Ein »Jahrhundertprojekt« als Abenteuerspielplatz

21. Juli 2020 - 10:04 | a3redaktion

Zur Sanierungsdebatte um das Staats- und Stadttheater. Ein Kommentar und Gastbeitrag von Peter Bommas.

Die Berichterstattung der Augsburger Allgemeinen vom Samstag anlässlich eines »Runden Tisches« in der Redaktion mit OB Weber, Baureferent Gerd Merkle, Intendant André Bücker auf der einen Seite und drei Kritikern mit unterschiedlichen Perspektiven – Florian Freund (SPD), Bruno Marcon (AIB) und Volker Schafitel, ehemaliger Stadtrat der FW – bringt auf den Punkt, was schon seit Wochen klar ist: die aktuelle Stadtregierung aus CSU und Grünen hat die Reihen geschlossen und will die Theatersanierung trotz unklarer Faktenlage als »Jahrhundertprojekt« durchziehen. Die bei dem Treffen aus den Reihen der Kritiker zu Recht vorgebrachten Argumente bezüglich gravierender Planungsfehler, geschönter Kalkulationen, intransparenter Zahlenspielereien bei offensichtlicher Schieflage des städtischen Haushalts, der immer noch mit den gedeckelten 186 Millionen rechnet, obwohl die Marge 320 Millionen naheliegt, werden mit der Arroganz der Macht abgebügelt.

 All diese Einwände, mal ganz abgesehen vom zwar unausgesprochenen, aber real existierenden Diskussions- und Denkverbot zu inhaltlichen, konzeptionellen und stadtentwicklerischen Fragezeichen eines angeblichen »Theaters der Zukunft« – O-Ton Bücker: »Jeder, der behauptet, man könne ebenso gut Theater an den Interimsorten weitermachen, täuscht die Öffentlichkeit« – prallen an der trotzigen Rechthaberei der Koalition ab und stellen Kritiker*innen als inkompetente Banausen bloß.

 

Man kann also davon ausgehen, dass am Donnerstag dieser Woche (23. Juli) mit der Mehrheit von Schwarz-Grün ein Beschluss gefasst wird, ohne ein sicheres, transparentes und von allen Stadträt*innen nachvollziehbares Zahlenwerk als Entscheidungsgrundlage und ohne eine vorliegende vertragliche Vereinbarung mit dem Freistaat, die der aktuellen planerischen und finanziellen Entwicklung gerecht wird. Guten Gewissens kann bei dieser Sachlage in Verantwortung für alle Bürger*innen dieser Stadt eigentlich kein Stadtrat, keine Stadträtin einem solchen Beschluss zustimmen. Ein Moratorium – wie von Bürgerlicher Mitte, von der Fraktion aus SPD und Linke sowie von Einzelstadträt*innen gefordert – wäre eine angemessene Reaktion auf die aus dem Ruder gelaufene Planung und Finanzierung und im übrigen ein sympathisches Eingeständnis, sich vielleicht doch da und dort geirrt zu haben.

 

Deshalb werden neben den Forderungen der Opposition im Stadtrat auch Einwürfe von außerparlamentarischen Gruppierungen virulenter, seriös umzuplanen, Entscheidungsgrundlagen zu überdenken und offenzulegen, zukunftsorientiert, transparent und bürgernah zu handeln: Das Staats- und Stadttheater neu denken!

 

Als Sanierungskritiker der ersten Stunde, der aktuell in Sachen Theater und Gaswerkentwicklung in allem bestätigt wird, was 2016 vorher gesagt wurde; als ein an den Bürger*innen-Workshops Beteiligter, dem heute das Narrativ von der Teilhabe am Entscheidungsprozess als politisches Märchen verkauft wird; als ein für Augsburg seit langen Jahren, mitunter erfolgreich, tätiger, theater- wie szeneaffiner Kulturakteur, der mit ansehen muss, wie die Idee einer »Kultur der Vielfalt« ignoriert bzw. umgedeutet wird – für so einen mit der soziokulturellen Stadtentwicklung seit Jahrzehnten verbundenen Bürger ist das momentan von den politischen Entscheider*innen zur Schau gestellte, alles andere als transparent und bürgernah verhandelte Szenario um Theater, Gaswerk, Interimsspielstätten und freie Kulturszene ein von Ignoranz, Arroganz und Überforderung geprägtes politisches Theater. Eine Machtdemonstation ohne kultuelle Empathie.

