»Ich bin kein Anwalt meines Milieus«

7. August 2020 - 7:04 | a3redaktion

Ercin Özlü ist Journalist. Die Muttersprache seiner Eltern ist Türkisch, seine ist Deutsch. Alfred Schmidt und Jürgen Kannler sprachen mit ihm über sozialen Aufstieg, kulturelle Wurzeln und die Bedeutung von Herkunft für die Wahrnehmung journalistischer Arbeit.

Ob es ihn störe, als »Migrantenkind« bezeichnet zu werden, wollen wir von Ercin Özlü zu Beginn des Gesprächs wissen. »Nein, keineswegs, der Begriff passt zu mir als Vertreter der zweiten Genera­tion«, antwortet der 37 Jahre alte Jour­nalist spontan. Nach einem Volontariat bei der Augsburger Allgemeinen arbeitete Özlü in der Lokalredaktion Augsburg-Stadt und wechselte dann als Redakteur zur Industrie- und Handelskammer (IHK) Augsburg und Schwaben. Seine Eltern waren sehr jung, als sie Anfang der 70er-Jahre aus ihrer türkischen Heimat zum Arbeiten nach Deutschland kamen. Ihr Sohn hat in Mindelheim das Licht der Welt erblickt. Dort ging er auch zur Schule, machte das Abitur und stellte die Weichen für den Weg in den Redakteursberuf.

a3kultur: Sie sind Migrantenkind und Arbeiterkind. Welche der beiden Tatsachen stand Ihrem Aufstieg zum Medienmacher eher im Weg?

Ercin Özlü: Ich denke, dass die Herkunft als Arbeiterkind die noch größere Hürde war und es deshalb umso mehr Anstrengung bedurfte, den sozialen Aufstieg zu schaffen.

Der Weg zum Abitur war nicht klar vorgezeichnet?

Nein, das war er nicht. Es gab Lehrer, die Kindern aus meinem Milieu empfohlen haben, doch besser auf der Hauptschule zu bleiben. Dabei war nicht nur böser Wille im Spiel, sondern auch die Annahme, dass ein Schüler wie ich bald wieder in seine Heimat zurückkehren würde. Andere Lehrer haben guten Schülern ungeachtet ihrer Herkunft wiederum geraten, auf die Realschule oder aufs Gymnasium zu wechseln.

Sie haben beruflich viel erreicht und sind erfolgreich. In welchem Milieu bewegen Sie sich im Alltag, ist das noch das typische Migrantenmilieu?

Jein. Ich gehöre nicht zu den Aufsteigern, die ihre Herkunft gerne kaschieren. Ich würde sagen, ich habe einen großen deutsch-türkischen Bekanntenkreis, in dem ich unterwegs bin.

Sie kennen das türkische Milieu. Wie sieht dort das kulturelle Leben aus?

Es ist ein komplexes Leben mit einer großen Bandbreite. Wir haben Deutschtürken, die sich ausschließlich über türkische Fernsehsender und Zeitungen informieren oder sich sehr an der Moschee orientieren, bis hin zu vielseitigen Kulturmachern, die sich flexibel zwischen Kulturen und Sprachen bewegen.

Aber es gibt doch auch kulturelle Angebote, die sich ausschließlich an türkischsprachiges Publikum richten und für den Rest der Gesellschaft kaum oder gar nicht wahrnehmbar sind?

Das ist richtig. Da gibt es Vereine, die mit türkischsprachigen Stücken auf Deutschlandtour sind und auch Abstecher nach Augsburg machen. Das hat in den letzten Jahren zugenommen. Es gibt ein viel größeres Kulturangebot in türkischer Sprache für Menschen, die früher von solchen Möglichkeiten abgeschnitten waren.

Dieses Programm taucht in den Augsburger Kulturkalendern, zum Beispiel von a3kultur oder der Augsburger Allgemeinen, nicht auf. Woran liegt das, haben die Veranstalter daran kein Interesse oder die Medienschaffenden?

