Kulturmacher*innen dazu den Kulturort Augsburg zu schwächen. Vielleicht liegt genau darin auch das wahre Interesse der Scharfmacher. Für den kommenden Sommer verordnen wir ihnen hitzefrei.       

Foto: Siegfried Kerpf

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