Das Kind hat laufen gelernt!

3. Juli 2016 - 8:32 | Patrick Bellgardt

Der Erfolg der Friedberger Zeit hat viele Gesichter. Ohne Gabriele und Hubert Raab würde es das historische Altstadtfest, wie wir es kennen, heute jedoch nicht geben. Ein Interview

a3kultur: Herr Raab, 1989 wollte der damalige Bürgermeister Albert Kling ein Fest zum 725-jährigen Jubiläum Friedbergs veranstalten. Die Idee, das Ganze in eine andere Zeit zu versetzen, stammt von Ihnen. Wie kam es dazu?
Hubert Raab: Bürgermeister Kling wollte etwas machen, bei dem nicht nur die Kernstadt im Mittelpunkt steht, sondern auch die Stadtteile. Da kam ich spontan auf die Idee eines historischen Fests, wobei sich Gruppen aus allen Gemeinden beteiligen sollten. Von diesem Einfall war er sofort begeistert. Dem Bürgermeister schwebte jedoch zunächst ein Renaissance-Fest vor, wie es landauf landab gefeiert wird. Für mich war klar: Das konnten wir nicht machen! Friedberg ist im Dreißigjährigen Krieg komplett abgebrannt. Das heutige Ambiente der Stadt stammt aus dem 18. Jahrhundert – dem Höhepunkt der Friedberger Geschichte, insbesondere was das Handwerk betrifft. Man denke an die Uhrmacher, die Gold- und Silberschmiede, die Fayencerie im Schloss. Als ich dann in den Stadtrat eingeladen wurde, habe ich heftig gegen ein Renaissance-Fest argumentiert und bin dafür eingetreten, eine Eigenständigkeit zu entwickeln. In ganz Deutschland sah man Ritter, Landsknechte und Hoffräulein, nicht aber das 18. Jahrhundert. Alle waren begeistert – und Bürgermeister Kling hat sich umstimmen lassen.

Die Politik hat mitgemacht, doch gilt das auch für die Friedberger Bürgerinnen und Bürger? Wie hat sich das Engagement entwickelt?
Hubert Raab: Das Fest ist inzwischen erwachsen geworden. Damals steckte die Friedberger Zeit noch völlig in den Kinderschuhen. Die Gruppen wussten ja nicht, was auf sie zukommt. Alle waren ein wenig abwartend, vielleicht sogar skeptisch. Da war viel Ausdauer nötig. Ich denke zum Beispiel an das Technische Hilfswerk, das heute die Stadtwache stellt. Zusammen mit dem damaligen CSU-Stadtrat Reinhard Pachner saß ich fast die ganze Nacht mit den THW-Mitgliedern zusammen, habe ein Bier nach dem anderen getrunken und Überzeugungsarbeit geleistet. Am Ende waren sie dabei.

Gabriele Raab: Wir sind auf die Gruppen zugegangen. Eine unserer Grundideen war beispielsweise, dass sich die Schulen mit der Geschichte Friedbergs beschäftigen. Da haben wir die Schulleiter und Lehrer eingeladen. Ich hatte ein genaues Konzept, was die Schulen machen können. Natürlich hatten wir über die Jahre nicht bei allen Gruppen Erfolg. Ideen allein reichen nicht aus, es braucht immer auch jemanden, der sie verwirklicht.  

Hubert Raab: Wir haben uns immer wieder überlegt, wen wir noch heranziehen können. Im Laufe der Jahre ging es zunehmend auch um Fragen der Sicherheit. Wie können wir die Polizei mit einbeziehen? Da kam ich darauf, dass es in Friedberg eine bayerische Kordonstation gab. So entstand die heutige Gruppe der Cordonisten. Die Polizisten haben relativ schnell mitgemacht, doch wie sollten ihre Uniformen aussehen? Im Bayerischen Armeemuseum Ingolstadt haben wir dann herausgefunden, welche Einheit zur damaligen Zeit in Friedberg stationiert war. Letztlich waren die Gewänder denen ungarischer Husareneinheiten ähnlich.

Als historische Berater sind Sie bis heute im Organisationsteam tätig. Mit welchen Fragen beschäftigen Sie sich?
Gabriele Raab: Das fängt bei den Gewändern an, geht über Schützenscheiben bis hin zu den Speisekarten der Wirte. In diesem Jahr ist zum Beispiel erstmals der Bogenschützenclub Friedberg dabei. Da gibt man schon eine Richtung vor, was historisch passt und was nicht. Früher saß ich ganze Nachmittage lang am Telefon. Inzwischen arbeiten die Gruppen in der Regel selbstständig.

Hubert Raab: Wir versuchen in allen Bereichen, das Fest historisch stimmig zu gestalten. Dennoch gibt es Ausnahmen: alles, was die Gesundheit, das Recht und die Sicherheit erfordert. Jeder Verkäufer muss beispielsweise dem Finanzamt nachweisen, welchen Umsatz er gemacht hat, weshalb es in der Regel an jedem Stand elektronische Kassen gibt. So gut es geht, werden diese dann verkleidet.

Gabriele Raab: Einer der wichtigsten Punkte ist, dass jeder in seinem »Stand« bleibt. Bürger bleiben Bürger, Handwerker bleiben Handwerker, Geistliche bleiben Geistliche und so weiter. Diese und andere Dinge haben wir in der Präambel des Fests zusammengefasst. Wir hoffen natürlich, dass auch die zukünftigen Organisatoren dies beherzigen, sodass weiterhin die Alltagsgeschichte Friedbergs im Mittelpunkt steht. Schließlich macht gerade diese Authentizität das Fest so einzigartig.

Auf was freuen Sie sich zum 10. Jubiläum besonders?
Hubert Raab: Wir freuen uns über jeden, der mitmacht – seien es Schulgruppen, die ein Thema im Unterricht behandeln und daraus eine kleine Aufführung machen, oder ein Kirchenchor, der eine große Messe vor 600 Leuten gibt. Das Fest ist so erfolgreich, weil es den Leuten gefällt, weil es stimmig ist, weil es eine Einheit ist.

Gabriele Raab: Das Kind hat laufen gelernt! Und wir sind einfach froh darüber, dass die Friedbergerinnen und Friedberger mitmachen. Erst vor ein paar Tagen hat uns eine 70-jährige Bekannte erzählt: Bis jetzt hab ich immer nur zugeschaut – jetzt hab ich mir zum ersten Mal selbst ein Gewand gemacht.

Die Friedberger Zeit geht vom 8. bis 17. Juli in ihre Jubiläumssaison. Weitere Infos gibt es online unter: www.friedberger-zeit.de und hier auf www.a3kultur.de

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