Ich denke, die Veranstalter glauben nicht, dass die klassischen Medien der richtige Kanal sind. Sie erreichen ihr Publikum über soziale Medien und Flyer, die in türkischen Geschäften ausliegen, viel besser.

Unsere Redaktion bemüht sich, Strategien zu finden, um dieses Angebot mittelfristig abbilden zu können. Halten Sie das für erfolgversprechend?

Es ist ein guter Ansatz. Ich würde aber den digitalen Weg vorschlagen. Mit Printangeboten kommt man bei dieser Zielgruppe nicht sehr weit.

Lassen Sie uns über das Informationsangebot klassischer Medien sprechen. Gibt es Themen, die ausge­blendet werden, obwohl sie für Migranten wichtig wären?

Hier gibt es eine positive Entwicklung. Die Medien greifen mehr Themen der vielfältigen Gesellschaft auf. Die Augsburger Allgemeine nimmt in ihrer Berichterstattung zum Beispiel vor Beginn des Ramadans zur Kenntnis, dass Tausende Menschen im Begriff sind zu fasten. In den klassischen Medien fehlen nicht die relevanten Themen. Es geht eher um die Darstellungsweise. Wenn Menschen mit Migrationshintergrund in den Redaktionen fehlen, dann wirkt sich das darauf aus. Da wird dann die Tür aufgestoßen, und nach einem Blick in eine scheinbar exotische Welt wird sie wieder zugemacht.

Wie kommt es, dass es noch immer so wenig Migranten in den Redaktionen gibt, die einen unverklärten und realistischen Blick auf diese Themen hätten?

Für den Journalismus interessieren sich viele Migranten. Es ist aber keiner der Berufe, der für soziale Aufsteiger besonders attraktiv wäre. Wenn sie aufsteigen möchten, denken sie eher daran, BWL oder Jura zu studieren, oder ans Lehramt. Wer sich für Journalismus interessiert und dem Arbeitermilieu entstammt, findet oft nur schwer einen Zugang, weil ihm das Netzwerk fehlt.

Wie haben Sie den Weg in die Medien gefunden?

Spätestens als Abiturient war mir klar, dass ich Journalist werden möchte, weil ich ein Nachrichtenjunkie war und bin. Also bin ich eines Tages ohne konkrete Vorstellungen in die Redaktion der Mindelheimer Zeitung marschiert. Es endete damit, dass ich einen Praktikumsplatz bekam und als freier Journalist meine ers­ten Zeitungstexte schreiben durfte. Das ist fast 20 Jahre her.

Welche Erfahrung haben Sie damals als Reporter mit Migrationshintergrund gemacht?

Im Unterallgäu ging es damals noch recht konservativ zu. Es konnte schon vorkommen, dass ein Vereinsvertreter in der Redaktion anrief und darum bat, nicht mich zur Versammlung zu schicken. Gut erinnere ich mich an eine Leserin, die in ihrem Dorf Stimmung gegen mich gemacht hat. Die Redaktion ist standhaft geblieben und hat an mir festgehalten.

Wäre eine solche Erfahrung der Ablehnung heute auch noch möglich?

Leider ja. Viele Journalisten könnten Ihnen berichten, dass sie wegen ihrer Migrationsgeschichte angefeindet werden und Hasszuschriften bekommen. Es melden sich nach wie vor Leute zu Wort, die es stört, dass ein Journalist mit einem nicht deutschen Namen über Themen berichtet, und das sogar noch aus ihrem eigenen Umfeld. Solche Ressentiments sind schon noch da. Was ich beobachte: Je mehr Gewicht ein Journalist mit Migrationshintergrund in der öffentlichen Wahrnehmung hat, desto mehr wird er zur Zielscheibe. Die Angreifer sind zwar in der Minderheit, aber lautstark und oft sehr gehässig.

Um die Vielfalt in Redaktionen zu stärken, hat sich die Organisation Neue deutsche Medienmacher*innen gegründet. Sagt Ihnen das was?

