Jugend ohne innere Stütze

10. Mai 2016 - 23:21 | Iacov Grinberg

Das neue Spektakel am Theater Augsburg: »Der Russe ist einer, der Birken liebt« nach dem Roman von Olga Grjasnowa.

Die Ankündigung des bevorstehenden Theaterstücks (Inszenierung: Bibiana Picado Mendes, Dramaturgie: Tobias Vogt, Schauspiel: Helene Blechinger) hatte bei mir einige Befürchtungen ausgelöst. Das Thema von Menschen mit Migrationshintergrund ist sehr fein und sensibel, und ich wusste natürlich nicht, wie das Theater damit umgeht. So habe ich mich dazu entschieden nicht die Premiere, sondern die zweite Vorstellung zu besuchen: Ich, ein einfacher Zuschauer, der über eine Premiere nur Lob aussprechen sollte, während über eine zweite Vorstellung auch andere Worte möglich sind.

Glücklicherweise war fast nichts zu beanstanden. Aus dem Roman entstand auf der Bühne ein wunderbares Monospektakel. Es wurde eine wichtige Linie herausgefiltert und überzeugend dargestellt. Die Schauspielerin Helene Blechinger arbeitete auf der Bühne sehr gut, sehr gut war auch die Regie mit minimalen Requisiten. Alles passte wunderbar an dem spezifischen Ort im Hoffmannkeller. Die dargestellte Hysterie einer jungen Dame, für die alle um sie herum mehr oder weniger bösartig und gegen sie sind, sie dabei die einzige ist, die, wie man auf Russisch sagt, »weiß und kuschelig« ist, war voll überzeugend. Nur die Hintergründe dieser Hysterie waren für viele Zuschauer nicht völlig verständlich.

Das Stück zeigt eine junge Dame, die keine seelische Stütze hat, wobei jeder Mensch eine solche Stütze braucht, eine innere oder äußere, etwas oder jemanden, auf den oder auf was man sich verlassen kann. Die Protagonistin fand sich ohne eine solche wieder. Warum?

Sie selbst sagt, dass sie keinen Glauben hat, was kaum verwunderlich ist. Sie stammt aus einer Familie von Kontingentflüchtlingen, jüdischen Einwanderern aus der ehemaligen UdSSR. Ihre Familie konnte ihr keinen Glauben übermitteln: das Sowjetregime hatte effektiv alles an Glauben vernichtet, die Eltern selbst hatten keinen. Wenn sie in Deutschland, in irgendeiner Stadt ankam, war mit großer Wahrscheinlichkeit in der dortigen Glaubensgemeinde keiner, der den Kindern den Glauben vermitteln konnte, die Gemeinden waren dafür nicht vorbereitet. Leider eine typische Situation.

Das Elternhaus, die Familie, kann für sie nur sehr begrenzt als eine Stütze agieren. Ihre Eltern waren, so verlautet es aus dem Text, Angestellte, gute Spezialisten, die keine unternehmerische Begabung hatten (wie eigentlich die meisten Leute) und konnten sich selbst nicht gut verkaufen, was im Westen notwendig ist. In ihrem Herkunftsland gehörte diese Fähigkeit nicht zu den notwendigen. Sie hatten keine Hoffnung auf ein paradiesisches Leben im Ausland, sie emigrierten nur, da in ihrem Herkunftsland ein normales Leben schon kaum mehr möglich war. Ökonomisch standen solche Familien in Deutschland dann meistens schwach da, ihre früheren Qualifikationen wurden selten anerkannt. In ihrem früheren Leben hatten ihre Eltern das Funktionieren von Gesellschaft genug gut verstanden, hier war alles anders, und sie wussten nicht ein und aus. Dadurch war auch ihre Autorität für die Kinder nicht groß, die Kinder verstanden das hiesige neue Leben besser.

