Kein Weihnachtsmärchen

5. Dezember 2018 - 9:24 | Thomas Ferstl

Projektor, die a3kultur-Filmkolumne im Dezember

Plötzlich und unerwartet ist es schon wieder Dezember, und Weihnachten steht in ein paar Tagen vor der Tür. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich wünsche mich angesichts der Menschenmassen auf dem Christkindlesmarkt und in der Annastraße aufs Sofa oder ins Kino, um einen herrlich weihnachtlichen Film à la »Ist das Leben nicht schön?« oder »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« zu schauen. Warum es sich diesen Dezember lohnt, einmal auf das gewohnte und geliebte Weihnachtsmärchen zu verzichten, und was Sie außerdem im Kino sehen können, erfahren Sie hier: 

Dass Astrid Lindgrens Leben nicht immer so unbeschwert und märchenhaft war wie das in ihren Kinderbüchern, wird viele alte und junge Fans ihrer Werke möglicherweise überraschen. Doch »Astrid« (6. Dezember, CinemaxX, Kinodreieck, Foto) der dänischen Regisseurin Pernille Fischer Christensen gewährt in der Adventszeit einen Einblick in die wohl schwierigste Phase im Leben der Erfolgsautorin.

Nachdem Astrid Lindgren (Alba August) in Småland eine unbeschwerte Kindheit verbracht hat, sehnt sie sich als junge Frau nach einem selbstbestimmten Leben. Bei der örtlichen Tageszeitung beginnt sie ein Volontariat und verliebt sich Hals über Kopf in ihren wesentlich älteren Chef Blomberg (Henrik Rafaelsen). Kurz darauf wird die unverheiratete 18-Jährige schwanger, im Schweden der 1920er Jahre ein Skandal. Aus Angst vor dem schwedischen Gesetz gegen Hurerei bringt Astrid ihren Sohn Lasse heimlich in Kopenhagen zur Welt und überlässt ihn Pflegemutter Marie (Trine Dyrholm). Zurück in Stockholm kann sie sich nur knapp über Wasser halten und spart alles für ihre Reisen zu Lasse und Marie. Ihr Sohn hat sich in der Zwischenzeit jedoch sehr an seine Pflegemutter gewöhnt und weicht kaum von deren Seite. Als Marie aber schwer erkrankt, muss Astrid Lasse zu sich holen. Nun steht das Mutter-Sohn-Duo vor einer schwierigen Aufgabe.

Nicht nur wegen des heiklen Themas ist Christensens Film ein mutiger. Sie vermied es, dramatisch-kitischige Szenen zu inszenieren, und schuf dadurch eine tiefgreifende Emotionalität. Lediglich einige Aufnahmen des ländlichen Schwedens wirken etwas zu idyllisch. Ein weiterer Vorzug dieses Films ist Alba August. Die junge schwedisch-dänische Schauspielerin trägt den Film scheinbar mühelos. Astrids Reifeprozess, der im Film über drei Jahre währt, zeichnet sich in Augusts Gestik und Mimik eindrucksvoll ab.

So ist »Astrid« ein berührender Film ohne Arthouse-Kitsch und lässt, trotz schwierigen Themas, durchaus Weihnachtsstimmung beim Zuschauer aufkommen.

Wenn Sie aber doch nicht darauf verzichten können, sich von einem kitschigen Märchen einlullen zu lassen, hat Disney mit »Mary Poppins’ Rückkehr« (20. Dezember, alle Kinos) genau das Richtige für Sie.

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