Keine Zeit wie jede andere

27. März 2020 - 11:10 | Jürgen Kannler

Corona lehrt uns: Nichts ist wie es war. Unsere Gesellschaft ist verunsichert. Viele, gerade auch Kulturmacher, sind verzweifelt. Um die Krise in den Griff zu bekommen, braucht es verlässliche Strukturen und neue Wege. Wechsel bei Bürgermeistern und in Referaten kämen zur Unzeit.

Ein Kommentar von Jürgen Kannler

Seit dem 18. März arbeitet die a3kultur-Redaktion im Corona-Modus. Die Produktion unserer Printprodukte ist weitgehend auf Eis gelegt. An eine Distribution von Programmen, Plakaten, Zeitungen und Magazinen über unsere Partner*innen aus den Bereichen Kultur, Bildung, Sport und Gastronomie ist in den kommenden Wochen nicht zu denken. Ein Antrag zur alternativen Verteilung über Zeitungstaschen, montiert im öffentlichen Raum, blieb von der Stadt bisher unbeantwortet. Kurzarbeit wurde für alle Mitarbeiter*innen beantragt. Was noch zu tun ist, arbeiten die Kolleg*innen zuhause ab. Telefonkonferenzen in unterschiedlichen Besetzungen sind an der Tagesordnung, sie sind jedoch kein echter Ersatz für die sozialen Kontakte unseres Redaktionsalltags.

Die Frage, wie die Zusammenarbeit mit den Kulturschaffenden unserer Region in diesen Ausnahmezeiten aussehen kann, und wie wir unseren Leser*innen eine Teilhabe anbieten können, beschäftigt die Kolleg*innen. Eine erste Antwort war die Entwicklung eines neuen a3kultur-Podcasts. Titel: »Unsere Kulturregion vs. Corona«. Auf der neuen Seite what-goes-on.de finden sich die ersten Gespräche mit Kulturmacher*innen und Politiker*innen über die aktuelle Situation, Auswirkungen und Perspektiven für unsere Region in Corona-Zeiten. Geplant sind vorerst zwei bis drei Folgen pro Woche.

Die ersten Gespräche mit den Politikern Martin Sailer (Bezirkstagspräsident des Bezirks Schwaben und Landrat des Landkreises Augsburg) und Thomas Weitzel (Kulturreferent der Stadt Augsburg) zeigen, wie hart die Krise das System der Politik und Verwaltung getroffen hat. Echte Koordination zwischen regionalen und lokalen Behörden und Ämtern ist schwierig. Schnelle Hilfe für die Kulturschaffenden ist oft vom guten Willen und persönlichen Einsatz der Entscheider*innen abhängig. So braucht es zum Beispiel einen Dringlichkeitsbeschluss des scheidenden OBs Kurt Gribl, um die Quartalszahlungen an die freien und privaten Theater, ohne dabei die vertraglich festgelegten Aufführungen und Programme einzufordern, zur Auszahlung zu bringen. Gute Kontakte zur Politik sind für Kultureinrichtungen jetzt von höchster Bedeutung, um nicht unter die Räder zu kommen. Aber nicht alle Kulturschaffenden können auf eine Vernetzung wie das Junge Theater Augsburg oder das Sensemble Theater bauen. Eine klare und transparente Vergabepraxis aller Mittel für Kulturprojekte und Kulturorte wird in Augsburg seit Jahren vergeblich eingefordert. Diese Forderung unterstützen auch Valentin Holub (Geschäftsführer der Bayerischen Kammerphilharmonie) und Sebastian Seidel (Leiter des Sensemble Theaters). Die Podcasts mit den beiden Kulturmachern sind ebenfalls in unserer Serie »Kulturregion vs. Corona« zu hören.   

Gute Kontakte zur Politik sind für Kultureinrichtungen jetzt von höchster Bedeutung

Ihnen geht es wie fast allen Kulturarbeiter*innen, sie bangen um ihre wirtschaftliche Existenz und um das berufliche Überleben. Auch von Kolleg*innen, mit denen sie zum Teil schon seit Jahrzehnten zusammenarbeiten und die als Freiberufler*innen meist über noch schlechtere Karten verfügen als die Vertreter*innen etablierter Kultureinrichtungen. Verzweiflung und Trostlosigkeit bahnen sich den Weg. Die von Ministerpräsident Markus Söder angekündigte Soforthilfe lässt auf sich warten. Die mit der Antragsbearbeitung befasst Regierung von Schwaben ist der Herausforderung, Anträge im fünfstelligen Bereich zeitnah zu bearbeiten, nicht gewachsen.

