Jeder Mozartprotagonist hat ureigene Vorstellungen

W.F. Walz
11. Juli 2014 - 0:00 | Jürgen Kannler

Im Juli finden vor der wunderbaren Kulisse der Regierung von Schwaben die 16. Konzerte im Fronhof statt. Wir trafen Wilhelm F. Walz und plauderten mit ihm über die Zukunft der Mozartstadt.

»Sie werden wohl kein Programmheft von uns finden, in dem sich nicht die Vernetzung der Fronhofkonzerte mit den anderen Mozartprotagonisten der Stadt herauslesen ließe.« Seit 16 Jahren ist Wilhelm F. Walz Konzertleiter der Konzerte am Fronhof. Ein Interview von Jürgen Kannler

a3kultur: Es bewegt sich etwas in der Mozartstadt Augsburg. Der Präsident der Deutschen Mozart-Gesellschaft (DMG) wurde vor wenigen Wochen zum neuen Kulturreferenten gewählt und die Stiftung der Stadtsparkasse finanziert eine Untersuchung der Münchner Agentur Actori, auf deren Basis sich das Engagement der Stadt bezüglich dieses Themas neu ausrichten wird. Was haben Sie von der Arbeit der Actori-Unternehmensberatung bisher mitbekommen?

Vor einiger Zeit hatte ich gemeinsam mit dem Geschäftsführer der Theatergemeinde Edward Wolf und Winfried Hierdeis, dem Vorsitzenden des Vereins, ein rund zweistündiges Gespräch mit einem Mitarbeiter dieser Unternehmensberatung, die sich ja unter anderem auf kulturelle Themen spezialisiert hat. Meines Wissens wurden ähnliche Interviews mit den meisten Mozartprotagonisten der Stadt durchgeführt. Nun warten wir alle natürlich auf die ersten Ergebnisse, die uns für den Sommer angekündigt wurden.

Welcher Eindruck hat sich Ihnen durch das Gespräch vermittelt?

Es handelt sich hier um ein zweifellos sehr seriöses Unternehmen. Unser Gesprächspartner wirkte kompetent, stellte gute Fragen und hatte auch kein starres Schema im Kopf, sondern ließ der Diskussion freien Lauf. Das ist wichtig. Schließlich hat jeder Mozartprotagonist auch seine ureigenen Vorstellungen. Alles in allem empfand ich das Gespräch als sehr konstruktiv.

Welche Themen haben sich in der Runde entwickelt?

Wir fragten uns, wo es beim Thema Mozart Überlappungen gibt und wie das Thema regional und überregional wahrgenommen wird. Man muss auch darüber sprechen, ob die Vielzahl der Veranstaltungen zukünftig überhaupt aufrechterhalten werden kann, und wenn ja, zu welchen Bedingungen. Es ging also auch darum, inwieweit sich die Marke Mozart in Augsburg trägt und ob sie weiterentwickelt werden kann. Um diese Frage zu klären, ist auch der Blick von außen wohl unerlässlich. Die Stadt verwaltet ja, etwas salopp gesagt, ein Dutzend Themenkomplexe, mit denen sie sich präsentieren will oder muss. Das Spektrum reicht von Brecht über Frieden bis zu Mozart, geht dann vom Wasser zu den Fuggern usw. So wunderbar diese Fülle auch ist, zwangsläufig bleiben bei dieser Menge Inhalte auf der Strecke und können nicht so gefördert und präsentiert werden, wie es ihrer Bedeutung vielleicht zukommt. Andere Städte blasen Themen auf, zu denen sie im Vergleich zu Augsburg über eher schwache Bezüge verfügen.

Sie warben schon bei den ersten Fronhofkonzerten 1999 mit dem Label »Mozartstadt«. Fühlen sie sich dem Geist, der sich daraus ableiten lässt, in besonderer Form verbunden?

Die einzelnen Projekte lassen sich doch kaum vom Gesamtaspekt Mozartstadt trennen. Als der Mozartsommer vor 16 Jahren vor dem Aus stand, wandte ich mich mit dem Konzept der Fronhofkonzerte an den damaligen Kulturreferenten Gesler. Schon damals war die Theatergemeinde bereit, unter meiner künstlerischen Leitung die Rolle des Veranstalters zu übernehmen. Wir setzten dann gemeinsam das Programm ohne finanzielle Rückendeckung von der Stadt durch. In diesem Jahr organisieren wir in dieser Konstellation zum 16. Mal das größte Klassik-Open Air der Region, und Sie werden wohl kein Programmheft von uns finden, in dem sich nicht die Vernetzung der Fronhofkonzerte mit den anderen Mozartprotagonisten der Stadt herauslesen ließe.

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich von der bereits angesprochenen Actori-Untersuchung?

Sie wird wohl zeigen, dass in vielen Bereichen Synergien genutzt werden können. So zum Beispiel im Marketing und bei der überregionalen Bewerbung. Ich könnte mir eine Art Schirm vorstellen, der die großen Mozartaktivitäten zwischen Mai und September nach außen hin bündelt, ohne dabei die künstlerische Freiheit der einzelnen Partner zu tangieren. Die dafür nötige Koordination und Absprache würde der Szene zugutekommen.

Sehen Sie auch Gefahren in einem gemeinsamen Auftritt?

