Tanz

Jung und wild

Renate Baumille...
11. Juni 2019

Anders als im Programmheft abgedruckt, fand dieser letzte Tanzabend der Staatstheatersaison nicht im martini-Park, sondern auf der brechtbühne im Gaswerk statt. Sein Zustandekommen wird dem laufenden Theaterbetrieb aus den Rippen geschnitten und bedeutet probentechnisch für das Ballettensemble sowie die involvierten Abteilungen eine enorme logistische Herausforderung. Das Format, in dem Tänzerinnen und Tänzer ihr Potenzial und ihre Neugier auf die Arbeit als junge Choreografen testen, hat sich über viele Jahrzehnte bewährt und wird auch andernorts als sinnreiche Nachwuchsförderung gepflegt. Findet sich in Ricardo Fernandos Augsburger Compagnie, die auch in diesem Jahr mit zahlreichen Tänzerwechseln inkl. zweier Schwangerschaften zurechtkommen musste, ein auffälliges Choreografie-Talent? Wer überzeugte diesmal, bzw. blieb mit seiner Tanzästhetik und/oder Stück-Message im Gedächtnis und könnte den Sprung auf die andere Seite wagen?

Dieser Newcomer-Abend 2019 war definitiv abwechslungsreicher und weniger düster als im Vorjahr, machte dennoch mit wenigen Ausnahmen deutlich, dass die Quelle der Inspiration immer noch dort sitzt, wo es schmerzt. Skepsis und Zukunftspessimismus – wie etwa in Doedes »Epidose 8: (Conditioned)« als Bild für tödlichen TV-Konsum inkl. totaler Vereinsamung, die radikale Befragung der Biografie (»Essere« von Alessio Monforte), die Fragilität und Gefährdungen unseres menschlichen Daseins, die emotionalen Erschütterungen zwischen Freude, Trauer und wiederkehrenden Sinnkrisen wurden zur Folie der tanzenden Körper als Geschichtenerzähler. Feinsinnig hob sich hier Momoko Tanakas Sextett »Because of YOU« (Foto: Jan-Pieter Fuhr) ab und betonte klar verständlich den Vorteil, der in einer liebe- und verständnisvollen Partnerschaft liegt, die jede Drangsal einer rigiden Berufswelt wettmacht.

Ebenfalls reichlich Augenzwinkern, tänzerische Noblesse und Leichtigkeit bewies Samuel Maxted in seinem Hollywood-inspirierten Trio »I’m Afraid The Masquerade Is Over« zu Jimmy Scotts gleichnamigem Song. Mit ihrem starken visuellen Gedicht, in dem ein atemberaubend biegsamer Körper »zur Seele transzendierte«, hinterließ die seit Beginn an positiv auffallende Irupé Sarmiento als Interpretin ihres Solos »Vision« die stärksten choreografischen Momente. Als Gast nutzte zuvor Roberta Ferrara die Chance, die ihr als Siegerin des Stuttgarter Solotanzwettbewerbs 2018 vom Augsburger Ballettdirektor eingeräumt wurde und choreografierte für sieben Tänzer*innen einen spirituell-kontemplativen »Act of Courage«. Virtuos und atmosphärisch dicht setzte sie darin das Herausfallen aus einer vermeintlichen Stabilität als heilsamen Prozess in tänzerische Bilder um. Rabenschwarz wurde es im Duo »Corvo«, das Marcos Novais seinen Ensemblekollegen Nikolaos Doede und Shori Yamamoto auf deren energiegeladene Körper choreografierte. Christine Ceconello fand zu Arvo Pärts Musik eine sinnreiche Parabel in »Überwindung 1.« und verabschiedete darin das Festklammern an falschen Hoffnungen. Dass Shori Yamamoto seine hinlänglich bewiesene Ausdrucksstärke als Solist choreografisch brillant weiterentwickeln kann, zeigte sein zum Finalstück erkorenes, raffiniert beleuchtetes, musikalisch sowie mit fließenden Übergängen auf die Bühne gebrachtes Ensemblewerk »Klang des Körpers«.

Weitere Termine:
https://staatstheater-augsburg.de/new_comer_1819
 

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