Politik & Gesellschaft

Hochkultur und Wildwuchs

Susanne Thoma
5. Dezember 2019

Am Gaswerk geht es nicht nur um Flächen und Bebauungspläne. Vielmehr soll ein neues Kreativquartier entstehen, das weit in die Stadt hinein und darüber hinaus wirkt. Die Stadtwerke Augsburg Holding als Eigentümerin sagt, ihr ist daran gelegen, »möglichst viele gesellschaftliche Kräfte zu beteiligen«. Das ist gut, schließlich steht sie vor einer Mammutaufgabe. Es gilt, die 70.000 Quadratmeter große Industriebrache in ein lebendiges Viertel zu verwandeln. In einen Ort, mit dem sich weite Teile der Stadtgesellschaft, die Kulturszene und vor allem auch die Oberhauser Nachbarschaft identifizieren können.
Wie kann das gelingen? Wir erinnern uns an 2014. Mehr als 300 Bürger*innen brachten ihre Ideen bei der Zukunftswerkstatt Gaswerk ein, mehr als 800 Meinungen und Wünsche sind zusätzliche über eine Onlinebefragung eingeflossen. Künstler*innen, Anwohner*innen, Initiativen und Vereine sowie Fachverwaltung und Unternehmen brachten zum Ausdruck, dass sie das Gaswerk als Gemeinschaftsaufgabe für die kommenden Jahre begreifen. Eine erste Planungsgrundlage und ein Handlungskatalog wurde 2015 formuliert. Der Stadtrat hat ihn zustimmend zur Kenntnis genommen. Heute, fast fünf Jahre später, fragt die Ständige Konferenz nach, wie es mit der konkreten Umsetzung all dieser Ideen aussieht und wie die Planung und Gestaltung von unten dabei vorkommt. Wir wollen wissen, wie Vertreter*innen der Politik und die Stadtwerke als Eigentümerin die Situation einschätzen und welchen Handlungsbedarf sie sehen.

Gehobenes Ambiente

Wir tagen im Restaurant Ofenhaus, in dem sich auch das Theaterfoyer der Brechtbühne befindet. Früher wurden hier Rohgas und Koks aus Steinkohle gewonnen. Heute trifft die alte Industrie auf eine »Excellent Architecture«, die sich seit Kurzem mit dem Titel »German Design Award 2020« brüsten kann. Man ahnt, hier wurde kräftig investiert. Weil die Theaterspielerlaubnis für das Haus am Kennedyplatz 2016 aus Brandschutzgründen entfallen war, musste ein Ausweichort geschaffen werden. In einer Rekordzeit von knapp 21 Monaten bauten die Stadtwerke einen Interimsort für die Schauspielsparte und das Ballett des Staatstheaters. Damit ist man einen sehr bedeutenden Schritt in der Entwicklung des Kreativquartiers gegangen. »Es war ein Kraftakt« sagt Nihat Anaç von der SWA KreativWerk GmbH, die die Entwicklungen steuert. »Die Spielstätte wirkt als Impulsgeber für das neu entstehende Kreativquartier auf dem Gaswerkareal«, meint das Kulturreferat. Man ist sichtlich stolz und kann es auch sein, auf das, was geschaffen wurde. Doch jetzt kommt die freie Kulturszene und will wissen: Wie kann nach diesen ersten Entwicklung, die als Top-Down-Maßnahmen statt fanden, nun ein partizipativer Gestaltungsprozess eingeläutet werden? Wie kann ein zweiter Start für das Gaswerk unter aktiver Beteiligung von Kreativen und der Nachbarschaft aussehen? Neben Nihat Anaç haben wir Katharina Wolfrum vom Quartiersbüro München eingeladen. Sie bringt Erfahrungen aus dem Kreativquartier an der Leonrodstraße in Neuhausen-Schwabing mit. Die an der Stadtregierung beteiligten Fraktionen haben Stephanie Schuhknecht, ehemalige Stadträtin und Landtagsabgeordnete der Grünen, OB-Kandidat und Ordnungsreferent Dirk Wurm von der SPD und Kulturreferent Thomas Weitzel von der CSU entsendet.

