Hohe Schneiderkunst

28. Mai 2018 - 8:55 | Iacov Grinberg

Die Ausstellung »Phoenix. Modewelten von Stephan Hann« im tim repräsentiert die Position dieses Künstlers in der Mode.

Stephan Hann studierte Mode und Szenografie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, zuvor absolvierte er eine Ausbildung zum Herrenmaßschneider an der Deutschen Oper. Danach arbeitete er in Paris in den Häusern der Haute Couture, wurde von Swarovski angeheuert. Seine Modeschöpfungen wurden in zahlreichen Ausstellungen präsentiert.

In der Schau »Phoenix« springt dem Betrachter eine Vielfalt von perfekt zugeschnitten und geschickt genähten Kleidungsstücken ins Auge, genauer gesagt Outfits oder eher Gewänder. Sie sind offensichtlich nicht für den Alltag geschaffen. Die Gewänder kleiden Schaufensterpuppen, die Projektion zeigt, wie wunderbar sie auf Frauen-Modellen sitzen und wie die Farben glänzen. Von den meistens aus Materialien der Kategorie »Luxus« gemachten Outfits namhafter Modehäuser unterscheiden sie sich im Material.

Mode hat zu allen Zeiten auf die Bedürfnisse der Gesellschaft reagiert. Stephan Hann entschied, dass seine Mode auf die »grüne« Forderung nach Recycling reagieren sollte. Für die Schneiderkunst ist dies nicht neu – erinnern Sie sich an die Umnutzung von Teppichen – es ist natürlich. Schließlich sind die uns bekannten Kleider aus einem Stoff gemacht, der für andere Zwecke entstand: Lein wächst die Fasern seiner Stängel, um Blätter zu halten, und nicht als Leinwand, Seidenraupen schaffen Faden für ihren Kokon und nicht für Seidentücher, Schafe haben Wolle zum Schutz vor Kälte und nicht für einen Pullover. Der Künstler erweiterte die Palette der Materialien und begann damit, Kleidung aus Tetrapak-Paketen, Plastiktüten, Videokassetten-Bändern, Textiltaschentüchern und vielen anderen Dinge, die man in Deponien, alten Lagern oder auf Flohmärkten findet, zu machen.

Manchmal ist die ursprüngliche Bestimmung der Materialien nicht mehr erkennbar – wie bei den Kleidern, die aus Tetrapak-Stücken oder Papierstreifen gemacht werden, manchmal ist sie betont und beschert dem Kleid eine zusätzliche Symbolik. Das Exponat mit einer riesigen Schleppe von Einkaufstüten symbolisiert unsere »Kunststoff-Spuren« in der Natur, ein Rock und eine Hose aus Medikamentenblistern symbolisieren unsere wachsende Abhängigkeit von Pillen und Drogen. Eine Schleppe mit Familienfotos aus fast einem Jahrhundert symbolisiert tiefe Wurzeln und das Kleid aus alten Postern von Haute-Couture-Veranstaltungen spielt ironisch auf die aktuelle Ausstellung an.

Ein Teil der Outfits, vor allem die aus Kunststoff, können wohl kaum getragen werden – in einem solchen Kleid schwitzt man zu stark. Andere, wie bespielsweise eines aus Stofftaschentüchern, sind vollständig tragbar und würden gerne zu großen Empfängen oder auf der Bühne getragen werden. Ein großer Teil von Stephan Hanns Arbeiten sind jedoch Demonstrationsschöpfungen, sie wurden auf Ausstellungen präsentiert, darunter im Berliner Kunstgewerbemuseum und im Deutschen Historischen Museum, 45 seiner Schöpfungen schmücken die Sammlungen von führenden Museen, darunter des Museums Europäischer Kulturen und des Germanischen Nationalmuseums. Die Outfits aus Etiketten und Capsules des Champagners Moët & Chandon waren zentrale Objekte der Werbekampagne des Unternehmens.

Zwei Kaseln – Dienstkleidungen katholischer Priester – aus alten Jeans und Goldspitze aus dem 19. Jahrhunderts, die aus den ausgedienten alten Kleidern genommen wurden, sind auf Bestellung gefertigt worden. Die anderen zwei sind bereits im Einsatz in einem italienischen Kloster. Nach den Worten der dortigen Priester passt das Blau der verblassenden Jeans perfekt zum Himmel, zum Geist des Gebetes und der Predigten.

Es gibt zwei Arten von Ausstellungen, in moderner Jugendsprache »nice to see« (nett anzuschauen) und »must see« (unbedingt anschauen). Diese Ausstellung gehört zu der zweiten Art. Sie können sie noch bis zum 29. Juli bewundern. Ich wünsche Ihnen schöne Eindrücke!

www.timbayern.de

Foto: Felix Weinold

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