Japanische Kunst aus der Edo-Zeit

17. März 2015 - 10:40 | Iacov Grinberg

Ausstellung »Aus der heiteren fließenden Welt« im Höhmannhaus

Ein Museum oder eine Ausstellung mit Kunstwerken des 19. oder 20. Jahrhunderts können wir ohne Museumsführer besuchen: Wir verstehen, was dargestellt ist und die Beziehungen zwischen den Menschen, die gestalteten Persönlichkeiten sind uns bekannt. Komplizierter gestaltet es sich jedoch mit der Kunst des 17. und 18. Jahrhunderts, die im Bezug auf den damaligen gebildeten Zuschauer entstand. Um sie zu verstehen, sind — bei uns oft fehlende — Kenntnisse der biblischen Geschichte, der Antike, der antiken Mythologie und Symbolik jener Zeit nötig. Die neue Pinakothek und die Pinakothek der Moderne kann man selbst anschauen, bei der Alten Pinakothek wäre es aber wünschenswert, dies zusammen mit einem Kenner oder einer Führung zu tun.

Als eindrucksvolles Beispiel kann der prächtige Goldene Saal im Augsburger Rathaus dienen. Er ist sehr schön, aber hinter dieser Schönheit verbirgt sich auch eine symbolische Schicht — wie alles im 17. Jahrhundert ist er mit einer tiefen symbolischen Bedeutung entstanden. Welche Männer in Rüstungen sind an den Wänden rechts und links mit Aufschriften auf Latein oder Altgriechischer Sprache dargestellt? Was symbolisieren die Deckenfresken und die Chimären an den Wänden? Ohne Kenntisse werden Sie einfach nicht verstehen, was Sie gesehen haben.

Noch komplizierter ist es mit der klassischen japanischen Kunst aus Edo-Zeit (1603-1868), da die japanische Ästhetik und die Realien jener Zeit uns völlig unbekannt sind. Die Objekte, die in der Ausstellung im Augsburger Hohmannhaus gezeigt werden, stammen aus den Fundus der Graphischen Sammlung. Dabei sind auch die vor kurzem der Stadt geschenkten Netsuke. Sie stellen vor uns einen Rätsel: sie sind wirklich sehr schön, aber was ist es und worüber spricht es?

Kleine — ein paar Zentimeter hohe — rundliche Figürchen mit geschicktem Schnitzwerk, Netsuke, waren ganz und gar nicht für das Schmücken von Schaufenstern bestimmt. Sie dienten als Gegengewicht bei der Befestigung kleiner Behältnisse am Gürtel des taschenlosen Kimono. Die Holzschnitte von Tôshûsai Sharaki dienten als Theatervoranzeigen des Kabuki-Theaters. Die Darstellungen verschiedener Stationen von Utagava Hiroshige sind typische Souvenirbilder für die Reisenden auf den japanischen Hauptstraßen jener Zeit.

Man kann die Ausstellung noch bis zum 7. Juni anschauen. Lesen Sie vor einem Besuch der Ausstellung über die Epoche Edo oder, noch besser, bestellen Sie eine Führung. Berücksichtigen Sie, dass die Kunstwerke wie wichtige Würdenträger in prächtigen Kleidungen vor denjenigen, die ihre Sprache nicht verstehen, arrogant schweigen, denjenigen dagegen, die ihre Sprache verstehen, ganz gern — und auch sehr viel Interessantes — erzählen.
(Iacov Grinberg)

Thema:

Weitere Positionen

28. Februar 2021 - 13:58 | Anna Hahn

Der zweite Abend des Brechtfestivals präsentierte unter anderem ein Konzert der »Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot«, Stefanie Reinsperger mit »Ich bin ein Dreck«, Corinna Harfouchs Kurzfilm »Fabriktagebuch/Die Mutter« und einen Beitrag von L-Twills zu Inge Müller.

27. Februar 2021 - 13:40 | Renate Baumiller-Guggenberger

Auftakt zu #digitalbrecht mit der Video-Adaption von Heiner Müllers »Medeamaterial«, Suse Wächters ersten Folgen des Hysterienspiels mit Puppen »Helden des 20. Jahrhunderts singen Brecht« und dem aus der Ukraine übertragenen Konzert des Frauenseptetts »Dakh Daughters«

25. Februar 2021 - 11:48 | Juliana Hazoth

Von Brecht bis heute: Hörspiele schaffen eine besondere Form der Intimität und können gesellschaftlich relevante Themen packend darstellen. Lesebedarf – die a3kultur-Literaturkolumne

24. Februar 2021 - 9:14 | Gast

Martyn Schmidt inszeniert auf seinem Album »kammerton a'a« den demokratischen Neubeginn nach 1945 als großartiges musikalisch-dokumentarisches Hörspiel. Von Gerald Fiebig

22. Februar 2021 - 15:13 | Anna Hahn

Das Staatstheater Augsburg zeigt in seiner Digitalsparte Einar Schleefs »14 Vorhänge« als Uraufführung im imposanten Bühnenbild.

22. Februar 2021 - 11:38 | Martin Schmidt

Der im Hirmer-Verlag erschienene Bildband »Klinger« tröstet über die größtenteils verhinderten 2020er-Jubiläumsschauen zum 100. Todestag des Bildhauers, Malers und Grafikers hinweg. Der Ausstellungskatalog: ein neues Standardwerk und Appetizer auf eine zu erhoffende Ausstellungsfortsetzung.

19. Februar 2021 - 14:04 | Bettina Kohlen

Bei »augsburg contemporary« geht das Projekt »Domestic Space« in die erste von drei Runden.

18. Februar 2021 - 9:30 | a3redaktion

Der Podcast »the ear in earth« präsentiert Audioculture aus Literatur, Poesie und Contemporary Classic

17. Februar 2021 - 6:40 | Gudrun Glock

Der Naturpark Augsburg – Westliche Wälder steckt voller Überraschungen. Einige kreative Macher*innen erschließen dieses Potenzial auf vielfältige Weise und lassen dabei ihrem Einfallsreichtum freien Lauf. Ein Interview mit Anja Dördelmann, Eva Liebig und Stephanie Schmid

15. Februar 2021 - 10:29 | Martin Schmidt

Über Theopoesie: das neue Werk »Den Himmel zum Sprechen bringen« (Suhrkamp) von Peter Sloterdijk