Mietobjekte für Bands und Künstler*innen

Die Popkulturbeauftragte Barbara Friedrichs und das Büro für Kreativwirtschaft mit Colin Martzy bilden den Regiebetrieb, der sich um die Vergabe von Bandräumen und Ateliers kümmert bzw. Start-Ups der Kreativwirtschaft berät. Am Gaswerk sollen bald schon bis zu 5.000 Quadratmetern mit Ateliers, Proberäumen und Werkstätten zu mieten sein. Die hochwertig ausgestatteten Flächen sind für Künstler*innen durch die Stadt Augsburg subventioniert, sodass der Quadratmeterpreis hierfür derzeit sehr niedrig ist. Ein besonders großer Bedarf an Räumen war entstanden, weil sich das vom Kulturpark West verwaltete Kreativzentrum am Reese-Areal gezwungenermaßen auflösen musste. Ein Teil der Kunstschaffenden und Bands von dort ist nun auf dem Gaswerk untergekommen. Für andere steht der Umzug noch an, wiederum andere bleiben im Kulturpark-West-Konstrukt, ziehen in das nahe gelegene ehemalige Baywa-Gelände an der Gubenerstraße und verwalten sich selbst.
Weitere Gebäude am Gaswerk sollen genauso wie erste Parkflächen nach und nach in Betrieb genommen werden. Nihat Anaç betont, dass die Priorität zur Zeit noch bei der Verkehrssicherung der Gebäude und des Geländes liegt. »Mit dem richtigen Brandschutz, Fluchtwegen und Toiletten schaffen wir erst einmal die baulichen Rahmenbedingungen für die spätere Anmietung von Räumen.« Thomas Weitzel bringt das Kühlerhaus ins Gespräch. Früher wurde hier das vom Ofenhaus kommende heiße Rohgas in riesige Kühlaggregate geleitet. Wie viele andere steht das Gebäude heute leer. Im kommenden Jahr will es die SWA herrichten, wobei keine festen Einbauten vorgesehen sind. Vielmehr sollen multifunktionale Veranstaltungsräume entstehen, die eine sehr flexible Nutzung zulassen. Auch andere Gebäude sollen künftig unterschiedlich große Veranstaltungsräume beherbergen. So zum Beispiel das Apparatehaus, von dem aus früher das Gas an den Scheibengasbehälter oder direkt an die Verbraucher*innen geschickt wurde. Die Stadtwerke und das Kulturreferat kommen dem hohen Bedarf an Räumen für Kulturveranstaltungen nach. Es fragt sich halt, wer sich diese Räume auch leisten kann. Barbara Friedrichs berichtet, dass auch ganz kurzzeitige Nutzungen ermöglicht werden. »Das Gaswerk ist derzeit der angesagteste Ort für Videodrehs“. Das klingt gut, jedoch: Die Idee Gaswerk, wie sie in der Zukunftswerkstatt skizziert wurde, meint nicht nur die Anmietung von kostengünstigen Räumen oder die Inszenierung für Marketinginteressen in coolem Ambiete. Vielmehr braucht die freie Kulturszene Flächen, auf denen sie kreativ und unabhängig agieren kann – ohne unmittelbare Verwertungsziele, aber als Beitrag zur Entwicklung des Quartiers. Dies betrifft sowohl die Nutzung von Gebäuden als auch die der Außenflächen unter Einbeziehung von migrantischen Gruppen oder bisher schwach vertretenen Akteur*innen wie Jugendliche oder lokale Unternehmen. Es bleibt am diesem Abend offen, wann und von wem ernsthaft und engagiert an solch einer Zielsetzung gearbeitet wird.

