Mit Klamauk am Drama vorbei

10. Februar 2017 - 11:21 | Dieter Ferdinand

»Faust I nach Goethe« auf der Brechtbühne des Theaters Augsburg

»Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen«, kündigt der Theaterdirektor im Vorspiel an. Vieles bringt Regisseur Christian Weise. Anfangs will ein »Entertainer« das Schauspiel in die Gegenwart holen, es geht um Trump und andere Figuren. Das wirkt überdreht, der Bezug zu »Faust I« wird nicht deutlich.
 
Gustaf Gründgens inszenierte das Drama 1957 in Hamburg und spielte den Mephisto. Danach entstand 1960 der Film, aus dem nun teils längere Passagen auf eine Leinwand projiziert werden, während vorne die Darsteller bis in Gesten hinein nachspielen und synchron nachsprechen. Man hört zugleich Filmton und Schauspieler, was die Verständlichkeit wiederholt beeinträchtigt. Häufig wird zu schnell gesprochen, auch schon im Film. Der damalige Faust Will Quadflieg bedauerte dies 1984 und sah darin den Unterschied zwischen Film und Theater. Immer wieder artet das Spiel in puren Klamauk aus. Eingeblendet werden auch Interviews mit Gustaf Gründgens und Elisabeth Flickenschildt zu deren Vergangenheit im NS-Staat.
 
Wie das Drama ohne überbordende Technik und Klamauk wirkt, zeigt die abschließende Kerkerszene. Film und Beiwerk sind abgeschaltet, Gretchen und Faust allein. Herzzerreißend, wie sie dem Freund die Plätze für die Gräber ihres Bruders und ihrer Mutter anweist. »Mich ein wenig beiseit‘… Und das Kleine mir an die rechte Brust.« Mephisto erscheint. Gretchen: »Gericht Gottes! Dir hab ich mich übergeben!« Mephisto: »Sie ist gerichtet!«, Stimme von oben: »Ist gerettet!«

Alexander Darkow als Faust und Ute Fiedler als Gretchen leben ihre Rollen. Jessica Higgins (Foto: Kai Wido Mayer) ist eine umtriebige Teufelin. Klaus Müller als männliche Marthe zeigt Verwandlungskraft. Christian Weise, geboren 1973, erzählt auf der Bühne, wie er den Faust-Film erlebte, der ihn lange begleitet hat. Jeder Regisseur muss sich seinen eigenen Zugang zu Goethes Schauspiel erarbeiten. Nun hat Weise seine Version vorgelegt: weniger »Faust I« als vielmehr Weises Abarbeitung am Film von 1960. Film, Drama und Dichter werden meines Erachtens eher ins Lächerliche gezogen. Wer Interesse hat, ist aufgerufen, sich ein eigenes Urteil zu bilden durch Anschauen und/oder weitere Vertiefung in Goethes dramatisches Hauptwerk.

Weitere Termine bis Mitte April 2017.

www.theater-augsburg.de

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