Integration oder Zugehörigkeit?

11. August 2020 - 7:16 | a3redaktion

Gino Chiellino sagt: Integration ist etwas, das grundsätzlich von den Einwanderer*innen verlangt wird, ohne ihnen sagen zu wollen, worin sie besteht.

»Deutsch richtig und gut« lautete der Titel der Fibel, mit der sich Gino Chiellino in Düsseldorf Deutsch beibringen wollte. 1969 war er mit Anfang 20 nach Deutschland gereist, um beim Industrieunternehmen Mannesmann einer damals ungewöhnlichen Forschungsfrage nachzugehen: Wie leben italienische Gastarbeiter*innen in ihrem Betrieb und außerhalb? Diese kleine, 130-seitige Arbeit könnte einer der ersten Versuche gewesen sein, sich wissenschaftlich mit der Einwanderung in der Bundesrepublik auseinanderzusetzen.

1946 in Kalabrien geboren, zählt Chiellino heute zu den profiliertesten Persönlichkeiten der Literatur- und Migrationsforschung. Der Lyriker, Essayist und Übersetzer ist Mitbegründer der interkulturellen Literatur in deutscher Sprache. An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt a.d.O. können Studierende seit rund zwei Jahren in der »Chiellino-Bibliothek« und der ihr angegliederten Forschungsstelle arbeiten.

2015 griff der Literaturwissenschaftler den Titel »Deutsch richtig und gut« für a3kultur wieder auf: In über 20 Teilen dieser gleichnamigen Kolumne suchte Chiellino Begriffe, die er paar­weise umschreibt, um zu zeigen, wie er sie anders versteht als seine Gesprächspartner*innen. Den Anfang machte eine für ihn zentrale Frage: Integration oder Zugehörigkeit.

Als mein Deutsch so weit war, dass ich es, abgesehen von meinen Fehlern, als perfekt betrachtete, ist mir aufgefallen, dass Medien und Staatsbürger*innen bei ihrer Betrachtung des Lebens der Einwanderer*innen besonders gerne von Integration redeten und heute noch reden. Nicht dass sie in der Lage wären, den Einwanderern zu erklären, was sie damit meinen. Integration ist etwas, das grundsätzlich von den Einwanderer*innen verlangt wird, ohne ihnen sagen zu wollen, worin sie besteht.

Denn jede Festlegung der Erwartungen an die Einwanderer*innen könnte dazu führen, dass sie die festgelegten Erwartungen erfüllen. Und dann? Was könnte man ihnen vorwerfen, um sie von einer staatsbürgerlichen Gleichstellung fernzuhalten? Also, Integration wird verlangt, jedoch soll niemand wissen, worin sie besteht und wie sie erreicht werden kann.

Heute und hier interessiert mich die Frage, wieso Freund*innen weiterhin auf Integration bestehen und das Wort Zugehörigkeit unterschlagen.

Es sei denn, dass man nicht nachschaut, woraus sich die Integration der Staatsbürger*innen ergibt. Bekanntlich ergibt sie sich aus der erwarteten Beachtung der unterschiedlichen Gesetzbücher, die das Zusammenleben unter den Staatsbürger*innen regeln. Wenn es so ist, dann sind die Einwanderer*innen längst und besser als die Staatsbürger integriert, denn sie beachten sogar Gesetze, die extra für sie verfasst worden sind, wie zum Beispiel das Ausländergesetz.

All dies interessiert mich heute nicht mehr. Heute und hier interessiert mich die Frage, wieso Freund*innen weiterhin auf Integration bestehen und das Wort Zugehörigkeit unterschlagen. Soll ich vermuten, dass die Freund*innen sich die Frage überhaupt nicht stellen wollen oder können? Reicht ihnen die Vorstellung, dass es, wenn die Einwanderer*innen sich integriert haben, kein Problem mehr geben wird? Oder soll ich vermuten, dass meine Freund*innen wissen, dass Zugehörigkeit nicht verliehen werden kann, gerade weil »aus Fisch nicht Fleisch wird«, wie mir ein bayerischer Polizist bei der Überprüfung meiner Aufenthaltserlaubnis erklärt hat?

Integration ist etwas, das grundsätzlich von Einwanderer*innen verlangt wird, ohne ihnen sagen zu wollen, worin sie besteht

Wenn dem so ist, was soll geschehen, damit Einwanderer*innen als zugehörig angesehen werden, zumal die erworbene Staatsangehörigkeit keine sichtbaren Veränderungen bei ihnen auslöst? In der Tat geht es nicht um Veränderungen, sondern um Leistungen. Leistungen, die so einmalig sein sollen, dass die Nation bereit ist, den*die fremde*n Leistungserbringer*in als das Eigene zu verstehen.

Es gibt verschiedene Bereiche, in denen einmalige Leistungen erbracht werden können. Manche sind sehr elitär wie zum Beispiel Kunst oder Forschung, andere sehr volksnah wie Sport. Gerade beim Sport, wo nur das Gewinnen zählt, wird überdeutlich, dass Zugehörigkeit mit Gewinn zu tun hat.

Für Einwanderer*innen ist es vernünftig, Deutsch richtig und gut zu lernen. Unvernünftig ist die damit verbundene Hoffnung, hinterher könne man sich mit den Staatsbürger*innen des Landes verstehen. In der Tat versteht man sich, nicht weil man die gleiche Sprache spricht: Gesprächspartner*innen verstehen sich, weil sie sich verstehen wollen und dabei keine Wörter unterschlagen.

Foto: Yves Noir

 

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