Integration oder Zugehörigkeit

chiellino
14. Februar 2015 - 11:38 | Gino Chiellino

Für seine Kolumne »Deutsch richtig und gut« hat Gino Chiellino Begriffe gesucht, die er paarweise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner. Der erste Teil startet mit »Integration oder Zugehörigkeit«.

Für einen Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich endlich mit den Einwohnern des Einwanderungslandes verstehen.

Das Erste, was ich verstanden habe, nachdem ich Deutsch fast richtig gelernt hatte, war die an mich gerichtete Mitteilung, dass Einwanderer Menschen sind. Ein großer Schriftsteller hatte es irgendwann seiner Nation mitgeteilt, und ihre Staatsbürger fühlten sich fast verpflichtet, jeden Einwanderer, den sie mochten, wissen zu lassen, dass er sich in ihrem Land als Mensch betrachten durfte. Keiner von den Einheimischen ist aufgestanden, hat den Mund aufgemacht und mit großem Erstaunen ausgeschrien, dass er bis dahin kein größeres Loch in einem Schweizer Käse gesehen hatte als diese Aussage.

Dieser ersten deutschsprachigen Erfahrung nach war ich versucht zu verstehen, dass Einwanderer Menschen sind, die sich auf der Suche nach der endgültigen Bestätigung ihrer Zugehörigkeit zur Gattung der Menschen befinden. Sie sind daher glücklich, dass es ihnen mit einer derartig unbekümmerten Offenheit mitgeteilt wird.

Später und im Gespräch unter Freunden erfuhr ich, dass die Einwanderer eine Bereicherung für das Gastgeberland seien. In der Tat sind sie es. Bei mir hat sich z.B. die Universität Gießen ein wenig dadurch bereichert, dass sie sich, nach meiner rotationsmäßigen Entlassung, die bis dahin von ihr eingezahlten Beiträge für meine Betriebsrente hat auszahlen lassen.

Bei der Universität Augsburg dagegen wurde mir die einzige planmäßige Gehaltserhöhung nicht nach 15, sondern nach 25 Dienstjahren gewährt. Wie die Bereicherung der deutschen Nation durch andere Einwanderer ausgefallen ist, weiß ich nicht, aber man braucht keine große Fantasie, um es sich vorzustellen.

Später, als mein Deutsch so weit war, dass ich es, abgesehen von meinen Fehlern, als perfekt betrachtete, ist mir aufgefallen, dass Medien und Staatsbürger bei ihrer Betrachtung des Lebens der Einwanderer besonders gerne von Integration redeten und heute noch reden. Nicht dass sie in der Lage wären, den Einwanderern zu erklären, was sie damit meinen. Integration ist etwas, das grundsätzlich von den Einwanderern verlangt wird, ohne ihnen sagen zu wollen, worin sie besteht.

Denn jede Festlegung der Erwartungen an die Einwanderer könnte dazu führen, dass sie die festgelegten Erwartungen erfüllen. Und dann? Was könnte man ihnen vorwerfen, um sie von einer staatsbürgerlichen Gleichstellung fernzuhalten? Also, Integration wird verlangt, jedoch soll niemand wissen, worin sie besteht und wie sie erreicht werden kann.

Es sei denn, dass man nicht nachschaut, woraus sich die Integration der Staatsbürger ergibt. Bekanntlich ergibt sie sich aus der erwarteten Beachtung der unterschiedlichen Gesetzbücher, die das Zusammenleben unter den Staatsbürgern regeln. Wenn es so ist, dann sind die Einwanderer längst und besser als die Staatsbürger integriert, denn sie beachten sogar Gesetze, die extra für sie verfasst worden sind, wie z.B. das Ausländergesetz.

All dies interessiert mich heute nicht mehr. Heute und hier interessiert mich die Frage, wieso Freunde weiterhin auf Integration bestehen und das Wort Zugehörigkeit unterschlagen. Soll ich vermuten, dass die Freunde sich die Frage überhaupt nicht stellen wollen oder können? Reicht ihnen die Vorstellung, dass es, wenn die Einwanderer sich integriert haben, kein Problem mehr geben wird? Oder soll ich vermuten, dass meine Freunde wissen, dass Zugehörigkeit nicht verliehen werden kann, gerade weil »aus Fisch nicht Fleisch wird«, wie mir ein bayerischer Polizist bei der Überprüfung meiner Aufenthaltserlaubnis erklärt hat?

Wenn dem so ist, was soll geschehen, damit Einwanderer als zugehörig angesehen werden, zumal die erworbene Staatsangehörigkeit keine sichtbaren Veränderungen bei ihnen auslöst? In der Tat geht es nicht um Veränderungen, sondern um Leistungen. Leistungen, die so einmalig sein sollen, dass die Nation bereit ist, den fremden Leistungserbringer als das Eigene zu verstehen.

Es gibt verschiedene Bereiche, in denen einmalige Leistungen erbracht werden können. Manche sind sehr elitär wie z.B. Kunst oder Forschung, andere sehr volksnah wie Sport. Gerade beim Sport, wo nur das Gewinnen zählt, wird überdeutlich, dass Zugehörigkeit mit Gewinn zu tun hat.

Wie gesagt, für Einwanderer ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürgern des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich, nicht weil man die gleiche Sprache spricht: Gesprächspartner verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und dabei keine Wörter unterschlagen.

Die Kolumne erscheint im Original online in der Kultur- und Literaturzeitschrift www.interessen.org. »Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Chiellino 1970 in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. Der interkulturelle Literaturwissenschaftler, Dichter, Essayist, Herausgeber und Übersetzer wurde unter anderem mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis für sein lyrisches Werk ausgezeichnet.

www.chiellino.com

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