Die verschiedenen Projekte werden im Wesentlichen durch Sponsorenleistungen regionaler Partner ermöglicht. Das gilt in diesem Maße allerdings nicht für das mozart@augsburg-Festival von Sebastian Knauer. Er schafft es schon im dritten Jahr hintereinander, ein beachtliches Programm auf die Beine zu stellen, ohne erhebliche Etats aus diesen Pools zu akquirieren. Sollten seine Sponsoren, die ja in erster Linie aus seiner Heimat Hamburg stammen, ihr Engagement in Augsburg aufgeben – mit so etwas muss man schließlich immer rechnen – und sollte Herr Knauer dann ebenfalls auf die regionalen Unterstützer angewiesen sein, würde das zur Verfügung stehende Budget wohl nicht für alle Protagonisten auf Dauer genügen.

In den letzten Jahren beklagten die Programmmacher fehlende Planungssicherheit seitens der Stadt. Ein Aspekt, der auch bei der Suche nach Sponsoren von erheblicher Bedeutung ist. Seit wenigen Wochen hat Augsburg einen Kulturreferenten aus den Reihen der Mozartprotagonisten. Betrachten Sie die Wahl von Thomas Weitzel als Gewinn für die Szene oder befürchten Sie dadurch auch eine Wettbewerbsverzerrung? Schließlich ist er nach wie vor Präsident der DMG und in dieser Eigenschaft auch in den kommenden Jahren künstlerischer Leiter des Deutschen Mozartfestes, wie auf der Abschlusspressekonferenz des Festivals zu erfahren war.

Im Moment schätze ich mich glücklich, dass die neue Leitung des Kulturreferats aus der Praxis kommt, Ahnung von diesem sehr speziellen Metier hat und darüber hinaus als Fachmann für die internen Bereiche der Verwaltung anzusehen ist. Ich denke, diese Wahl ist für alle Künstler in der Region ein Gewinn. Dass Thomas Weitzel es in dieser Position zwangsläufig nicht allen bisherigen Wegbegleitern immer wird recht machen können, ist anzunehmen. In solchen Fällen muss man eben sehen, dass eine möglicherweise schmerzliche Entscheidung nicht vom Privatmann kommt, dem man vielleicht sogar freundschaftlich verbunden ist, sondern qua Amt erfolgt.

Augsburg leistet sich Büros für Brecht, Frieden und Pop. Ist es nicht an der Zeit, dass auch Mozart eine feste Adresse in der Stadt bekommt?

Natürlich, sofern die Actori-Untersuchung zu dem Schluss kommt, dass dieses Thema tragfähig genug ist.

Gesetzt den Fall, würden Sie die Entscheidung mittragen, dass dieses Büro nicht direkt beim Kulturamt, sondern bei der DMG angesiedelt ist, die ja bereits ein Büro in Augsburg unterhält?

Warum nicht. Es ist natürlich wichtig, vorher einige Punkte zu klären, zum Beispiel nach welchem Schlüssel Mittel ausgeschüttet werden. Dafür gibt es verschiedene Ansatzpunkte. Hier spielen Programm, Bedeutung, Alleinstellungsmerkmale, aber auch Laufzeit, Tradition und Ausrichtung eine Rolle.

Die Konzerte im Fronhof bestechen unter anderem durch die einzigartige Open-Air-Kulisse und die Option, in die Heilig-Kreuz-Kirche auszuweichen, sollte das Wetter tatsächlich wieder einmal einen Streich spielen, wie zuletzt vor drei Jahren. Sie konzipieren Ihre Programme von jeher so, dass sie sowohl auf der Open-Air-Bühne als auch in der Kirche funktionieren. Welche Einschränkungen muss man dabei in Kauf nehmen?

Eigentlich keine. Wir haben uns von Anfang an für den konzertanten Weg entschieden, auch weil wir nicht in Konkurrenz zur Freilichtbühne gehen wollen. Unsere Programme funktionieren tatsächlich an beiden Orten optimal. Unser Publikum schätz diesen Ansatz und baut sich sehr individuelle Bühnenbilder im Kopf. Angeleitet wird es in diesem Jahr einmal mehr von Jacques Malan, unserem kongenialen Erzähler und Moderator.

Sie präsentieren bei der Operngala im neuen Programm am Freitag und Sonntag Mozarts »Schauspieldirektor« und die Richard-Strauss-Komposition »Ariadne auf Naxos«. Wo treffen sich diese beiden Werke?

Bei der »Ariadne« konzentrieren wir uns auf den musikalischen Aspekt und verzichten auf das Vorspiel von Hofmannsthal. Die beiden Stücke treffen sich allein schon wegen der großen Affinität von Strauss zum Werk des von ihm sehr verehrten Mozart. Sie harmonieren für so ein Abendprogramm auch in ihrer jeweiligen Länge sehr gut, wobei »Der Schauspieldirektor« noch einen Tick knackiger ist als der klassische Stoff der »Ariadne«.

Beim »Schauspieldirektor« könnte es sich sogar um eine Augsburger Erstaufführung handeln. Bei unseren Recherchen nach früheren Inszenierungen sind wir zumindest nicht fündig geworden.

Ich kann mich auch an keine Aufführung des Stückes erinnern. Ein weiteres Novum für das Publikum dürfte das Cross-over-Projekt »clair-obscur« sein. Bei diesem Musiktheater für Groß und Klein wird mit vier Saxofonen die Geschichte von der »Hochzeit auf dem Eiffelturm« nach Jean Cocteau erzählt. Die vier Saxofonisten dieses Berliner Ensembles spielen die Geschichte samt ihren Instrumenten auf der Bühne. Sie agieren also gleichzeitig als Musiker und als Schauspieler. Was da passiert, das sollte man gesehen haben.

Herr Walz, wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen für die 16. Auflage der Konzerte im Fronhof: Toi, toi, toi!

Alle Termine finden Sie unter:

www.konzerte-im-fronhof.de

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