»Ich bin ein klassischer Narr«

1. Dezember 2015 - 9:42 | Patrick Bellgardt

Karsten Kaie macht sich auf zum Heimspiel: Der gebürtige Augsburger gastiert in den nächsten Monaten für mehrere Shows in seiner alten Heimat. Patrick Bellgardt sprach für a3kultur mit dem Kabarettisten und Buchautor.

a3kultur: Im Sommer erschien dein erstes Buch »Lügen, aber ehrlich«. Nun steht der Jahreswechsel vor der Tür. Was meinst du als Experte: Ist der Silvesterabend in Sachen Selbstbetrug führend?

Karsten Kaie: Absolut! Wobei der Untertitel des Buchs ja »Halbseidene Wahrheiten und andere Erfolgsmodelle« lautet. Damit stelle ich eine entscheidende These auf: Die erfundene Realität ist wahrhaftiger als die Wirklichkeit. Im positiven Sinne bedeutet das für Silvester, dass man irgendwann tatsächlich mit dem Rauchen aufhören kann, wenn man es sich nur lange genug einredet. Man kann durch Selbstbetrug, durch Selbstsuggestion seine Ziele verwirklichen. Ich habe in meinem Programm »Ne Million ist so schnell weg« eine Szene, in der der Kapitän die Gäste mit den Worten begrüßt: »Ich hoffe, Sie haben sich gute Vorsätze gemacht für das neue Jahr! Ich arbeite meine noch vom Jahr 2003 ab.« Damit ist eigentlich alles gesagt.

Laut dem »ultimativen Lügner-Test« auf deiner Homepage zähle ich zu den »kreativen Alltagslügnern«. Müssen sich meine Mitmenschen jetzt Sorgen machen?

Im Gegenteil, diese Bezeichnung ist für mich sogar ein Kompliment! Nach dem achten Gebot hat Lügen immer einen faden Beigeschmack. Ich bin zwar auch ein Verfechter davon, zu sagen, man darf niemandem mit einer Lüge Schaden zufügen. Es geht jedoch darum, harmlose Alltagslügen zu erkennen. Sie sind nichts weniger als das Schmieröl im Getriebe unserer Gesellschaft. Nur durch Lügen, beispielsweise aufgrund von Höflichkeit oder Einfühlungsvermögen, können wir miteinander funktionieren. Ich möchte ein neues Bewusstsein dafür schaffen, dass die Wahrheit auch wehtun und letztlich eine Ausrede für absolut fieses menschliches Verhalten sein kann. Im asiatischen Raum werden Menschen, die sich erfolgreich durch den Alltag schummeln, bewundert – eben weil sie in der Lage sind, sich in unserer unrealistischen Welt zurechtzufinden.

Du bist aktuell mit vier Programmen unterwegs, spielst teilweise sechs, sieben Tage am Stück. Wie schaffst du es, da nicht durcheinanderzukommen und dich immer wieder neu zu motivieren?

Mit meinen 47 Jahren bin ich an diesem Punkt meines Berufslebens glücklicher als je zuvor. Natürlich ist es eine Herausforderung, die insgesamt acht Stunden an Text ständig parat zu haben – da hilft die Erfahrung. Es war für mich wesentlich schwieriger, als ich nur »Caveman« gespielt habe. Damals hatte ich das Gefühl, nur auf diese Rolle festgelegt zu sein. Jetzt bin ich ein Grenzgänger zwischen Kabarett, Comedy und Theater. Nebenbei führe ich Regie. Adaptionen von »Lügen, aber ehrlich« sind in der Schweiz, Slowenien und Indien zu sehen. Die Motivation ist nach wie vor da und ich freue mich immer noch wie ein Kind, das alles machen zu dürfen.

Namensgebend für dein jüngstes Programm »Ne Million ist so schnell weg« ist eine jammernde, schwerreiche Witwe. Ich nehme mal an, dass du als Kabarettist noch nicht in diesen finanziellen Sphären schwebst. Deshalb rein hypothetisch: Was würdest du mit der Million anfangen?

