Kasperl zum Erleben

23. April 2018 - 13:47 | Iacov Grinberg

»Verführt und Entgretelt. Oder Das Geheimnis von Nichts« von »Doctor Döbingers geschmackvolles Kasperltheater« im Sensemble

Für mich und meine Frau war Kasperl nur oberflächlich bekannt. Früher lebten wir im russischsprachigen Kulturraum, wo es andere Märchengestalten gibt und unsere Kinder sind nach Deutschland erst nach dem Kindergartenalter gekommen.

Hiesige Puppentheater zeigen mit Kasperl nur Kinderstücke, die wir – als Erwachsene – nicht besuchen. Wir haben Kasperl nur in einigen Sendungen der Puppenkiste gesehen. So wussten wir nicht, was uns erwarten würde, als der Verein »Freunde des Augsburger Puppenspiels e. V.« ein Gastspiel von »Doctor Döbingers geschmackvolles Kasperltheater« in den Räumlichkeiten des Sensemble organisiert hatte. Wir wussten nur, dass, falls der Verein zum Puppentheater einlädt, dieses Theater – wenn nicht sogar exzellent – dann mindestens sehr gut ist.

Wikipedia hat uns gesagt, dass Kasperl der komische Held des Kaspertheaters ist, eines meist mit Handpuppen gespielten Puppentheaters mit derb-naiver Handlung. Es hat »Standardpersonal« für »Gute« (Kasperl, Sepp, Gretel (die Frau und Stimme der Vernunft), Großmutter (Fee)), für »Böse« (Hexe, Zauberer, Teufel, Räuber, Krokodil) sowie für Ordnung, Gerechtigkeit und Obrigkeit (Prinzessin, Prinz, König, Wachtmeister). Mit diesen »Basiskenntnissen« kamen wir in den Saal.

Die Handlung hat mit einer Ansprache mit einigen feinen Witzen des unsichtbaren (wie es sich gebührt) Erzählers begonnen und vor unseren Augen hat das Publikum, ungeachtet modischer Kleidung und manchmal schon grauer Bärte, mit Vergnügen vergessen, dass es nach seinen ersten fünf Lebensjahren doch schon einige Jahre mehr hinter sich hatte. Auf die Aufrufe von der Bühne »Wo ist Maria? Ist heute Luisa auch da? Max hat heute keine Verspätung?« antworteten die entsprechenden Namensträger munter »Ist da!«.

Das Publikum rief laut Kasperl und Sepp aus, wobei Sepp so laut gerufen wurde, dass zwei Sepp-Figuren erschienen und Kasperl mit Mühe eine Figur wegschicken musste. Es begann ein schönes und amüsantes Durcheinander. Großmutter war mit Problemen vom Stuhlgang beschäftigt und erklärte den Kindern, dass es auf dieser Welt sehr wichtige Sachen gibt und dieses gehört zu den wichtigsten. Dann erschien ein Neffe mit Lederjacke und orange-farbigem Irokesen, ein Gesandter der Vermieter, und versuchte die Großmutter zu überlisten. Das Publikum hat ihr lautstark empfohlen, nicht zu unterschreiben.

Gretel, die Stimme der Vernunft, wurde Opfer einer Verführung, der böse Zauberer verwandelte die böse Hexe in eine Brezel. Es erschienen singende Pilze und das »Arschloch mit großen Ohren« höchstpersönlich. Alles war gewürzt mit Witzen, Anspielungen, Andeutungen und Kalauern, wie eine echte ungarische Salami mit feinem Bärenspeck.

Obwohl ich und meine Frau nicht alle lokalen Personen und Umstände kennen und folglich nicht alle Feinheiten dieser Witze, Anspielungen und Andeutungen verstanden, waren wir zusammen mit dem Publikum völlig in das Geschehen involviert und ließen uns von der gemeinsamen Stimmung ergreifen. Schon fast am Ende, als die Schauspieler ihre Köpfe über den Rampen zeigten, mit Puppen stritten und sagten, dass sie nicht genug Hände haben und einen Freiwilligen für eine Figur bräuchten – da war ich fast bereit aufzustehen und hinzugehen, obwohl ich keine Erfahrung im Puppenspiel habe. Aber ich verstand, dass es im Saal schon eine vorbereitete Person gab – in solchen Fällen darf man sich nicht auf den Zufall verlassen.

In Wikipedia steht, dass »Doctor Döblingers geschmackvolles Kasperltheater« seine Programme für Kinder und Erwachsene auch als Hörspiele macht. Das kann ich nicht verstehen. So ein Spektakel, das nicht nur für das Publikum, sondern zusammen mit dem Publikum gespielt wird, muss man live erleben. Man sollte die glücklichen Gesichter des Publikums nach diesem Theater sehen!

Nach der Aufführung rief der 1. Vorsitzende des Vereins »Freunde des Augsburger Puppenspiels e. V.« Christoph Mayer, dass das Theater unbedingt wieder gespielt werden sollte. Die Schauspieler haben zugestimmt. Falls das gelingt, besuchen Sie – nein, nehmen Sie teil an einem solchen Theaterstück, man muss es zusammen mit anderen live erleben. Unbedingt.

Weitere Positionen

23. Juli 2019 - 11:32 | Dieter Ferdinand

Das Jüdische Museum Augsburg Schwaben zeigt bis 31. Oktober die Ausstellung »Über die Grenzen. Kinder auf der Flucht 1939/2015« in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber.

22. Juli 2019 - 11:29 | Jürgen Kannler

Kulturreferent Thomas Weitzel – ein CSU-Mann. Ein Kommentar von Jürgen Kannler

22. Juli 2019 - 10:18 | Gast

Der UNESCO-Titel ist ein Bildungsauftrag, kein Marketinggag. Ein Gastbeitrag von Martin Kluger

6. Juli 2019 - 8:15 | Renate Baumiller-Guggenberger

Ganz klassisch – die a3kultur-Klassik-Kolumne im Juli

1. Juli 2019 - 12:57 | Renate Baumiller-Guggenberger

Premiere von Andrew Lloyd Webbers Rockoper »Jesus Christ Superstar« auf der Freilichtbühne am Roten Tor

1. Juli 2019 - 8:41 | Gast

Quergelacht: die a3kultur-Kabarett-Kolumne im Juli. Von Marion Buk-Kluger

28. Juni 2019 - 8:01 | Iacov Grinberg

Die neue Ausstellung »Immer Kopf« in der Galerie Süßkind zeigt Arbeiten von Mike Mayer.

26. Juni 2019 - 13:00 | Thomas Ferstl

Der Juli ist bald da, die Temperaturen steigen und die Kinoleinwände zieht es hinaus an die frische Luft. Projektor – die a3kultur-Filmkolumne

21. Juni 2019 - 10:23 | Bettina Kohlen

Ein Kaiser und ein Dichter spielen in diesem Sommer große Rollen im Augsburger Ausstellungsgeschehen.

21. Juni 2019 - 10:20 | Iacov Grinberg

Seit zwei Monaten tagt das »Philosophische Café« im Brechthaus. Das Thema der letzten Sitzung war »non-verbal«