Das ist ja praktisch … Kunst

22. Oktober 2020 - 9:15 | Bettina Kohlen

Der vielseitig tätige Künstler Felix Weinold ist aktuell mit mehreren Ausstellungen in der Region präsent, darunter ist auch eine umfangreiche Einzelschau im Augsburger Holbeinhaus.

Vielfarbige Blumenetageren aus den Fünfzigern? – Was als Wohnaccessoire im Zuge der Renaissance der Nierentisch-Ära wieder zu eher zweifelhaften Ehren kam, gewinnt als malerischer Ausgangspunkt eine durchaus reizvolle Qualität. In zahlreichen Varianten zeigt Felix Weinold im Erdgeschoss des Holbeinhauses, wie die kuriosen Raumobjekte auf der Leinwand Raum definieren, aber ebenso reine Fläche sein können. Auf großem Format zeigt sich eine Farbpalette, die in Anlehnung an den Geschmack der Fünfziger mit dem Nebeneinander von starken und pastelligen Farben spielt. Spitzwinklige Formen sorgen für hohe Dynamik und Bildtiefe, bleiben aber ebenso als Farbfelder präsent. Dieses Vexierspiel wird besonders in Weinolds an Konstruktionszeichnungen erinnernden Arbeiten transparent. Hier steht weniger die Farbigkeit als die Formgebung im Fokus, entgegen der Konstruktionsassoziation erweisen sich die Platten auch als flache Schichtungen, die aber durch ihre optische Durchlässigkeit eine Art Raum in der Ebene schaffen. Ausgehend von einem ästhetisch durchaus grenzwertigen Möbelstück spielt Weinold ein intellektuelles Spiel mit Farbe, Raum und Fläche, das in seiner vielgestaltigen Lesbarkeit großen Charme entwickelt. Ergänzend hat Weinold sich ein weiteres »praktisches« Kuriosum der Fifties vorgenommen: die Musiktruhe wird hier zum ironischen sidekick …

Dieser Werkkomplex macht deutlich, dass Weinolds Malerei zwar durchaus gegenständlich scheint, es dem Künstler aber keinesfalls um die Abbildung geht. Reale Objekte geben ihm lediglich einen Anstoß, denn sein Thema ist das Malen an sich, er malt über Malerei, hat sich in seiner Kunst für eine »bewusste Zusammenhanglosigkeit« entschieden, wie Thomas Elsen es in seiner Einführung formulierte.

Der durchaus breit aufgestellte Weinold, der mit seinen Arbeiten in zahlreichen Sammlungen vertreten ist, zeigt folgerichtig im Holbeinhaus auch Fotografie wie das eindringlich irritierende Porträt von »Lotte« oder das streng grafische »keep out«. Zwei Videoarbeiten fügen einen weiteren Schaffensaspekt hinzu. »Bartleby« setzt sich, bezugnehmend auf Herman Melvilles Erzählung mit dem Schreiben, vielmehr seiner Unmöglichkeit mit Hilfe von künstlicher Intelligenz auseinander.  »Weltende« verbindet die hörbare Eindringlichkeit eines expressionistischen Gedichts mit einem lakonischen Hutaufsetzen …

Die in Kooperation der Stadt Augsburg mit dem Kunstverein entstandene Ausstellung gewährt Einblick in das aktuelle Schaffen des Künstlers, der ausgebildet an der Münchner Akademie der bildenden Künste, sich nicht in seinem Tun begrenzt. Weinold war auch bereits als Bühnenbildner tätig, ist zudem erfolgreich im Feld der angewandten Kunst unterwegs, so seit langem als Grafiker und Gestalter für die Kunstsammlungen Augsburg.

Ein Kunstwerk soll noch erwähnt werden, dem sicher viele Augsburger*innen bereits begegnet sind, ohne es zu merken: In der Stadtbücherei hat Weinold 2010 eine Installation geschaffen, die das Treppenauge umfasst. Die durchlaufende Brailleschrift ist – weiß auf weiß – optisch kaum zu erkennen. Nur dem, der sie erfühlt eröffnet sich eine Ahnung, doch nur dem, der mit seinen Fingerspitzen lesen kann, erschließt sich vollends, worum es hier geht …

Wer mehr von Felix Weinold sehen möchte, hat in der Region zur Zeit mehrere Möglichkeiten. Außer im Holbeinhaus ist er in der Galerie Noah präsent, die in einer Studioausstellung neue Arbeiten zeigt. Im tim ist Weinold aktuell mit zwei Fotografien vertreten und die eindrucksvolle Videoarbeit »Weltende« ist nicht nur in den Räumen des Kunstvereins, sondern auch im Rahmen einer Intervention im Lindenberger Hutmuseum zu erleben.

www.kunstverein-augsburg.de | Felix Weinold | Praktisch | Holbeinhaus | bis 31. Oktober

www.galerienoah.com | Jungle | Studioausstellung | bis 29. November

www.timbayern.de | Amish Quilts meet modern art | bis Ende Januar 2021

www.deutsches-hutmuseum.de | hutARTig

www.felixweinold.de

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