Kein Folklorekitsch

22. November 2019 - 14:24 | Jürgen Kannler

Sebastian Seidel zeichnet den »Bayerischen Hiasl« eindrucksvoll als klassenbewussten Kämpfer und Gewalttäter.

Sensemble-Theater-Chef Sebastian Seidel ist der wichtigste zeitgenössische Dramatiker aus unserer Kulturregion. Seine Stücke finden international Beachtung. So hing heuer in der kroatischen Hauptstadt Zagreb am wichtigsten Theater des Landes ein Banner, das auf seine Komödie »Hamlet for you« aufmerksam machte. Politische Wachheit und die Lust, Position zu beziehen, kennzeichnen seine Arbeit. Das Publikum liebt seinen Humor und die Tiefe in den Dialogen. Eine starke Verwurzelung in seiner Wahlheimatstadt Augsburg und ihrer Geschichte prägen wichtige Teile seines Werks. Seine Rolle in der kulturpolitischen Landschaft der Region ist nicht zu unterschätzen.

Seinem Ruf, Projekte mit unterschiedlichsten Kooperationspartnern mit der nötigen Geduld und Strategie zu stemmen, wird er auch bei »Heute Hiasl« gerecht, seinem neuesten Werk. Als Regisseur brachte er seine Geschichte vom legendären Räuberhauptmann Matthias Klostermayr, dem »Bayerischen Hiasl«, am 16. November im eigenen Haus zur Uraufführung.

Der Prozess, an dessen Ende Klostermayr 1771 in Dillingen vom Leben in den Tod befördert wurde, dient als Gerüst für sein Leben, das anhand von Anklagepunkten, Polemiken der Juristen und der Selbstverteidigungsreden Hiasls aufgerollt wird. Besonders in diesem Punkt zeigt sich Seidels Können am Premierenabend. Mühelos agieren die Gedanken antiker Denker mit der Philosophie von Ökonomen aus dem 19. Jahrhundert und Bezügen aus dem Heute mit historischen Quellen. So entsteht das Bild eines durchaus sympathischen, klassenbewussten Kämpfers, aber auch eines Gewalttäters. Die Projektion dieses Spagats gelingt dieser Produktion auf beeindruckende Weise.

Florian Fisch (Foto, Hiasl), Sarah Hieber (Staatsanwältin), Olaf Ude (Richter) und der an diesem Abend 15-köpfige »Bürgerchor« (Leitung: Daniela Nering) zeigten wirklich gutes Theater. Die Musik zu dieser Inszenierung stammt von Rainer von Vielen. Gefördert wird die Produktion durch die Gemeinde Kissing, Wittelsbacher Land e.V. und die Regio Augsburg Tourismus GmbH.

www.sensemble.de

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