Kannibalismus, Krieg, Konfessionen

9. April 2017 - 8:50 | Martin Schmidt

Das Buch »Glaube. Hoffnung. Hass.« führt in zwei dunkle Jahrhunderte blutigen Glaubensstreits in und um Augsburg.

Martin Klugers Buch »Glaube. Hoffnung. Hass.« (context verlag, Augsburg) leitet in 13 Kapiteln chronologisch durch eine zerstörerische Geschichte – die eines erbitterten Glaubensstreits, entbrannt in und um Augsburg. Der Band umreißt die Zeit von Martin Luther in Augsburg (1518) über den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) bis zur »Sau aus Eisleben«, jenes im Jahr 1762 entstandene Deckenfresko in der bischöflichen Residenzstadt Dillingen, das Luther als Schwein verunglimpft. 

Der Autor führt dabei zu Bauwerken und Kunst in Augsburg, an der Donau, im Ries und Allgäu – und zeigt diese als Spiegel von Hass, Konflikt, Drangsal. Das Buch nimmt auf 336 Seiten und 241 Fotografien mit in eine grausame Welt, in der es möglich war, dass Augsburger auf ihren Hausdächern über das brennende Friedberg jubeln, dass bei Donauwörth mit dem »Kreuz- und Fahnengefecht« von 1606 eine der größten Katastrophen der deutschen Geschichte, der Dreißigjährige Krieg, beginnt. Autor Martin Kluger – Mitbegründer und Leiter des context verlags-zeichnet Geschichte(n) und Denkmäler konfessioneller Konflikte nach. Wo tritt ein Jesuit Martin Luther mit dem Fuß ins Gesicht? Weshalb kam es in Augsburg zu Kannibalismus? Gab es in manchen Gegenden wirklich Bevölkerungsverluste von bis zu mehr als 90 Prozent? Glaube damals führte zu Kirchen, Denkmälern, Deckenfresken, aber eben auch zu tiefem Leid.

Den eisigen Hauch einer solchen Religionsgeschichte haben Verlag und Autor in einem Buch in frischem, modernem Design und handlichem, manteltaschentauglichem Hochkantformat eingefangen. Der Band hat derart nicht nur die Anmutung eines Reiseführers, er ist auch einer: Zwei Karten führen den Leser durch Stadt und Land; die eine verzeichnet die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und Stationen im Augsburger Umland, die andere zeigt die Spuren Martin Luthers und bedeutsame Orte des konfessionellen Zeitalters in Augsburg. Dazu kommt ein Ortsregister mit über 100 Städten und Dörfern in Bayerisch-Schwaben. Gleichzeitig ist Klugers Werk ein fundiertes Geschichtsbuch, spannend aufbereitete Bildungslektüre, die sich auch in einem Stück lesen lässt. Eingestreut in diesen historischen Erzählstrom sind auf farblich unterlegten Seiten 36 Einzelporträts von Denkmälern und geschichtsträchtigen Orten. Rund 650 Quellen- und Literaturangaben geben Hinweise zu weiterführender Lektüre. Am Ergreifendsten bleibt es aber, die verzeichneten Orte mit dem Buch als Nachschlagewerk in der Hand persönlich zu besuchen: Leid und Krieg liegen lang zurück, ihre architektonischen Zeugen und Denkmäler stehen aber bis heute.

www.context-mv.de

 

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