Im Zangengriff zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus

15. Mai 2019 - 12:28 | Dieter Ferdinand

Mit dem Vortrag »Der Holocaust in der Ukraine« setzte das Bukowina-Institut am 9. Mai die mit dem Jüdischen Museum Augsburg-Schwaben veranstaltete Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« fort.

Frau Prof. Dr. Maren Röger, Leiterin des Bukowina-Instituts, wies bei ihrer Begrüßung darauf hin, dass die Veranstaltung in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Augsburg und dem Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München stattfindet. Zugrunde liegt ein auf 16 Bände angelegtes Editionsprojekt über die Judenverfolgung in den europäischen Ländern.

Referent Prof. Dr. Dieter Pohl, Institut für Geschichte an der Universität Klagenfurt führte aus, dass vom Juni 1941 bis Oktober 1943 auf dem Gebiet der heutigen Ukraine etwa 1,5 Mio. von den Besatzern als Juden angesehene Menschen ermordet wurden. Jedes vierte Holocaustopfer stammte damit aus der Ukraine. Mehr als die Hälfte der jüdischen Opfer wohnte in östlichen Teilen Polens, Wolhynien und Ostgalizien.

1939 bis 1941 wurden die Tschechoslowakei durch Hitler zerstört, östliche Teile der Region durch Ungarn besetzt, Ostpolen und die Nordbukowina durch Stalin und der Raum Odessa durch Rumänien besetzt. 1939 lebten im Gebiet der heutigen Ukraine insgesamt 2,5 Mio. Menschen, davon ca. 1,5 in der zur UdSSR gehörenden Ukrainischen Sowjetrepublik. Bereits 1929/30 waren dort jüdische Kultureinrichtungen geschlossen worden, im stalinistischen Terror wurde fast jeder als Zionist Geltende verfolgt.

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 setzte der systematische Massenmord an den Jüdinnen und Juden ein. Die Verantwortung für den Mord an politischen Gefangenen durch die sowjetische Geheimpolizei vor dem Rückzug der Roten Armee nach Osten wurde der jüdischen Bevölkerung zugeschrieben. Die Juden in den deutsch besetzten Gebieten wurden entrechtet, mussten ein Armband mit Davidstern tragen, Männer wurden zur Zwangsarbeit eingezogen. Mehrere Ghettos, etwa in Lemberg, wurden errichtet. Die ersten Massenmorde an jüdischen Frauen und Kindern begannen. Vom 27. bis 29. September 1941 fand das Massaker in der Kiewer Babyn-Yar-Schlucht statt, vermutlich das größte Einzelmassaker des Holocaust mit 33.000 Toten. In Kiew selbst, Dnjepropetrowsk und Charkow wurden insgesamt 42.000 weitere jüdische Menschen ermordet.

Ab August 1941 vertrieben die rumänischen Besatzer die Juden aus Bessarabien und der Bukowina. Rumänische Einheiten ermordeten im Oktober in Odessa 25.000 Juden. Die in deutsche Siedlungsgebiete vertriebenen Überlebenden wurden sofort von der SS getötet. Die jüdischen Flüchtlinge aus der Bukowina, die die rumänischen Mordkampagnen bis Sommer 1941 überlebt hatten, blieben vom Völkermord weitgehend verschont.


Karte der Ukraine im Jahr 1942, © Wikipedia/Dennis Nilsson
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Im Frühjahr 1942 gab es in den besetzten Gebieten in der Mittel- und Ostukraine fast keine lebenden Jüdinnen und Juden mehr. Ab dem 16. März folgten Deportationen ins Todeslager Belzec zum Mord durch Auspuffabgase mit 200.000 jüdischen Opfern. Opfer der Vernichtungspolitik waren auch jüdische Rotarmisten und Politfunktionäre sowie asiatisch aussehende und muslimische Kriegsgefangene, Roma und Insassen psychiatrischer Anstalten.

Die Jüdinnen und Juden waren schlecht auf den Vernichtungsfeldzug vorbereitet. In der sowjetischen Presse wurde die Judenverfolgung ignoriert. Die westliche Ukraine war binnen einer Woche von der Wehrmacht überrannt worden. Hauptopfer waren die großen Gemeinden im Westen, im Schtetl-Gürtel. Insbesondere in der Westukraine waren auch Einheimische und Kommunalverwaltungen an der Verfolgung, vereinzelt auch an Mordaktionen beteiligt.

Jüdische Überlebende fanden bei ihrer Rückkehr teils offene Feindseligkeit vor. Erst mit Gorbatschows Reformpolitik konnte in der UdSSR öffentlich an den Holocaust erinnert werden. Künftig muss in der Ukraine angemessen der Hauptopfer der deutschen Besatzung gedacht und auf staatlicher Seite kritisch mit der Geschichte umgegangen werden.

Auch in der Ukraine gab es viele nicht-jüdische Helfer*innen. Als »Gerechte unter den Völkern« wurden in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem 3.000 Ukrainer*innen ausgezeichnet.

Der siebte Vortrag innerhalb der Reihe »Die europäische Dimension des Holocaust« findet am Donnerstag, 24. Oktober, um 18:30 Uhr im Festsaal der Synagoge statt. Prof. Dr. Maren Röger, Leiterin des Bukowina-Instituts, spricht zum Thema »Zentrum der Verbrechen: Der Judenmord in Polen«.

Noch bis zum 26. Juni zeigt das Bukowina-Institut die Ausstellung »In schwindendem Licht. Jüdische Spuren im Osten Europas«. Die Fotoausstellung richtet ihren Blick auf Spuren jüdischen Lebens in der historischen Region Bukowina und ihren Nachfolgestaaten. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos hierzu unter: https://bukowina.phil.uni-augsburg.de


Abbildung oben (Klick hier zum Vergrößern): Exekution am 4. Juli 1941 in Storow, Ukraine. Zusammengetriebene jüdische Männer, Frauen und Kinder schaufeln ihr eigenes Grab. © Bundesarchiv

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