Im Kammermusik-Himmel

15. Oktober 2020 - 13:49 | Renate Baumiller-Guggenberger

In den zwei Freistil-Konzerten am Montag- und Dienstagabend im Kleinen Goldenen Saal katapultierten Sarah Christian und Maximilian Hornung ausgewählte Streich- und Klaviertrios von Beethoven und Mozart sowie Gabriel Faurés erstes Klavierquartett (c-Moll) in schwindelerregende Höhen

Gemeinsam mit dem Bratschisten Wen Xiao Zhneg und dem Pianisten Herbert Schuch wurden sie dafür von den jeweils knapp 100 zugelassenen Zuhörern mit frenetischem Beifall gefeiert. Bestens, dass beide Ereignisse vom BR mitgeschnitten wurden. Der Termin für das mit »Kammer & Salon« übertitelte Konzert steht schon fest: Save the date! BR Klassik am 3. Dezember 2020 um 20:05 Uhr.

Angesichts solch exorbitanter kammermusikalischer Sternstunden, wie sie die beiden Mozartfestabende – zudem im »Doppelpack« (18 und 20:30 Uhr) als Tour de Force für die Interpret*innen – ausstrahlten, drängte sich einem die selbst in Coronazeit natürlich eher rhetorisch gemeinte Frage auf: Wer braucht ein großes Orchester, wo derart hochkarätige Künstler*innen zu vollendet musizierten Kammermusikprogrammen zusammenfinden? Musiker*innen, deren Persönlichkeiten so offensichtlich vom identischen inneren Motor angetrieben werden, die von der gemeinsamen Wellenläge und dem hohen Anspruch an eine extrem perfekte Spieltechnik beseelt sind, insbesondere aber auch das interpretatorische Ziel vereint: Jedes Werk, das sie aufs Podium heben, wird spannungsreich und doch immer »heutig« klingend durchdrungen und durchleuchtet, jeder noch so feinen dramaturgischen Themen-Nuance in den Sätzen nachgespürt, die Dynamik subtil feinjustiert, die Spannbreite zwischen Pianissimo und Fortissimo genüsslich ausgekostet. Der Hörer kann gar nicht anders, als diesen Impulsen und damit der sich unmittelbar übertragenden spielerischen Energie meist nur noch staunend zu folgen. Jegliche spieltechnische Hürden der Partituren schienen bei diesem Trio bzw. Quartett kein Thema zu sein, so selbstverständlich und leicht wurde hier gemeistert, was den ins Zentrum gestellten Titanen Mozart und Beethoven teils schon sehr früh (wie etwa das in den späten 1790er-Jahren komponierte Streichtrio c-moll) und sehr leidenschaftlich aus der Feder floss. Dank der spielerischen Vitalität und Präsenz der Solist*innen ließ sich tief eintauchen in den Kosmos der für die Kammer, also für kleine(re) Säle und spezielle Anlässe erschaffenen Kompositionen, die hier so faszinierend, einmalig und kostbar wurden.

Das Ausnahmekönnen der Solist*innen (oder auch im Violine/Cello-Duo) Sarah Christian und Maximilian Hornung ist ja mittlerweile weit über deren Heimatstadt Augsburg hinaus bekannt bzw. überaus anerkannt und frappiert dennoch im Live-Erleben immer wieder neu. Mit dem in China geborenen, vielfach mit renommierten Preisen ausgezeichnete Wen Xiao Zheng, der nach seiner Stelle als Solobratscher bei den Bamberger Symphonikern Anfang 2014 in gleicher Position zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wechselte, holten sie sich für das Streichtrio c-Moll von Beethoven sowie das kunstvolle Mozart-Divertimento, das den Ruf der Unspielbarkeit besitzt, einen mehr als souveränen Mitstreiter ins Trio-Dream-Team. Ebenso einfühlsam wie selbstbewusst verdeutlichte er die teils prominente Rolle seiner sinnlich-erdigen Violapassagen. Tags darauf bereicherte der ebenso mehrfach prämierte Pianist Hans Schuch das mit »Quantensprünge« übertitelte Programm und demonstrierte Stilsicherheit, musikalische Leidenschaft und Empathie. Nach dem »Warm up« mit Mozarts G-Dur Klaviertrio glänzte er mit Cello und Geige in extremen Lagen und Tempi um die Wette, demonstrierte nach dem geheimnisvollen Einstieg wie fantasievoll Beethoven gleich zehnmal ein so simples Lied wie das vom Schneider Kakadu in ein unterhaltsames Kabinettstück umzumünzen verstand. Ja und dann zauberte das erste, 1883 geschriebene, Klavierquartett von Gabriel Fauré den finalen Wow-Effekt der impressionistischen Art ins kurzweilige Klassiker-Programm und holte sich Wen Xiao Zheng erneut auf die Bühne! Aufbrausend und schwelgerisch, lyrisch und melodramatisch – hier wurden wie vom Komponisten beabsichtigt alle Register gezogen, um der deutschen Kammermusik endlich ein eigenständiges französisches Profil entgegenzuhalten.

Die Freistil-Reihe ist als feste Größe im Mozartfest nicht nur ein Muss, sie steht exemplarisch auch für den hohen Anspruch, in hochkarätig besetzten Konzerten und intelligent konzipierten Programmen den Stellenwert von »Live«-erlebter Klassik in und für unsere Gegenwart zu vermitteln! Danke dafür an dieser Stelle und Bravi allen »Freistil«-Akteur*innen!   

www.mozartstadt.de

Foto: Simon Pickel

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