Ich kenne diese Gruppe und verfolge ihre Aktivitäten. Dort engagieren sich einige meiner Lieblingsjournalisten mit Migrationshintergrund. Der Verein widmet sich einer wichtigen Arbeit. Es geht auch darum, erfolgreiche Journalisten nicht deutscher Herkunft als Vorbilder wahrzunehmen. Das kann junge Migranten ermutigen, selbst den Weg zum Journalismus einzuschlagen, was letzten Endes dazu führen dürfte, die gesellschaftliche Vielfalt wirklichkeitsnah in den Medien darzustellen. Die Entwicklung stimmt mich zuversichtlich. Als ich in den Beruf einstieg, konnte ich die Zahl der überregional tätigen Journalisten noch an einer Hand abzählen. Das ist heute glücklicherweise anders.

Richtige Richtung, aber nicht das nötige Tempo?

Ja. Doch noch einmal: Es hat sich viel getan. TV-Redaktionen haben Journalisten mit Migrationshintergrund sichtbar gemacht, zum Beispiel als Moderatoren. Klar, bei journalistischen Entscheidern gibt es viel Luft nach oben. In den Redaktionen sieht man nicht viele Chefs mit Migrationshintergrund. Doch betrifft dies Gleich­stellungsfragen grundsätzlicher Art. Man muss sich nur das Verhältnis von männlichen und weiblichen Chefs bei den Medien anschauen. Migranten haben heute aber mehr als früher die Chance, Zugang zum Medienberuf zu erlangen. Die Medienunternehmen müssten jedoch akti­ver auf diese interessierten Menschen zugehen. Mit Blick auf die demografischen Entwicklungen sollten sie diesen Nachwuchs in ihrem eigenen Interesse dringend fördern. Bei allem Respekt vor der Arbeit der Journalisten: Für Leserinnen und Leser aus der großen Bevölkerungsschicht der Migranten kommt es eben doch auch darauf an, wer über sie schreibt und sendet. Da kann man viel punkten, wenn Migranten über Migranten berichten.

Haben Sie dies als Journalist selbst so gespürt?

Es wurde freudig registriert, vor allem von wichtigen Akteuren und Multiplikatoren im türkischstämmigen Milieu. Teilweise wurden auch falsche Hoffnungen geweckt. Ich bin nicht der Anwalt eines Milieus, sondern ein Journalist, der sich um das breite Spektrum der Themen kümmert und nicht nur um Migrationsfragen. In der Redaktion sollten Migranten genauso wenig auf Migrationsthemen reduziert werden wie Frauen auf Frauenthemen. Das darf nicht sein.

Aber die Akzeptanz für Medien steigt bei Migranten, wenn Migranten dort journalistisch aktiv sind?

Ja, unbedingt. Ich glaube, klassische Medien können die Bindung zu diesen Milieus durch den Einsatz von Journalisten mit Migrationshintergrund verstärken. Wobei auch diese bei den Zielgruppen unter Beobachtung stehen. Am Beispiel des türkischstämmigen Journalisten: Bürger mit türkischem Migrationshintergrund sind keine homogene Gruppe, in der alle die gleichen Interessen haben. Es gibt Unterschiede und Abgrenzungen. Auch der türkischstämmige Journalist muss vor diesem Hintergrund seine neutrale Herangehensweise einem kritischen, heterogenen Publikum beweisen. Der Vertrauensvorschuss für ihn ist in diesem Milieu gleichwohl höher.

Info: Ende 2018 lebten 21.279 Türkeistämmige in Augsburg. 9632 haben einen deutschen Pass (Tendenz steigend). Aus der Türkei kommen Muslime/a und Christen/innen, Atheisten/innen, ethnische Türken/innen, aber auch Kurden/innen, Aramäer/innen, Araber/innen etc. Das ganze Spektrum des ehemaligen Vielvölkerstaates findet sich in Augsburg wieder. (Quelle: Sachstandbericht Migration, Flucht und  Integration, Stadt Augsburg, Büro für gesellschaftliche Integration, 2020)

Foto: IHK Schwaben

 

 

 

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