Irgendwann mittendrin

5. Juni 2016 - 11:54 | Jürgen Kannler

Vor zehn Jahren startete das H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast. Der Leiter des Hauses Dr. Thomas Elsen im Gespräch mit Jürgen Kannler

a3kultur: Wie lange sind Sie mit dem H2 schon im Glaspalast vertreten?
Thomas Elsen: Ende Mai sind es schon zehn Jahre. Wir hatten 2006 gemeinsam mit der Staatsgalerie Moderne Kunst eröffnet, zusammen mit unserer Bestandsschau »Die Neue Sammlung I«. Nebenan gab es eine Popart-Ausstellung.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie erfahren haben, dass das Museum in den Glaspalast kommen wird?
Der erste Impuls war nur große Erleichterung. Die Schließung der alten Kunsthalle am Wittelsbacher Park war vorausgegangen. Die Situation dort war in vielerlei Hinsicht unbefriedigend. So ergab sich die Chance, an einem anderen Ort mit einem neuen Konzept zu beginnen. Daraus wurde das H2. Als städtisches Haus für Gegenwartskunst in der Nachbarschaft zur Staatsgalerie und nicht wie zuvor in Raumunion, wo wir mehr oder weniger keinen Zugriff auf unser Haus hatten. Damals musste alles sehr schnell geschehen, was aber für uns den großen Vorteil hatte, dass wir ein Konzept für das neue Museum vorschlagen konnten.

Wo sehen Sie denn die Stärken des Standorts?
Die Stärken des Standorts sehe ich eigentlich eher in der Zukunft als in der Gegenwart. Obwohl sich schon viel verbessert hat. Wenn ich mir die letzten zehn Jahre anschaue, sagen viele bis heute, dass der Glaspalast zu weit draußen liege. Langsam, Stück für Stück, auch durch die Entwicklung des Textilviertels, wächst jedoch das allgemeine Bewusstsein, dass dieser Teil der Stadt existiert und nicht nur vorgelagert ist.

Das macht sich bei den Besucherzahlen des H2 bemerkbar. Wissen die Leute jetzt endlich, wo der Glaspalast steht, oder können sie nun besser mit der Art umgehen, wie Sie mit der Kunst arbeiten?
Letzteres hoffe ich natürlich auch, das sollen und müssen aber andere beurteilen. Auch beim Publikum hat sicher ein Lernprozess stattgefunden, man sieht ja, dass es immer mehr Leute in der Stadt gibt, die Lust auf Gegenwartskunst haben. Wir haben ein sehr dichtes und wechselndes Programm, trotz der z.B. langen Laufzeit der aktuellen Ecuador-Ausstellung, die sich aber selbst entwickelt und wechselnde Events bietet  – auch das ist ein wichtiger Punkt. Insofern kann man vorsichtig optimistisch sein, dass diese Entwicklung anhält.

Wilma Sedelmeier, Ihre Nachbarin in der Galerie Noah, äußert sich zufrieden über Ihre Zusammenarbeit, aber auch sehr kritisch über die fehlende Partnerschaft mit der Staatsgalerie. Wie beurteilen Sie die Nachbarschaft?
Unsere Zusammenarbeit mit der Staatsgalerie ist kollegial und professionell, und ich betrachte sie als sehr angenehm. Ich sehe nur ein grundsätzliches Strukturproblem. Die Staatsgemäldesammlungen haben kein Personal für den Betrieb vor Ort, operativ müssen wir uns mit unseren ohnehin schon eingeschränkten personellen Möglichkeiten darum kümmern. Das bereitet bisweilen natürlich gewisse Schwierigkeiten. Das alles ist nachvollziehbar, wenn man an die Personalkosten denkt. Dennoch muss ein Haus, das vernünftig bespielt werden möchte, auch besetzt sein. Gerade im technischen Bereich wäre das auf Dauer ausbaufähig.

Wie sollte sich der Standort Glaspalast für Sie weiterentwickeln?
Wir sind froh um jede Form von weiterer Belebung im Viertel. Es tut sich was. Es ist insgesamt einfach ein Wachstumspotenzial vorhanden, wovon wir nur profitieren können. Vor ein paar Jahren war das undenkbar. Nun sind wir in die Stadt integriert, ein wirkliches Viertel.

Mit den Entwicklungsprozessen sind Sie im Großen und Ganzen also einverstanden?
Im Großen und Ganzen bin ich einverstanden. Klar, man kann natürlich die Punkte sehen, wo Defizite liegen, wenn ich etwa an unsere Depotsituation, die Haus- und Aufbautechnik, Betreuung der Bibliothek etc. denke, die leidige Budgetdiskussion einmal ganz außen vor gelassen. Aber insgesamt ist das alles auf dem richtigen Weg hier. Und wenn man jetzt zehn Jahre in die Zukunft sieht, dann ist der Glaspalast gar nicht mehr vor der Stadt, sondern mittendrin.

Bis zum 9. Oktober zeigt das H2 – Zentrum für Gegenwartskunst die Ausstellung »Rompeflasche«, ein Austauschprojekt zwischen dem Centro de Arte Contemporáneo in Quito und dem Haus im Glaspalast. Die Augsburger Ausstellung zeitgenössischer Kunst aus Ecuador macht den Auftakt, ihr soll im Herbst eine Präsentation deutscher Gegenwartskunst in Quito folgen. Das Projekt ist ein offener Prozess, bei dem nicht der klassische, physische Transport von Kunstwerken im Mittelpunkt steht, sondern derjenige von Konzepten in Form von Skizzen, Zeichnungen, Texten, digitalen Dateien und elektronischer Kommunikation.
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

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