Pioniernutzung und Experimentierräume

Peter Bommas vom Kulturpark West bringt die Diskussion auf eine sehr praktische Ebene. Er will wissen, wie es um die »Garage« steht. Das Gebäude liegt kurz hinter der Haupteinfahrt. Es standen dort früher Autos und Motorräder und auch LKWs, die den Koks zum Heizen in städtische Gebäude wie Schulen oder Altenheime gefahren haben. Schon mehrfach haben sich Kreativakteur*innen um dieses Haus bemüht. Peter Bommas schlägt vor, es einer Kulturinitiative zur freien Nutzung zu überlassen – als Pionierprojekt, als Anlaufpunkt, als weiteren Anker für eine andere Art der Kulturarbeit neben Ofenhaus und Staatstheater – parallel zur übrigen Bauentwicklung. Sebastian Kochs, Mitbegründer des Grandhotel Cosmopolis, untermauert dieses Anliegen: »Es muss neben dem Ofenhaus noch einen anderen Sender vom Gelände geben. Eine Initiative, mit kontinuierlichen und niederschwelligen Angeboten, die Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen auf das Gelände lockt und ihnen hier eine Möglichkeit gibt, sich kreativ zu beteiligen.« Katharina Wolfrum rät, dabei die Zeit der temporären Nutzung nicht in Monaten sondern eher Jahren anzusetzen. »Damit ein Angebot erst einmal greift und bekannt wird.« Thomas Weitzel hält es für denkbar, dass man hierzu einen Aufruf startet und man je nach Konzept entscheidet, welche Kulturinitiative möglicherweise für eine temporäre Nutzung in Frage kommt. Das klingt unverbindlich.

Bottom-Up

Bei der Frage, wie viel Wildwuchs sich die Stadtwerke und das Kulturreferat vorstellen können, geht es letztendlich um die Finanzierbarkeit. Jetzt kommt die Diskussion langsam voran. Dirk Wurm weist auf das Interesse und die Notwendigkeit der Stadtwerke hin, kostendeckend vermieten zu müssen, »damit das Ganze nicht zum Nonprofit- oder gar Minusmodell wird.« Er schlägt vor, sich in den kommenden Monaten intensiv der Frage zu widmen, wie jenseits von mietbaren Flächen offene Räume für die freie Kulturszene entstehen können.»Das alles in den selben Räumen machen zu wollen, wird nicht funktionieren. Sowohl die ökonomischen als auch die inhaltlichen Interessen gehen hier zu weit auseinander.« Stephanie Schuhknecht hakt ein. Ähnlich wie für den Regiebetrieb bei den Bandräumen könnte sich die Stadt doch aus einer Fördersicht für offene Kreativprojekte einsetzen. »Wir sollten versuchen, eine Mischung hinzubekommen, damit nicht nur von der Kulturpolitik gewollte Kultur auf dem Gaswerk gibt, sondern auch etwas, das gewachsen ist.« Damit wären wir wieder bei dem Bottom-Up-Prozess, der bislang bei der Entwicklung des Kreativareals zu kurz gekommen ist. Die Kreativszene will mitgestalten und Impulse geben, indem sie sich das Gaswerk aneignet, unerforschtes Terrain erkundet und utopisches Material in Situationen einschleust, für die die Stadtwerke oder Stadtverwaltung keine Idee generieren kann. Wie wäre es zum Beispiel mit einem regelmäßigen Bürger*innenstammtisch an der Garage? Im Sommer unter freiem Himmel. So könnte das Gaswerk » durch ein integriertes und von unten kommendes Planungsverständnis zu einem neuen lebendigen Ort für die Bürger*innen der Stadt Augsburg werden«, ganz so, wie es in der Dokumentation der Zukunftswerkstatt steht.

Wir danken unserem Sponsor studio a/a3kultur und Tobias Emminger vom Ofenhaus sowie unserem Kooperationspartner Club & Kulurkommission. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Lokalen Agenda 21 für ein zukunftsfähiges Augsburg statt.

Susanne Thoma ist Vorstand im Förderverein Ständige Konferenz der Kulturregion Augsburg, Foto: Bernhard Klassen

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