Kino mit Zivilcourage

6. September 2018 - 10:10 | Thomas Ferstl

Wer noch nicht weiß, wie, wo und/oder wofür er sich engagieren soll, der kann sich diesen Monat im Kino inspirieren lassen. Projektor, die a3kultur-Filmkolumne

In Zeiten von säbelrasselnden Sultanen, Bondbösewichten und orangefarbenen Männchen mit Meerschweinchenfrisur in Präsidentenämtern, Nazis im Schlafrock, steigender Wohnungsnot, zunehmender Verarmung, Flucht und einem mittlerweile durchaus erlebbaren Klimawandel ist Zivilcourage vielleicht gerade jetzt das einzige Mittel zur Lösung. Wer noch nicht weiß, wie, wo und/oder wofür er sich engagieren soll, der kann sich diesen Monat im Kino inspirieren lassen. Was die griechische Mythologie und ein kleiner Ort in der Oberpfalz damit zu tun haben, erfahren Sie hier:

»Styx« (13. September, Kinodreieck) ist der Name eines Flusses aus der griechischen Mythologie. In ihm wurde Achilles von seiner Mutter gebadet, was ihn bis auf die Ferse unverwundbar machte. Er stellt aber auch die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Totenreich Hades dar. Letzterem begegnet auch Rike (Susanne Wolff), 40, Ärztin aus Köln. Um sich vom Notarztalltag zu erholen, sticht sie alleine mit ihrem Segelboot von Gibraltar aus in See. Ziel ist dabei die Atlantikinsel Ascension Island, ein kleines Paradies fast genau in der Mitte zwischen Afrika und Südamerika. Ihr Urlaub ist jäh beendet, als sie sich nach einem Sturm mitten auf hoher See in unmittelbarer Nachbarschaft eines überladenen, havarierten Fischerboots wiederfindet. Rund hundert Menschen drohen zu ertrinken. Rike folgt zunächst der gängigen Rettungskette und fordert per Funk Unterstützung an. Als ihre Hilfsgesuche unbeantwortet bleiben, die Zeit drängt und sich eine Rettung durch Dritte als unwahrscheinlich herausstellt, trifft sie eine folgenschwere Entscheidung.

Nahezu dokumentarisch gedreht, erinnert Wolfgang Fischers Film in seiner Nüchternheit und verzweifelten Stille an das Segeldrama »All is lost« mit Robert Redford. In manchen Szenen ist er dem Wahnsinn des Genrekollegen »Crowhurst« nahe. Durch diese Mischung gelang es dem studierten Psychologen Fischer und Susanne Wolff, einen unbequemen Film zu schaffen, der die Doppelmoral der scheinbar zivilisierten westlichen (politischen) Welt, professioneller Retter und Konzerne bloßstellt und Schicksale auf beiden Seiten der Notlage erlebbar macht.

»Wackersdorf« (20. September, Kinodreieck, Foto) in der Oberpfalz sollte 1985 die zentrale Wiederaufbereitungsanlage (WAA) für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland werden. In den Achtzigerjahren steigen die Arbeitslosenzahlen im Landkreis Schwandorf und der Landrat Hans Schuierer (Johannes Zeiler) steht unter Druck, Perspektiven für die Bevölkerung zu schaffen. Da erscheinen ihm die Pläne der bayerischen Staatsregierung wie ein Geschenk: In der beschaulichen Gemeinde Wackersdorf soll die besagte WAA gebaut werden, die wirtschaftlichen Aufschwung für die ganze Region verspricht. Doch als der Freistaat ohne rechtliche Grundlage mit Gewalt gegen Proteste einer Bürgerinitiative vorgeht, die sich für den Erhalt der Natur in ihrer Heimat einsetzt, steigen in Schuierer Zweifel auf. Vielleicht ist die Anlage doch nicht so harmlos wie behauptet. Er beginnt nachzuforschen und legt sich mit der mächtigen Strauß-Regierung an.

Oliver Haffners Politdrama wurde an Originalschauplätzen gedreht und ist ein Plädoyer für die demokratischen Werte und soziales Engagement. Zudem handelt es sich beim Publikumspreisträger des Filmfests München um die seltene Spezies des bayerischen Politfilms. Besonders im Hinblick auf derzeitige Verhältnisse ein sehenswerter Film.

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