»Hört man mich?«

3. Juni 2020 - 7:05 | Juliana Hazoth

Der neue Studierendenalltag im professionellen Chaos – ein Einblick in die letzten Wochen als Studentin an der Universität Augsburg

In den letzten 9 Semestern habe ich viele meiner Kommiliton*innen kennengelernt. Wir waren gemeinsam in der Mensa, haben uns in der Alten Cafete Butterbrezen und Kaffee geholt, haben zusammen Referate gehalten und uns gegenseitig die Skripte geschickt. Wenige Wochen nach Semesterbeginn habe ich bereits jede Menge Neues gelernt. Zum Beispiel, wer keine Webcam zuhause hat, wer morgens Müsli frühstückt und wer lieber Käsebrote. Ich habe ordentliche Bücherregale gesehen, volle Wäscheständer und gemachte Betten. Ja, das digitale Semester bringt uns zusammen – wenn auch nicht ganz freiwillig.

Die Entscheidung, das Semester online abzuhalten, kam wenig überraschend und viele waren gar nicht mal abgeneigt. Der Weg zum Kühlschrank ist kurz, die Jogginghose sieht eh niemand bei der Videoübertragung und wenn man das Mikro abschaltet, hört auch keiner das Knuspermüsli rascheln. Außerdem ist es im eigenen Bett oder auf der Couch doch viel bequemer als im stickigen Vorlesungssaal und die Fahrt in der übervollen Tram spart man sich auch – gerade im Sommer gibt es da wirklich Angenehmeres.

Das Konzept ist simpel: Die Dozent*innen verschicken Links, Dokumente, Videos und Texte, die wir zuhause selbstständig durcharbeiten. Die Ergebnisse werden im Forum diskutiert, geblubbert (ich weiß leider auch nicht, was das eigentlich bedeutet) und in den Online-Sitzungen besprochen. Das klingt eigentlich gar nicht so viel anders als ein Präsenzstudium – bis man es tut.

Die Uni ist ein Ort des Lernens, Diskutierens und kritischen Denkens. Sie ist unser Arbeitsplatz. Jetzt plötzlich ist dieser Ort weg und wir sitzen stattdessen zuhause. Das mag zwar bequem sein, doch die Videoübertragung lädt alle meine Mitstudierenden in mein Zuhause ein. Sie alle wissen nun, dass meine Wände weiß sind, welche Bücher in meinem Regal stehen und wie sich meine Türklingel anhört. Ich wohne übrigens in direkter Nähe zu einer Kirche – das macht jede volle Stunde zu einem gemeinsamen Erlebnis. Meine Katze, die den ganzen Tag friedlich zusammengerollt auf ihrem Kratzbaum liegt, aber eine Vorliebe für Videokonferenzen zu haben scheint, wurde zum Kursmaskottchen. Wie es sich für eine Katze gehört, läuft sie gerne über meine Tastatur, setzt sich auf meine Schulter und maunzt mir ins Gesicht. Das ist zwar zuckersüß und witzig, hilft aber nicht unbedingt dabei, ein Referat zu halten.

Die größte fachliche Herausforderung ist es, unsere wissenschaftliche Arbeit beizubehalten. Da auch die Universitätsbibliothek geschlossen ist, sind Forschung und Literaturrecherche nicht möglich. Erst seit Mitte Mai hat zumindest ein Teil der Studierenden wieder (kontaktlosen) Zugriff auf Medien, wenn sie diese für eine Abschlussarbeit benötigen. Doch Recherche ist auch für Referate, Hausarbeiten, Prüfungen und Forschung im Allgemeinen nötig. Aktuell gibt es noch keine konkreten Termine, wann dies wieder möglich sein wird. Bis dahin müssen wir sehen, was das Internet zu bieten hat und welche Quellen wir noch eingescannt, abfotografiert oder im Regal stehen haben.

Das aktuelle Semester wurde nicht einfach nur ins Internet verlegt, es ist eine ganz neue Art, das Studium zu erleben und zu meistern. Wir alle zeigen uns derzeit von einer sehr persönlichen Seite; wir alle sind in einer ganz individuellen Lage. Wir büßen unsere Privatsphäre im trauten Heim stückweise ein, haben keine Kontrolle über Kirchturmglocken, klingelnde Postboten und renovierende Nachbarn. Es ist vielleicht ganz spannend, zu sehen, wie meine Dozent*innen ihr Zuhause eingerichtet haben, aber für uns alle ist das digitale Semester eine Geduldsprobe, ein gemeinsames Ausprobieren zwischen kreativen Alternativen und geplanten Lehrinhalten.

Die fehlende Recherchemöglichkeit, das Wegfallen sozialer Kontakte und die mangelnden Grenzen zwischen Studium und Freizeit, Uni und Zuhause sind Stressfaktoren. Was auch wir Studierende jetzt vor allem brauchen sind Gelassenheit und Verständnis. Und eine stabile Internetverbindung für das nächste Videomeeting – Daumen drücken!

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