Die Leute denken ja immer, dass ich dank des Erfolgs von »Caveman« stinkreich bin. Natürlich ist das nicht so. Ich kann mit Geld einfach nicht umgehen und investiere alles gleich wieder in neue Projekte. Wenn ich eine Million hätte, wäre sie also auch ganz schnell wieder weg. Übrigens basiert das Programm tatsächlich auf wahren Geschichten, die ich selbst auf meinen sechs Reisen mit der MS Europa erlebt habe. Diese Erlebnisse sind teilweise eins zu eins in das Stück eingeflossen. Es gibt das schöne Zitat »Mit der Wahrheit lügt es sich am besten«. Das ist auch bei »Ne Million ist so schnell weg« der Fall. Die Geschichten sind zwar total aberwitzig, im Kern aber alle wahr. Und die Leute denken immer: Mann, ist der kreativ, das hat der bestimmt alles erfunden …

1982 standest du im zarten Alter von 14 Jahren als junger König in »Eduard II.« im Augsburger Stadttheater auf der Bühne. Reizt dich das klassische Theater noch?

Das ist eine interessante Frage! Ich wollte immer klassischer Theaterschauspieler werden, habe Theaterwissenschaften an der FU Berlin studiert und meine Ausbildung am Lee Strasberg Theatre & Film Institute in New York absolviert. Wie der Zufall so will, kam dann »Caveman«. Im letzten Jahr gab es das Angebot, eine Rolle in einem Shakespeare-Stück zu spielen. Das ging dann terminlich zwar nicht, dennoch habe ich da angefangen, mich selbst zu hinterfragen. Ein kleiner Ausflug in die »normale« Theaterwelt wäre toll, allerdings würde ich mit dem heutigen Theaterbetrieb nicht tauschen wollen. Ich bin ein klassischer Narr – ich mache, was ich will, auf der Bühne. In meinen Stücken kann ich meine Welten entblättern und baue ja auch immer wieder tragische oder traurige Momente ein. Mit dieser künstlerischen Freiheit bin ich absolut glücklich.

Karsten Kaie in Augsburg: Von Weihnachten bis Silvester, von Buenos Aires nach Paku Paku, von der Finanzkrise zur Kaninchenjagd – Karsten Kaie entführt sein Publikum in seinem jüngsten Programm »Ne Million ist so schnell weg« auf eine aberwitzige Kreuzfahrt mit der MS Europa. In zwölf verschiedenen Rollen parodiert er die Crew, den Kapitän und die Millionäre an Bord. Ein rasantes Tempo legt der Vollblutschauspieler auch bei »Lügen, aber ehrlich« an den Tag. Skurril, subtil und schonungslos nimmt Kaie die kleinen und großen Heucheleien des Alltags aufs Korn. Und auch das wohl bekannteste Programm des Allroundtalents, »Caveman«, ist wieder in Augsburg zu sehen – eine Offenbarung für alle, die eine Beziehung führen, führten oder führen wollen.

Ne Million ist so schnell weg: Spectrum, MI 02.12., MI 27.01. und DO 28.01., jeweils 20 Uhr // Lügen, aber ehrlich: Parktheater,  FR 04.12. und SA 05.03., jeweils 19:30 Uhr // Caveman: Spectrum, DO 07.01., 20 Uhr, und FR 08.01., 19 Uhr

Weitere Infos zu Karsten Kaie und seinen Programmen sowie den »ultimativen Lügner-Test« finden Sie unter: www.karstenkaie.de. Das Buch »Lügen, aber ehrlich: Halbseidene Wahrheiten und andere Erfolgsmodelle« ist bei Piper erschienen. Der rund 300-seitige Ratgeber rund ums Täuschen und Tricksen ist überall im Buchhandel erhältlich.

 

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