Kann man über Zeit einen Film drehen?

8. November 2018 - 12:59 | Severin Werner

Das philosophische Kino im Thalia mit dem Film »Mein Bruder Robert ist ein Idiot«.

Was ist Zeit? Dieser Frage widmete sich am 23. Oktober das philosophische Kino im Thalia. Dass es schwierig ist, über Zeit zu sprechen, hält Augustinus in seinen Confessiones mit dem beliebten Spruch fest: »Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.« Wenn es schon allein schwer ist, über Zeit zu sprechen, wie kann es dann gelingen, darüber einen Film zu drehen?

Eine vorläufige Antwort darauf wäre – indem man sich Zeit nimmt. Der philosophische Spielfilm »Mein Bruder Robert ist ein Idiot« nimmt dem Zuschauer nämlich 3 anhaltende Stunden seiner kostbaren Zeit. Diese Länge braucht ein Film auch, wenn er etwas im Zuschauer verändern will, meint der Regisseur Philip Gröning. Aber nicht nur die Filmlänge, auch die Umsetzung des Films beanspruchte viel Zeit, denn die Idee für den Film hatte Gröning bereits im Jahre 1995.

Ein Zwillingspaar – Robert und Elena im Alter von 18 Jahren – befindet sich in der Vorbereitung auf die Abiturprüfung Elenas im Fach Philosophie. Ausgehend von der Frage »Was ist die Zeit?« beginnt ein Diskurs, der sich immer wieder an den Klassikern der Philosophie aufhängt. Während Robert, von seiner Schwester liebevoll »Idiot« genannt, überaus klug ist und häufig bekannte Textstellen rezipiert, erweist sich Elena als die »pragmatische« Denkerin, die so manche Diskussion mit originellen Sätzen beendet.

Wie kann Vergangenes oder Zukünftiges sein, wenn es sich doch dadurch auszeichnet nicht mehr zu sein oder noch nicht zu sein?

Mit Blick auf die bevorstehende Trennung der beiden Zwillinge, einer für sie schmerzhaften Entkoppelung ihres innigen Daseins, rettet sich das Paar in einer Art eigenen Zeitkapsel. In dieser funktioniert die Welt vollkommen nach den Regeln von Elena und Robert. Ein immer grenzenloseres Spiel beginnt, welches letztlich in einen fanatischen Moment des »Jetzt« endet. Dieser »Einbruch der Gegenwart« geschieht mit der unvorhersehbaren Brutalität, in welcher jegliche Rationalität ausgeschaltet wird. Erst nach dieser unmittelbaren Erfahrung von Gegenwart und der darauffolgenden Trennung der Zwillinge, scheint die Zeit wieder voranzuschreiten. Trennung und Zeit, als zentrale Motive des Films, stehen deshalb auch in unmittelbarer Verbindung, weil Gröning die These vertritt, dass erst aus dem Schmerz der Trennung des Säuglings von seiner Mutter Zeitbewusstsein entsteht.

Neben den Themen von Trennung und Zeit wirft der Film noch weitere philosophische und anthropologische Fragestellungen auf, die natürlich nicht versucht werden zu beantworten. Dieser Raum für Interpretation, den »Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot« offen lässt, regt den interessierten Zuschauer zum Nachdenken an und entfaltet seine Wirkung noch nach dem Film.

Die kleine Runde aus Kinobesuchern, Regisseur Gröning und Philosophie-Professor Uwe Voigt von der Universität Augsburg im Anschluss an den Film, war ebenfalls sehr erleuchtend und hat die Möglichkeit gegeben, viele der einzelnen Szenen nochmal zu verarbeiten und philosophisch zu reflektieren.

Thema:

Weitere Positionen

17. Oktober 2019 - 16:10 | Iacov Grinberg

Da die Schönheit im Auge des Betrachters liegt, ist bekannt. Auf der Ausstellung „modern vormodern“, die im Holbeinhaus läuft, haben wir ein Paradebeispiel dafür gefunden.

16. Oktober 2019 - 14:30 | Bettina Kohlen

Es geht schon los, bevor es los geht: Im Foyer schiebt einer in Latzhosen muffig seinen Besen herum. Vorgeschichten und verschiedene Ebenen verbinden sich in André Bückers Inszenierung von Shakespeares »Der Sturm« zu einem sehenswerten Ganzen.

16. Oktober 2019 - 9:42 | Severin Werner

»Annabelle« im Sensemble Theater bedient Klischees und steigert sich zu einem aberwitzigen Streitgespräch über Kinder, Karriere und Gott.

14. Oktober 2019 - 12:37 | Juliana Hazoth

Große Theaterhäuser wie die Metropolitan Opera in New York oder das Royal Opera House London übertragen ihre Aufführungen in die Kinosäle der Welt.

12. Oktober 2019 - 10:18 | Iacov Grinberg

Das Sensemble Theater zeigt ab dem 16. November sein neues Stück »Heute Hiasl: Anklage und Verteidigung eines Wilderers«.

9. Oktober 2019 - 12:22 | Thomas Ferstl

Regisseur Todd Phillips widmet der Geschichte des Comic-Bösewichts und Batman-Gegenspielers einen eigenen Film: »Joker«. Projektor – die a3kultur-Filmkolumne

9. Oktober 2019 - 12:10 | Juliana Hazoth

Anlässlich des 10. Jahrestags der Eröffnung der neuen Stadtbücherei Augsburg fand am vergangenen Freitag eine Podiumsdiskussion zum Thema »Die Zukunft des Lesens im Zeitalter der Digitalisierung« statt.

Lebenszyklen
8. Oktober 2019 - 19:43 | Renate Baumiller-Guggenberger

Martin Grubinger im 1. Sinfoniekonzert mit den Augsburger Philharmonikern: Werke von Liszt, Fazil Say und Richard Strauss machten den Saisonauftakt im Kongess am Park zum einzigartigen Erlebnis

5. Oktober 2019 - 8:06 | Gast

Ganz neue Klangwelten bietet das 1. Sinfoniekonzert des Staatstheater Augsburg am 7. und 8. Oktober – mit Martin Grubinger am Schlagzeug. Ein Gastbeitrag von Julika Jahnke

Premiere Born in the GDR
4. Oktober 2019 - 12:54 | Renate Baumiller-Guggenberger

Dagmar Franz-Abbott inszeniert im Sensemble mit »Born in the GDR« einen sehr berührenden und verblüffend persönlichen musikalischen Abend mit ausgewählter Ost-Musik zum Mauerfall-Jubiläum.