 

»Augen zu und durch« scheint die Devise, ohne klare Zusagen aus München, ohne Rücksicht auf eine für die nächsten 20 Jahre finanziell eingeschnürte Kultur- und Kreativszene, Festhalten an einer althergebrachten Bedeutungszuschreibung von Theater, an einem aus Theatersicht zwar verständlichen, aber insgesamt luxuriösen Wunschkonzert von Theatermacher*innen, ohne Sinn für zukünftige stadtkulturelle und kulturinnovative Entwicklungen.

 

Voraussichtlich 400 – anstelle von 180 – Millionen werden in Stein, Stahl und Glas verwandelt, Park und Bäume sinnentleert zerstört, in Baugruben verwandelt, die man dann wieder zuschütten muss – aber Theatermachen, Stadt bespielen, Kultur entwickeln, Grenzen öffnen und Publikum entdecken bleiben auf der Strecke.

 

Augsburg ist an einem Scheidepunkt angelangt, eine arme Stadt sollte aus dem kulturellen Reservoir und dem Wissenspool seiner Bürger schöpfen und ihnen eine kulturelle Teilhabe an der Zukunft sichern und sie nicht auf Jahrzehnte an überdimensionierte, fehlgeplante, rückwärtsgewandte, der Vielfalt der Stadtgesellschaft entgegenwirkende Kulturtempel binden. Eine Kultur der Vielheit geht anders!

 

Deshalb die Notbremse ziehen, Beschlüsse auf Eis legen, Fehler eingestehen, neu und seriös rechnen, die Bürger*innen mit Transparenz und Teilhabe überzeugen, ein Theater und ein Kreativwerk der Zukunft entwerfen, mit dem eine neue Generation Kultur auch neu und spannend entdecken, machen und konsumieren kann. Lieber ein »Theater-Camp« als ein Prestigeobjekt, lieber kreative Provisorien als ein hingeklotztes Millionengrab!

 

Ganz konkret deshalb: das »Grosse Haus« für knapp 100 Millionen ohne Bühnenturm fertigstellen als transkulturellen Solitär für Oper, Musical, Konzerte von Klassik bis Pop, Ausstellungen, Lesungen, Festivalzentrale, Bälle und Events!

• Deshalb: Bauphase 2 nicht weiter verfolgen, das Gelände an der Kasernstrasse für Quartiersentwicklung und Begegnungsräume einplanen.

 

Deshalb: besser ein praxisnahes, zukunftsfähiges Schauspielhaus für maximal 60 Millionen samt ergänzender Verwaltungs-/Proben- und Werkstatträume auf dem Gaswerksareal neu errichten und mit Ofenhaus/Brechtbühne/Werkstattgebäude verbinden.


• Deshalb: Statt Glaspalastmiete eine moderne Kunsthalle im Gaswerkareal errichten als Crossover von Museums-, Ausstellungs- und Veranstaltungsbetrieb im Schulterschluss von freier Szene und kommunaler Kultur.

 

Dann wäre die gedeckelte, auch nicht gerade kleine Summe von 186 Millionen gut angelegt. Und solche weitreichenden Entscheidungen brauchen im Sinne von Bürgerbeteiligung und Transparenz als Voraussetzung den offenen Diskurs mit der Bürgerschaft und deren Zustimmung.



Ein Gastbeitrag und Kommentar von Peter Bommas, Geschäftsführer des Kulturpark West.


Bild: derzeitige Innenansicht des alten Stadttheater am Kennedy-Platz.

 

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