Keine Lachnummer

9. Oktober 2019 - 12:22 | Thomas Ferstl

Regisseur Todd Phillips widmet der Geschichte des Comic-Bösewichts und Batman-Gegenspielers einen eigenen Film: »Joker«. Projektor – die a3kultur-Filmkolumne

Zunächst einmal herzlichen Dank an das Internationale Filmfest Oldenburg, das auch im 26. Jahr seines Bestehens und zu meinem vierten Besuch wieder herausragende Filme präsentiert hat. Je nach Veröffentlichung der Filme in Augsburg erfahren Sie darüber in den kommenden Ausgaben mehr. Im Einklang mit dem Literaturressort lesen Sie in dieser Ausgabe etwas zu einem besonderen Film, dem Comics beziehungsweise Graphic Novels zugrunde liegen. Warum er keine Lachnummer ist und was Sie diesen Monat sonst noch im Kino zu sehen bekommen, erfahren Sie hier:

Der »Joker« (10. Oktober, alle Kinos) ist vielleicht der Comic-Bösewicht schlechthin und Widersacher eines der beliebtesten Superhelden der letzten Jahre – Batman. Woher diese Figur kommt, woher sie die Motivation für ihre grausamen Verbrechen schöpft, wurde in den Comics wie in den Verfilmungen bisher nicht eindeutig geklärt. Jack Nicholsons Joker in »Batman« (1989) ist die rechte Hand eines Verbrechers, der während eines Kampfes mit Batman in ein Säurebad stürzt und daraufhin auf Rache sinnt. Heath Ledgers (»The Dark Knight«, 2008) und Jared Letos (»Suicide Squad«, 2016) Darstellungen lassen eher auf eine geistige Erkrankung des Verbrechers schließen und lassen abgesehen von einigen wenigen Andeutungen die Hintergrundgeschichte völlig offen.

Regisseur Todd Phillips macht dem nun ein Ende und widmet der Geschichte von Batmans Gegenspieler einen eigenen Film. Alles beginnt 1981 in Gotham City: Der sensible Außenseiter Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) lebt zusammen mit seiner Mutter in einem schäbigen Apartment. Arthur, der seit seiner Kindheit selbst in den unpassendsten Situationen anfängt, laut zu lachen, arbeitet als Werbe- und Partyclown. Regelmäßig trifft sich Arthur mit seiner Sozialarbeiterin, bei der er eine Art Psychotherapie absolviert. Als ihr die öffentlichen Mittel gestrichen werden, die wöchentlichen Treffen sowie seine Medikamente ausbleiben und er mehrfach verprügelt wird, gerät sein Leben endgültig aus den Fugen. Mit der Erschießung von drei Männern tritt er eine Welle der Gewalt in der Stadt los, die sich zum Kampf Arm gegen Reich zuspitzt.

Joaquin Phoenix’ Darstellung ist unglaublich intensiv und macht den einstigen Superbösewicht zu einer nahbaren Figur, für die man erschreckenderweise in Teilen Partei ergreifen kann. Dabei bleibt zu beachten, dass der Joker als Erzähler seiner eigenen Geschichte nicht linear, sondern zwischen Imagination und von Psychosen gefärbter Realität hin- und herwechselt.

Phillips inszenierte hierfür klare, harte und widerliche Szenen, die den verrohenden Zeitgeist der ausgehenden 2010er-Jahre widerspiegeln. »Joker« ist ein Film, der dem Zuschauer mit voller Wucht in den Magen schlägt und einem dabei eben wie ein Clown ins Gesicht grinst. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Joker nach dem Kinostart den Rechten und sogenannten Incels, einer US-amerikanischen Internet-Subkultur von überwiegend weißen, heterosexuellen Männern, die unfreiwillig keinen Geschlechtsverkehr haben und der Ideologie einer hegemonialen Männlichkeit anhängen, eine Galionsfigur für ihren Hass und ihre Gewalttaten liefert.

Chancen auf einen Oscar dürfte der Film trotz Joaquin Phoenix’ überragender Performance deshalb nicht haben. Diese ist den Charakterdarstellungen von Ledger und Nicholson mindestens ebenbürtig, wenn sie sie nicht gar übertrifft. Die stehenden Ovationen und die Prämierung mit dem Goldenen Löwen beim Filmfestival in Venedig sprechen für sich.

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