»Jede mögliche Hilfe beantragt«

29. Oktober 2020 - 14:52 | Martin Schmidt

Sebastian Karner, neuer 1. Vorsitzender der Club & Kulturkommission Augsburg, spricht im Interview mit a3kultur über die Zukunft der Clubszene in Corona-Zeiten.

Sebastian Karner ist der neue 1. Vorsitzende der Club & Kulturkommission Augsburg (CUKK). Karner ist CUKK-Gründungsmitglied und Betreiber der Kantine, der Soho Stage und vom Weißen Lamm. Mit Helena Gladen (raumpflegekultur e.V.) und Bernhard Klassen (frei) bildet er das dreiköpfige Vorstandsteam.  

Herzlichen Glückwunsch zur Wahl zum 1. Vorstand der CUKK! Ihr Amtsantritt fällt in die Herbst- und Winterzeit, die hinsichtlich coronabedingter Einschränkungen eine dunkle Zeit für Clubveranstaltungen werden wird. Gleichzeitig sind Sie Betreiber dreier wichtiger Clubs in Augsburg. Wie fühlt sich das an und wie möchten Sie in dieser Krisensituation Ihr Amt angehen?
Dankeschön! Generell fühlt sich diese Zeit, wie für die meisten aus unserer Branche, unfassbar schwierig an. Es gilt, nicht den Mut zu verlieren. Ich persönlich bin in der glücklichen Lage, rein wirtschaftlich meine Clubs aktuell noch relativ gut durchzubekommen. Ich habe wirklich jede mögliche Hilfe beantragt und bisher auch bekommen oder zumindest bei einigen Förderungen noch keine Ablehnungen erhalten. Ich spüre die Verantwortung im Allgemeinen, aber im Speziellen für meine Angestellten.

Als Vorstand möchte ich mit meinen Kollegen den Verein weiter voranbringen und am Ball bleiben. Da wir das alles ehrenamtlich machen, ist das manchmal auch schon eine echte Herausforderung. Wir wollen verstärkt Ansprechpartner sein für die Politik und Verwaltung. Ich stehe zum Beispiel zur Verfügung,  um mein Know-how im Bereich Förderanträge bei Fragen unserer Mitglieder einzubringen. Über unseren Newsletter leiten wir alle neuen Informationen auch an unsere Mitglieder weiter.

Welche Erwartungen haben Sie an die Politik? Was versprechen Sie sich vom neuen Kulturreferenten Jürgen Enninger? 
An die Politik generell  – damit meine ich aber speziell Land und Bund – habe ich die Erwartung, dass alle betrieblichen Kosten zu hundert Prozent bezahlt werden und wir keine existenzbedrohenden Verluste machen. Je nach Firma oder Ausrichtung des Betriebs ist das aktuell nicht bei allen der Fall. Der Augsburger Stadtrat hat ja beschlossen, dass die Kulturförderung als Coronahilfe weiterhin ausbezahlt wird. Das begrüße ich ausdrücklich. Ich würde mir wünschen, das diese Förderung auch für Clubs mit über 200 Personen ausbezahlt wird. Außerdem war diese Förderung ja ein Einstieg und eine Erhöhung würde den Spielstätten natürlich sehr gut tun.

Von Jürgen Enninger erwarte ich mir neue Impulse im Bereich Kreativwirtschaft und vor allem einen anderen Blickwinkel auf die Popkultur im Vergleich zu den Vorgängern und Vorgängerinnen in diesem Amt. Schon vor der Corona-Krise war es wirtschaftlich kaum möglich, Newcomer-Konzerte zu machen. Diese Kulturarbeit sollte von der Stadt Augsburg stärker anerkannt und unterstützt werden. Ich erwarte hier ein offenes Ohr und viel Verständnis für die Belange der Kultur abseits der Hochkultur.   

Welche Bilanz ziehen Sie aus dem Projekt Kulturbiergarten, eine Kooperation von Hallo Werner! und der Kantine?
Grundsätzlich war der Kulturgarten positiv und wir sind dankbar für die Chance, welche uns die Stadt Augsburg hier gegeben hat. Wir wollten ein Zeichen setzen und haben uns als Konkurrenten in diesen schwierigen Zeiten zusammengetan. Das hat im Wesentlichen gut funktioniert. Noch ist die Abrechnung nicht ganz erledigt, aber sehr wahrscheinlich werden wir ein minimales Plus ein fahren. Was ein Erfolg wäre.

Welche Perspektive werden Open-Air-Projekte im Winter haben und wie können diese umgesetzt werden? Die Rede ist zur Zeit von einem 200-Personen-Zelt auf dem Gaswerkgelände im Januar/Februar 2020.
Für den Winter sehen wir alle Arten von Open Air und auch Zeltlösungen relativ kritisch. Wir sind als Vertreter der Clubs und Veranstalter gefragt worden und haben uns dazu auch gegenüber der Verwaltung im Detail und mit vielen Argumenten negativ geäußert. Vor allem sind uns die Kosten  im Verhältnis zu den wenigen Veranstaltungen zu hoch. Hier haben wir ein alternatives Konzept vorgelegt und sind gespannt wie Verwaltung und Politik damit umgehen.

Gibt es wichtige Gespräche, die jetzt im November stattfinden werden?
Aufgrund der aktuellen Entwicklung der Zahlen in Augsburg ist so ziemlich jede Idee oder jedes Projekt auf Eis gelegt. Möglicherweise gibt es ein Gespräch zur Zeltlösung auf dem Gaswerkgelände. Hier müssen wir aber abwarten, wie die Verwaltung weiter verfahren möchte.

Werden Streams und Online-Veranstaltungen weiterhin eine Rolle spielen?
Aus meiner Sicht nein. Während des Lockdowns fanden wir unseren Club- und Kultur-Stream wichtig und richtig. Der Aufwand ist einfach immens und hätte ohne Selbstausbeutung aller beteiligten Akteure und Akteurinnen niemals funktioniert. Man muss auch ganz klar sagen: Nicht alles, was auf einer Livebühne in einem Club toll funktioniert, ist im Livestream ebenso spannend.

Was verbirgt sich hinter der gemeinsam mit der Stadt Augsburg geplanten Clubstudie auf Basis der Ist-Zahlen von 2019? Liegt der Fokus hier eher auf Live-Konzerten oder auf Party-Events?
Dies ist eine relativ alte Idee aus der Zeit vor Corona. Die Kölner Studie ist hier das Vorbild. Die Anregung kommt von uns. Generell sollte hier ein Polaroid der Augsburger Club- und Kulturlandschaft entstehen. Club ist oft beides: Konzerte und Partys. Beides gehört in diese Studie hinein. Wir glauben: Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, da die 2019er-Zahlen nun alle vorliegen und es das letzte »normale« Jahr vor Corona gewesen ist. So wissen wir für die Zukunft, wie es vor der Pandemie gewesen ist und haben somit Referenzwerte für die Zeit danach.

 

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