Die ersten Schuljahre in Deutschland hinterließen zweifelsohne in der Seele der Protagonistin einige tiefe Narben. Das Kind war aus seiner Schule, wo es zweifellos gut lernte (gutes Lernen und eine maximal mögliche Ausbildung sind im jüdischen Milieu eine Selbstverständlichkeit, ein kategorischer Imperativ), in eine andere Schule in einem andern Land gekommen, mit anderer Sprache. Das Kind befand sich in einer Situation der Ausgrenzung. In einigen Fächern wusste es viel mehr als die neuen Mitschüler, konnte aber die Sprache schlecht, was die Mitschüler zum Auslachen nutzten: Kinder sind bekanntlich grausam. Nach ein paar Jahren, nach Schulwechsel oder Klassenwechsel verschwand dieses Problem mit der Zeit. Kinder mit einer guten Muttersprache beherrschen die zweite Sprache oft besser als Kinder mit dieser Muttersprache, aber die Narben bleiben.

Problematisch ist es auch mit den Freunden aus der Schulzeit, die oft für einen Mensch eine seelische Stütze bilden und mit denen man ganz offen sprechen kann. Die Kinder-Migranten kommen in die Schule oft in der Pubertätszeit, wenn sie jemanden in ihrem Alter brauchen, um über ihre Gefühle sprechen zu können. Da für diese Kinder die Gefühlssprache jedoch ihre Muttersprache war, ist es damit im neuen Freundeskreis schwer.

Für eine Gruppe der Menschen dient ihr Beruf als eine innere Stütze, wenn sie ihren Beruf als eine Berufung betrachten. Der Protagonistin gelingt das nicht: für sie ist ihr Beruf einer Übersetzerin bei einer deutschen Mission in Israel nur ein Brotberuf, nicht mehr.

Was bleibt dann fest in ihrer Seele? Etwas, was den Titel des Stückes erklärt. Sie findet fast zufällig etwas, was ihre Seele singen lässt: eine Landschaft im Norden von Tel Aviv, die an ihre Heimatstadt Baku, aus der sie als 11-jährige herausgerissen wurde, erinnert. Ganz so erzählt uns der Satz »der Russe ist einer, der Birken liebt«, dass ein Mensch in der Emigration, in der Fremde in sich seine kleine Heimat als einen Ort des Vertrauens und der Geborgenheit trägt.

Die Existenz und Wichtigkeit einer solchen »kleinen Heimat« als einer inneren Stütze bestätigt indirekt auch eine Ausstellung, die derzeit im Höhmannhaus läuft: »The Yousef Abad Project« von Elham Rokni. Sie erzählt die Geschichte von der Suche nach der kleinen Heimat einer jungen Frau, die als 9-jähriges Mädchen mit Eltern aus Teheran nach Israel emigriert ist.

Das Problem einer fehlenden seelischen Stütze, wenn auch nicht in so einer drastischer Form wie bei Emigranten, ist für die heutige junge Generation fast charakteristisch. Glaube? Die Zahl der Gläubigen sinkt drastisch. Heimat und Familie? Flexibilität einschließend Ortswechsel, um eine Arbeit zu bekommen, wird heutzutage als Tugend betrachtet. Verbindungen zwischen den Generationen wurden geschwächt. Die junge Generation orientiert sich in der heutigen digitalisierten Welt oft viel besser als die Generation ihrer Eltern. Beruf? Viele Berufe verschwinden vor unseren Augen, oder ihr Inhalt verändert sich dramatisch. Darüber muss man nachzudenken.

Die Autorin des Buches, die Schriftstellerin Olga Grjasnowa, die auch als Mädchen aus der ehemaligen UdSSR emigrieren musste, kennt das alles selbst. Sie hat aber einen Ausweg aus dieser Situation gefunden – für sie dient ihr künstlerisches Schaffen als eine innere Stütze. Aber diese kreative Form kann nur für wenige als Ausweg dienen. Gelingt es anderen jungen Menschen aus diesem hysterischen Zustand, der so überzeugend in diesem Theaterstück dargestellt wird, aus dieser »stützenlosen Situation« einen Ausweg zu finden?
(Iacov Grinberg)

Weitere Termine: Fr 20.05., Fr 27.05., Sa 25.06., Mi 29.06., Mi 06.07.

www.theater-augsburg.de

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