Ausstellungen & Kunstprojekte

Jenseits von Betroffenheitsästhetik

Bettina Kohlen
8. Juli 2020

Nicht erst seit gestern wissen wir Menschen, dass wir zielsicher unserem Lebensraum Erde den Garaus machen, wenn wir weiterhin unseren gewohnten Lebensstil verfolgen. CO2-Ausstoß, Gewässerverschmutzung, Großrodungen und haufenweise Plastikmüll haben schon unübersehbar ihre Folgen eingezeichnet. Im H2 – Zentrum für Gegenwartskunst stellen nun zehn internationale Künstler*innen ihre Fragen zum Zustand unseres »Blauen Planeten«, in Bildern und Konzepten richten sie ihren Fokus auf jeweils ganz spezielle Situationen. Die Arbeiten operieren vielfach mit der Schönheit der Natur und ihrer Phänomene, wobei sich nach und nach die Brüche und Schäden offenbaren, wie bei Olaf Otto Beckers rosa schimmernden Eisbergen mit ihren Spalten, Rissen und dem konturierenden Dreck an den Hängen. Magdalena Jetelová hat im Eismeer von Patagonien, dort, wo mehrere Kontinentalplatten aufeinandertreffen, von einem Boot aus mit einem Laserpointer Nachrichten in die Landschaft geschrieben. Ihre fotografische Leuchtkasteninstallation entwickelt einen ungewöhnlichen Sog, lässt eine beunruhigend mystische Geschichte entstehen.

Eine lange Reihe metallener Gitterboxen gibt Rahmen und Maß für einen Haufen von Verpackungsmaterial und weggeworfenen Sachen, Müll. Anja Güthoff hat mit nie versiegender strukturierender Vorstellungskraft eine temporäre Wunderkammer geschaffen: Barock inszenierte Bühnenbilder erzählen Geschichten, zeigen, dass die formale Gestaltung dem Weggeworfenen eine neue Ästhetik verleiht, und verweisen zugleich auf die Kultur eines enormen »weg damit«. Klar wird aber auch, dass dieses Entsorgen die Dinge keineswegs verschwinden lässt …

Edgar Honetschlägers Kunstprojekt »GoBugsGo« greift bewusst in den gesellschaftlichen Raum hinein. Ein Verein sammelt Geld, um Land zu erwerben, das dann sich selbst überlassen wird. Die Besucher*innen der Ausstellung können selbst ein »Buggie« werden, indem sie eine kleine handgefertigte Box erwerben, die ein Glas Eingewecktes und eine Künstlerzeichnung enthält. Die brasilianische Fotografin Andrea Motta hat »1st Moments« festgehalten, sie porträtierte geflüchtete Menschen, die gerade auf Lesbos angekommen waren – ihre Arbeiten zeigen Familien, Paare oder Einzelne, sie machen deutlich, dass die von uns oft als Gruppe, als Quasi-Gattung wahrgenommenen Geflüchteten natürlich alle individuelle Geschichten und Leben haben.

Und noch ein Akteur spielt eine Rolle: Das Büro für Nachhaltigkeit hat für die Dauer der Ausstellung im H2 seine »temporäre Geschäftsstelle« errichtet, die den Besucher*innen Informationen zu Zielen und Projekten bietet, aber ebenso das persönliche Gespräch.

»The Blue Planet« zeigt nachdrücklich, dass weit jenseits einer Betroffenheitsästhetik relevante Ansätze der konzeptuellen Auseinandersetzung und Kommentierung unseres umwelt- und selbstzerstörerischen Tuns existieren, dass Künstler*innen und ihre Arbeit unbedingt systemrelevant sind.

H2 – Zentrum für Gegenwartskunst | Der Blaue Planet – The Blue Planet | bis 31. Dezember
www.kunstsammlungen-museen.augsburg.de

Foto: Olaf Otto Becker – Cenote Maya, Mexico

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