»Ich versuche darüber hinwegzulachen«

6. März 2016 - 8:44 | Patrick Bellgardt

Auf der Bühne begegnet Simon Pearce Rassismus mit Humor und Ironie. Patrick Bellgardt sprach mit dem Schauspieler und Kabarettisten über Toleranzgrenzen, Rollenklischees und wahre Geschichten.

Bob Marley, Gerald Asamoah, schwarze Perle, Maximalpigmentierter – Simon Pearce musste sich aufgrund seiner Hautfarbe schon so einige Namen und Vergleiche anhören. In seinem ersten Soloprogramm »Allein unter Schwarzen« erzählt der Schauspieler und Kabarettist mit viel Humor und Ironie, wie es ist, als Schwarzer mitten im tiefsten Bayern aufzuwachsen. Er berichtet von Nachbarn, die ihn als »Neger aus dem Urwald« beschimpfen, oder von alten Damen, die ihm mit den freundlichen Worten »Mei, wie ein Schaf« ungefragt übers Haar streichen. Immer wieder hat der Deutsch-Nigerianer skurrile und schräge Begegnungen, bekommt es mit offenem oder verstecktem Rassismus zu tun, aber auch mit übertriebener Political Correctness. Diese Erlebnisse bringt Pearce nun auf die Bühne. Das Talent dafür wurde ihm praktisch in die Wiege gelegt: Sein Großvater Franz Leonhard Schadt war Marionettenspieler, seine Mutter Christiane Blumhoff ist als Volksschauspielerin bekannt.

In deinem Programm »Allein unter Schwarzen« erzählst du Geschichten, die du leider wirklich so erlebt hast. Wie oft bleibt deinem Publikum da das Lachen im Hals stecken? Gerade in der ersten halben Stunde muss das Publikum erst mal ziemlich schlucken. Nach und nach habe ich aber immer das Gefühl, dass sich die Zuschauer daran gewöhnen. Beim Schreiben von »Allein unter Schwarzen« hätte ich nie gedacht, dass es für viele Leute noch überraschend ist, was tagtäglich auf der Welt passiert.

Auch bei deiner Arbeit als Schauspieler wirst du mit Klischees konfrontiert. Von acht angebotenen Rollen im vergangenen Jahr waren sechs Flüchtlingsrollen. Inzwischen denke ich mir immer öfter: Es reicht, ich möchte nicht immer nur der »Nickneger« für alle sein. Ich muss nicht zwangsläufig einen Flüchtling oder Drogendealer spielen, es kann auch mal ein Kommissar sein, ein Doktor oder Bäcker. Stück für Stück wird es aber besser, »normale« Rollenangebote sind also keine absolute Seltenheit mehr.

Auf der Bühne konterst du Vorurteile und Anfeindungen mit Humor und Ironie. Wie reagierst du auf Rassismus im Alltag? Soweit es geht, versuche ich auch im Alltag darüber hinwegzulachen. Das klappt nicht immer, in extremen Fällen bleibt mir nur das Weglaufen. Im letzten Sommer haben mich zwei junge Typen am Münchner Ostbahnhof geschlagen, irgendwann nach Mitternacht. Ich war gerade auf dem Heimweg. Sie nannten mich »Drecksneger«. Aus dem Augenwinkel sah ich dann die Faust, die mich zum Glück nicht mit voller Wucht erwischte.

Dieses Erlebnis thematisierst du auch in deinem Gastbeitrag »An alle Münchner, die glauben, in einer toleranten Stadt zu leben«, der im vergangenen Sommer in der tz erschien. Damit hast du einen Nerv getroffen, das Feedback war unglaublich groß. Hat sich die Stimmung in der Stadt durch die Ankunft der vielen Flüchtlinge verändert? Auf jeden Fall! Ich denke, es hat sich in beide Richtungen etwas getan. Wenn man Bedenken äußert, wird man schnell in die rechte Ecke geschoben. Gleichzeitig ist man schon ein linker Träumer, wenn man sagt: »Wir schaffen das!« Ich selbst merke, dass es wieder salonfähig geworden ist, andere zu beschimpfen, sowohl auf der Straße als auch in sozialen Netzwerken. Gerade im Internet verbreiten sich rassistische Äußerungen schnell und bekommen häufig Rückenwind.

In Augsburg wurde vor wenigen Wochen vergeblich versucht, eine Rede der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry im Rathaus zu verhindern. Hintergrund waren die Äußerungen ihrer Partei zum Schusswaffeneinsatz an den Grenzen. Sollte der Grundsatz gelten: Keine Toleranz den Intoleranten? Die AfD lacht sich aufgrund der hohen medialen Aufmerksamkeit wahrscheinlich gerade ins Fäustchen, dennoch finde ich es gut, wenn man hier als Bürgermeister ein Zeichen setzt. Irgendwann ist es auch mal vorbei mit der Meinungsfreiheit – und diese Grenze wurde in diesem Fall eindeutig überschritten.

Siehst du dich in der Rolle eines Aktivisten? Ich möchte mit meinem Programm weder in die Ethno-Comedy-Migrantenschiene, noch stehe ich für ein hyperintelligentes, hochtrabendes Politkabarett. Trotzdem glaube ich, dass ich die Leute mit den Geschichten aus meinem Alltag aufklären kann. Humor ist für mich das beste Mittel, um auf Rassismus und Intoleranz aufmerksam zu machen. Von einem Martin Luther King oder einem Malcolm X bin ich aber weit entfernt.

Du warst bislang sowohl in Theaterproduktionen als auch in Filmen zu sehen. Zurzeit trittst du verstärkt als Kabarettist in Erscheinung. Welche Projekte stehen für 2016 auf dem Plan? Neben meiner noch bis Ende des Jahres laufenden Tour zu »Allein unter Schwarzen« spiele ich weiterhin den Driss im Dauerbrenner »Ziemlich beste Freunde« am Turmtheater Regensburg. Außerdem stehen zwei weitere Theaterproduktionen und zwei Pilotprojekte für das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf dem Plan. Genaueres darf ich leider noch nicht verraten.

Am 12. März um 20 Uhr gastiert Simon Pearce mit seinem ersten Soloprogramm »Allein unter Schwarzen« in der Augsburger Kresslesmühle. Am 29. April um 20 Uhr ist er im katholischen Pfarrzentrum St. Michael in Aichach zu sehen.

www.simonpearce.de

Foto: Wole Onigbanjo

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