Kaninchen im Rokokofestsaal

11. Juni 2015 - 8:54 | Iacov Grinberg

Natalija Ribovic zeigt ihren »Silverio Rabbit« im Schaezlerpalais.

Ich liebe es sehr, Vernissagen zu besuchen. Man kann nicht nur die ausgestellten Arbeiten anschauen, man kann auch während einer Laudatio die Meinung der Kunstwissenschaftler hören, was sie in diesen Arbeiten gefunden haben, und was sie besonders Bemerkenswertes darin sehen. Und – meiner Meinung nach das Wichtigste – man kann auch mit anderen Laien, mit anderen Besuchern, alles besprechen, ihre Meinungen erkunden und dabei sehr viel Interessantes für sich selbst entdecken.

Jetzt ist im Rokokofestsaal des Schaezlerpalais die temporäre (bis 14. Juni) Installation »Silverio Rabbit« der international agierenden Künstlerin und Augsburger Kunstförderpreisträgerin des Jahres 2007 Natalija Ribovic zu sehen. Die Kunstwissenschaftler preisen ihren spiegelnden »Silverio Rabbit« als zeitgenössische Reflexfigur.

Bei den Gesprächen mit den Besuchern stieß ich auf eine ziemlich sonderbare Meinung. Aus der Sicht von einfachen Betrachtern, Laien, kann »Silverio Rabbit« als eine Apotheose oder als eine sehr feine und bissige Metapher eines Teils der modernen Kunst betrachtet werden. Das ist eigentlich ein Kinderspielzeug, eine ganz schematische, gesichtslose, ganz reduzierte Gestalt. Sie ist in Europa entworfen und, wie fast wie alles heute, in China angefertigt worden. Dieses Spielzeug ist überdimensional vergrößert, ca. 10 Meter breit und 4 Meter hoch, aufgepumpt, d.h. es ist im Innern leer – praktisch nur eine Oberfläche, angeblich eine edle, silberne, aber eben nur angeblich. Und diese Oberfläche ist ein Zerrspiegel, sie spiegelt die Umgebung verzerrt. Hier, im Rokokofestsaal des Schaezlerpalais, war diese Verzerrung besonders peinlich: Die feinen, reich und kunstvoll verzierten Wände des Saals erschienen bei dieser Spiegelung wie eine Karikatur auf die Kunst des 18. Jahrhunderts.

Genauso kann man auch einen nicht unwesentlichen Teil moderner Kunstwerke betrachten: Aufgepumpt (»aus einer Mücke einen Elefanten machen«), im Inneren ganz leer, mit kleinen Kinder anziehender glänzender Oberfläche, und die alte feine Kunst karikierend, ohne selbst dabei Neues zu schaffen.

Diese Betrachtungsweise, vielleicht eine Randbetrachtungsweise, scheint mir nicht völlig falsch. Was meinen Sie dazu, liebe Leser?
(Iacov Grinberg)

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