»Keiner von uns reicht an Mozart heran!«

9. Oktober 2020 - 8:56 | Gast

Howard Armans neue Ergänzung von Mozarts Requiem beim diesjährigen Mozartfest. Ein Gastbeitrag von Simon Pickel

Mozarts Requiem ist das wohl sagenumwobenste Werk der Musikgeschichte. Die Verschwörungstheorien reichen vom nächtlichen Boten, der heimlich den Auftrag brachte, bis hin zur Ermordung Mozarts. Alles Humbug! Die wahre Geschichte ist schnell erzählt: Graf Franz von Walsegg bestellte über eine Wiener Kanzlei eine Totenmesse bei Mozart. Anonym und gegen hervorragendes Honorar. Walsegg hatte vor, das Requiem unter eigenem Namen bei einer Gedenkfeier für seine kürzlich verstorbene Frau uraufführen zu lassen. Mozarts Tod kam dazwischen und um das Honorar nicht zu verlieren, beauftragte Constanze Mozart Joseph Eybler, Maximilian Stadler und schließlich Franz Xaver Süßmayr mit der Fertigstellung. Süßmayrs Ergänzung gilt bis heute als »Standardversion« des mozartschen Requiems. Constanze lieferte das fertige Werk ab, kassierte das Honorar und der Graf führte das Requiem wie geplant auf. So weit, so einfach.

Kompliziert wird es erst, wenn man sich fragt, wie und womit Eybler, Stadler und Süßmayr das Fragment ergänzten. Vieles war nur sehr bruchstückhaft hinterlassen, manches gar nicht. Leider war vor allem Süßmayr mit nur wenig kompositorischem Geschick gesegnet. Unter großem Zeitdruck schuf er eine Ergänzung, die vor Satzfehlern und unpassenden Instrumentierungen nur so strotzt. Angeblich hielt sich Süßmayr dabei an »Zettelchen« mit Skizzen, die Mozart hinterlassen haben soll. Gesichert ist das aber nicht und das Ergebnis entspricht definitiv nicht dem, was Mozart komponiert hätte.

Es gab seither zahlreiche Versuche, ein »authentischeres« Requiem zu schaffen. Auch Howard Arman (Foto © Astrid Ackermann), künstlerischer Leiter des Chores des Bayerischen Rundfunks und selbst Komponist, hat sich 15 Jahre lang intensiv mit Mozarts Opus ultimum beschäftigt. Die größte Herausforderung dabei war, »Hand an ein Stück [zu legen], bei dem die Unvollkommenheit schon längst ein Bestandteil des Werks ist«. Und Arman stellt fest: »Keiner von uns reicht an Mozart heran!« Daher greift er in seiner im Januar 2020 uraufgeführten Version nur auf das Material zurück, das zweifelsfrei von Mozart stammt, und beweist großen Respekt vor der Historie des Werkes. Neben einer ungemein durchsichtigen Instrumentierung enthält Armans Requiem-Vervollständigung als Höhepunkt eine neu komponierte Amen-Fuge am Schluss des Lacrymosa, wie von Mozart vorgesehen.

Mozarts Requiem ist genau genommen in doppelter Hinsicht unvollendet: Im katholischen Begräbnisritus schließt sich an die Missa pro defunctis ein Teil mit Exequien an, zu denen auch das Responsorium Libera me, Domine gehört. Es ist nicht bekannt, ob Mozart einen solchen Satz noch komponiert hätte, liturgisch ist das Fehlen allerdings ein Mangel. Ritter Sigismund von Neukomm war ein Zeitgenosse Beethovens, enger Mitarbeiter Joseph Haydns, mutmaßlicher Spion und glühender Verehrer Mozarts. Als Musiklehrer am brasilianischen Königshof in Rio de Janeiro führte Neukomm das Requiem mit einem von ihm selbst speziell hierfür komponierten Libera me auf. Eine spannende Entdeckung!

Seit 2015 ist Simon Pickel Leiter des Mozartbüros der Stadt Augsburg und damit u.a. für die künstlerische Leitung des Deutschen Mozartfests zuständig.
www.mozartstadt.de

Mozarts Requiem mit einer neuen Ergänzung von Howard Arman ist am Samstag, 10. Oktober, 20 Uhr, im Kongress am Park zu hören. Mitwirkende sind der Chor des Bayerischen Rundfunks und die Akademie für Alte Musik Berlin sowie Solist*innen unter der Leitung von Howard Arman. Bereits am 2. Oktober erschien eben diese Version in der Mozartfest-Besetzung bei BR-Klassik auf CD.

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