Humanismus und Antisemitismus

3. Dezember 2018 - 15:08 | Michael Friedrichs

Was beim Jubiläum 500 Jahre Luther/Cajetan leicht übersehen wird.

Als vor 500 Jahren Cajetan in den Räumlichkeiten Jakob Fuggers den Luther verhörte, war auch ein damals sehr bekannter Humanist in Augsburg: der streitbare Ritter und produktive Dichter Ulrich von Hutten. Von dem Verhör hat er wahrscheinlich nichts mitbekommen, aber er war befreundet mit Konrad Peutinger und vielen anderen Humanisten. Eine große gesellschaftliche Streitfrage wurde damals lebhaft diskutiert, Hutten hatte sich engagiert daran beteiligt: der sog. Reuchlinstreit.

Ein gewisser Johann Pfefferkorn, als Jude geboren und in Köln etwa 1504 zum Christentum konvertiert, glaubte sich berufen, seine früheren Glaubensbrüder ebenfalls zur Konversion bringen zu sollen. Nach seiner Auffassung müsste das gelingen, wenn die hebräischen Bücher mit Ausnahme des Alten Testaments beschlagnahmt und vernichtet, die Juden also ihres glaubensmäßigen schriftlichen Fundaments beraubt würden. Wie weit Pfefferkorn auf eigene Faust handelte und wie weit er als Strohmann des Kölner Klerus fungierte, ist unklar. Jedenfalls erwirkte er am 19. August 1509 ein entsprechendes kaiserliches Mandat. Es gab immerhin Widerstand. Schließlich wurden u.a. die Universitäten Köln, Mainz, Erfurt und Heidelberg, der päpstliche Inquisitor sowie Johannes Reuchlin zu Gutachten über diese Frage aufgefordert.

Der Pforzheimer Richter Johannes Reuchlin wandte sich in seinem Gutachten als einziger uneingeschränkt gegen das Vorhaben der ungeprüften Beschlagnahme der jüdischen Schriften. Er sah das in diesen Büchern verkörperte Hebräisch als Sprache Gottes an. Reuchlin hatte sich zu einem der führenden christlichen Hebraisten Europas entwickelt. Mit seiner Feststellung, die Juden seien Mitbürger der Christen, sprengte er die kirchliche Lehre der servitus Iudeorum, in der ihnen die Rolle der Knechtschaft zugeteilt worden war. Aufgrund dieser Knechtschaftslehre war in der Vergangenheit die Verbrennung talmudischer Literatur durch die Inquisition immer wieder legitimiert worden.

Andererseits: Auch Reuchlin ist von einer Kollektivschuld der Juden fest überzeugt, er sieht ihr Elend in Zeit und Ewigkeit als gerechte Strafe Gottes. Die Möglichkeit, dieser Strafe zu entrinnen, bietet sich für ihn nur denjenigen, die den Talmud aufgeben. Wenn er sich in seinem Rechtsgutachten dennoch gegen die geforderte Konfiszierung jüdischer Bücher ausspricht, dann argumentiert er auf der Grundlage römischen Rechts. Er kommt als Jurist zu dem Schluss, dass Juden »concives« sind, Mitbürger, keine Ketzer im Sinne des Kirchenrechts, sondern eine tolerierte Sekte kraft geltenden Reichsrechts.

Nach Reuchlins Auffassung könne diese Rechtslage für die Christen nur einen Schluss zulassen: Die jüdischen Bücher dürften nicht ohne Überprüfung konfisziert werden. Und die Juden sollten durch Belehrung bekehrt werden, schließlich komme keiner als Christ auf die Welt. Wenn sie sich aber nicht »bessern« lassen (Thema Wucher), wird die Unterscheidung zwischen »Bürgern« und »Mitbürgern« erheblich und die Glaubensfeindschaft entscheidend; dann verlieren die Juden für Reuchlin ihre Aufenthaltsgenehmigung und sind zu vertreiben. (Die Unterscheidung zwischen »Bürgern« und »Mitbürgern« ist uns noch heute vertraut – »Mitbürger« werden weiterhin nicht als gleichberechtigt akzeptiert.)

Johannes Reuchlin selbst, das ist wichtig festzuhalten, wurde in der Folge wegen seiner pro-jüdischen Position mit Prozessen überzogen, diffamiert, wirtschaftlich und gesellschaftlich ruiniert. Hier geht es aber in erster Linie um die Scheuklappen der humanistischen Bewegung. Humanismus und Reformation haben natürlich den Antisemitismus vorgefunden, nicht erfunden. Aber sie haben ihn leider nicht wie vieles andere als mittelalterlich gebrandmarkt.

Ein Kristallisationspunkt des Antisemitismus im katholischen Bereich war die Auseinandersetzung um die sog. Mutter Gottes. Maria als Jungfrau zu bezeichnen beruht nach jüdischer Auffassung auf einem Übersetzungsfehler, da das entsprechende hebräische Wort nicht »Jungfrau«, sondern »junge Frau« bedeutet. In Regensburg agitierte der Priester Balthasar Hubmaier, der aus dem bayerischen Friedberg stammte, gegen die Juden. Im Februar 1519 predigte er so heftig gegen die angebliche jüdische Entehrung Mariens, dass in einer wahren Marienpsychose unter Beteiligung der gesamten Bevölkerung die Synagoge in kürzester Zeit zerstört und stattdessen eine Marienkapelle erbaut wurde.

Damals kursierten diverse Flugschriften für und gegen die Juden. Die Angst, der Antichrist werde sich der Juden bemächtigen, ist ein Leitthema der Zeit bis hin zum späten Luther, zumal die Erwartung damals verbreitet war, das Ende der Welt stehe unmittelbar bevor. Jedoch sind andererseits zu Beginn des 16. Jahrhunderts auch eine ganze Reihe hebräischer Bücher gedruckt worden. Die meisten dieser Judaica sind Johann Boeschenstain zu verdanken, der zeitweise auch in Augsburg das Studium des Hebräischen zu befördern suchte. Boeschenstain will wohl ähnlich wie Reuchlin das Hebräische für das wahre Christentum nutzbar machen.

Der Anfang der Forderung nach religiöser Toleranz war im Konzept äußerst begrenzt, was aus heutiger Sicht schmerzlich und schwer verständlich ist. Aber immerhin als Utopie gab es in dieser Zeit ein friedliches Nebeneinander der Religionen, und zwar durch die Kraft der Musik. In der Fuggerkapelle von St. Anna, in einem der Gemälde von Jörg Breu auf den Orgelflügeln (Foto, Außenseite des rechten Flügels der kleinen Orgel), gemalt zwischen 1517 und 1520, vereinigt der Klang der Musik in friedlicher Gruppierung vier Personen: Katholik, Protestant, Jude und Muslim.

Nehmen wir uns einfach vor, diese Utopie des Friedens demnächst zu verwirklichen, mit oder ohne die Macht der Musik – Zeit wär’s, 500 Jahre nach Hutten und Luther.

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