Auch die Anträge auf Kurzarbeitergeld stauen sich bei der Agentur für Arbeit. Ein vom Bund großspurig angekündigter unbürokratischer Zugang für Kreativarbeiter*innen zur Grundsicherung entpuppt sich als Groteske (siehe SZ vom 25. März). Inwieweit Hilfsprogramme von Bund, Ländern und Kommunen als Einzelposten additiv zu verstehen sind, oder ob sie sich in Teilen gegenseitig ausschließen werden, ist unklar.

Nicht ausbezahlte Projektgelder könnten eine Basis für einen Kultur-Hilfsfonds bilden

Unklar ist auch, was mit den Geldern geschieht, die für die kommende Monate bereits projektbezogen genehmigt wurden, aber wegen den flächendeckenden Programmausfällen nicht ausbezahlt werden. Allein in Augsburg summiert sich der Betrag bis Ende April auf eine sechsstellige Summe. Dieses Geld ist da. Es steht der Politik und Verwaltung zur Verfügung. Es könnte eine Basis für einen städtischen Kultur-Hilfsfonds bilden. Vorausgesetzt es finden sich in Politik und Verwaltung engagierte und mutige Macher*innen, die sich dem Thema annehmen.

Nun gilt es nicht nur Soforthilfen auf den Weg zu bringen. Corona wird noch lange für unser Leben bestimmend sein. Eine geregelte und gerechte Verwaltung des Ausnahmezustands muss organisiert werden, um Planungen für einen Neustart im Mai, Juni oder sonst wann zu unterstützen und mit in Angriff zu nehmen.

Neubesetzung der Bürgermeisterämter und Referate auf die Nach-Corona-Zeit verschieben

Um diese Aufgaben zu bewältigen, sollte sich die Politik in Bayern darauf verständigen, die Neubesetzung der Bürgermeisterämter und Referate auf die Nach-Corona-Zeit zu verschieben. Ein*e neue*r Referent*in oder ein*e frisch gewählte*r Oberbürgermeister*in hat in der Regel 100 Tage, um sich einzuarbeiten. Diese Zeit hat unsere Gesellschaft gerade aber nicht. Es zählt jeder Tag, an dem sich eingespielte Teams und gewachsene Strukturen gemeinsam der Krisenbewältigung stellen. 

Keiner weiß wie lange die Corona-Krise unser Leben bestimmen wird. Die Schulen sind gegenwärtig bis zum 19. April geschlossen. Gleiches gilt für die meisten Kulturorte in unserer Region. Keiner kann davon ausgehen, am 20. April wieder in ein Leben wie vor der Pandemie zu starten. Unsicherheit bestimmt unseren Alltag.

Wir sind dabei, unsere Gesellschaft in systemrelevante und nicht-systemrelevante Menschen zu unterteilen. Das ist gefährlich. Der Wert des Menschen bestimmt sich nicht durch die Funktion. Kultur verkörpert auch den Wert des Ganzen. Sie ist unsere wertvolle Errungenschaft und muss vor Zerstörung in Krisenzeiten wie diesen geschützt werden. In Augenblicken, in denen unsere Bürger- und Grundrechte weitgehend außer Kraft gesetzt werden, und so die Blaupause zur Einrichtung eines  Unrechtsstaat entsteht, könnten und müssten schnelle, unbürokratische und wirksame Maßnahmen, auch abseits geltender Rechtslagen, gefunden und angewandt werden, um der Zerstörung unserer Kulturlandschaft Einhalt zu gebieten. Dies wäre ein ebenso gefährlicher wie anspruchsvoller Balanceakt, voller Chancen und Möglichkeiten, aber auch voller Untiefen und Abgründe.  

Wir sollten das Wagnis eingehen. Kultur ist eine wertvolle Ressource und hält eine Infrastruktur vor, in der Bedeutung vergleichbar mit unseren Kommunikationssystemen und Verkehrswegen. Ein funktionierendes Kulturleben ist für ein gerechtes und  friedliches Zusammenleben und Arbeiten in der Post-Corona-Zeit unabdingbar. Wir brauchen Kultur – und Kultur braucht uns alle.


Abbildung oben: Plakatgrafik der Stadt Augsburg zum Schutz vor dem Coronavirus


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